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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Literaturwissenschaft
 
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„Die Rede der Seele über den Körper“

Gudrun Debriachers Dissertation zeigt Heinrich von Kleist auf der Höhe der Anthropologie seiner Zeit

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Heinrich von Kleist für den medizinisch-naturwissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit durchaus aufgeschlossen war, ist alles andere als eine neue Erkenntnis. Vor allem während seiner Dresdener Aufenthalte finden sich Quellen, die eine intensive Auseinandersetzung mit der romantischen Medizin und Naturphilosophie nahelegen. Namen wie Gotthilf Heinrich Schubert, aber auch die Ärzte Eberhard Gmelin und Johann Nathanael Petzold werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Nicht zuletzt nach der großen Studie „Magnetische Fiktionen“ von Jürgen Barkhoff über den sogenannten „Thierischen Magnetismus“ aus dem Jahr 1995 sowie der bereits 1977 vorgelegten Studie von Herminio Schmidt über „Naturwissenschaft als Dichtungsprinzip“, ist das Themenfeld abgesteckt. Den Rahmen erweitert hat überdies eine Tagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft im Jahr 2004 unter dem Titel „Kleist und die Naturwissenschaften“, deren Ergebnisse sich in Kleist-Jahrbuch 2005 finden, und auch Katherine Weder hat zudem mit „Kleists magnetische Poesie. Experimente des Mesmerismus“ eine umfangreiche und gründliche Studie vorgelegt.

In diesem Kontext setzt Debriachers 2007 erschienene Wiener Dissertation an und zeigt dabei, um das Fazit vorwegzunehmen, Kleist auf der Höhe der Anthropologie seiner Zeit, beispielsweise im Sympathieverständnis eines Johann Heinrich Rahn oder in der „Bedeutung des Nervensystems als Vermittlungsinstanz zwischen Körper und Seele“, wie etwa von Johann Christian Reil beschrieben.

In vier Kapiteln, die überschrieben sind mit „Die Wissenschaft vom ganzen Menschen“, „Das commercium corporis et animae bei Heinrich von Kleist“, „Medizin und Seelenkunde der Goethezeit im Kontext des literarischen Werks Heinrich von Kleists“ und „Die ästhetische Anthropologie bei Heinrich von Kleist“, erörtert Debriacher die „Kleistsche Wissenschaft vom ganzen Menschen“, welche auf der „Suche nach Unendlichkeit in dem Wissen vom Tod“ ende: „Ausgehend von Kleists Studien der Naturwissenschaften und hier vor allem der Mathematik, seiner Affinität zu den Phänomen der Elektrizität, die zugleich zur Modewissenschaft des 18. Jahrhunderts wird, sowie seiner Beschäftigung mit dem thierischen Magnetismus und Somnambulismus“ beschreibt Debriacher „die Kleistsche Anthropologie“ zum einen als eine an der Goethezeit ausgerichtete Anthropologie mit ihrem „neu erwachten Interesse an Körperzeichen und Ausdrucksgesten“ und zum anderen als eine ästhetische Anthropologie, die zum Erhabenen wie auch zu einer „Poetik des Todes“ führt.

Debriacher erörtert Kleists ästhetische Anthropologie zunächst anhand des Themenfelds „Kleist und die Musik“, wobei sie Kleists Klarinettenspiel als „Verbindungsglied zwischen den strengen Regeln des preußischen Militärs und seinem künstlerischen Empfinden“ begreift: „Der Weg zur Kunst vollzog sich demnach in erster Linie über das Klarinettenspiel, und dieses verlangte äußerste Präzision, da der Ton einer Klarinette erst durch die richtige Proportionierung der Atemintensität sowie durch das Zusammenspiel von Lippenansatz, Atem und dem entsprechenden Griff entsteht.“

Zentrum einer „musikalischen Anthropologie“ ist für Kleist, so Debriacher, die Deklamation, „einer Kunstform“, der es um 1800 „vor allem um die Versinnlichung des Schriftlichen ging, um einen unmittelbaren Ausdruck von Gemütsbewegungen durch Töne“, wie sie etwa Heinrich August Kerndörffer in seinem „Handbuch der Declamtion“ definiert. Von der „Gemütsbewegungen durch Töne“ bis zur „Sphärenharmonie“ und der mathematischen Präzision der Musik widmet sich Debriacher am Ende dem Thema Bildende Kunst, wobei Kleists Aufsatz „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“ im Mittelpunkt steht. Kleists Suche „nach der Unendlichkeit“ ende in der „Endlichkeit“, und seine „Wissenschaft vom ganzen Menschen schließt ihren Kreis mit dem Wissen vom Tod, der […] als ewiger Refrain des Lebens […] immer wiederkehrt“.

Titelbild

Gudrun Debriacher: "Der Rede der Seele über den Körper". Das "commercium corporis et animae" bei Heinrich von Kleist.
Praesens Verlag, Wien 2007.
219 Seiten, 27,20 EUR.
ISBN-13: 9783706904353

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Letzte Änderung: 06.05.2010 - 15:15:45
Erschienen am:01.02.2010
Lesungen: 3355
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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