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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Deutschsprachige Literatur
 
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Tagebuch einer Krebserkrankung

Christoph Schlingensiefs ehrliches Zeugnis ist ein beeindruckender Text

Von Winfried StanzickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Winfried Stanzick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der berühmte Regisseur und Energiekünstler, der Tausendsassa der deutschen Kultur- und Theaterszene, jener Mann, der seit Jahren sprüht vor Ideen und der ruhelos von einem Projekt zum anderen hetzt, sieht sich Anfang 2008 von einem Tag auf den anderen mit der Diagnose eines Lungenkrebses konfrontiert; sein einer Lungenflügel ist betroffen, obwohl er doch gar nicht raucht.

Und so wie seine beruflichen Projekte versucht auch er auch diese Nachricht aufzunehmen. Er nimmt sich ein Diktiergerät und vertraut diesem Gerät in den folgenden Monaten fast täglich all das an, was er erlebt, denkt und fühlt: „Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verstehen und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen“, schreibt er Ende März 2009 in seinem Vorwort, als nach einer vorübergehenden Verbesserung seines Zustandes durch eine Operation und eine anschließende Chemotherapie, sich auch in seinem verbliebenen Lungenflügel Metastasen gebildet haben.

Es ist ein schreckliches Buch, das Schlingensief da geschrieben hat, weil es von einer Krankheit handelt, gegen die ein Mensch sich letztlich nicht wehren kann. Es ist ein elendes, ein wahnsinnig trauriges Buch, aber auch ein sehr schönes Buch, weil es seinem Autor gelingt, eine Authentizität herzustellen, die unter die Haut geht.

In einem Leben, dass immer bestand aus Energie, völliger Freiheit, Plötzlichkeit und die Menschen mitreißendem Enthusiasmus, aus Wut und grenzenloser Phantasie, hat der Krebs die Macht übernommen. Zunächst ist Christoph Schlingensief noch richtig bemüht, seine Diktate zu inszenieren, ist selbst ganz hingerissen von den vielen neuen Bildern, die ein solch radikal neuer Lebenszustand mit sich bringt: „Es gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schließlich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus Überblendungen bestehen und auf die die Leute völlig unterschiedlich reagieren.“

Er besucht das Grab seines Vaters, träumt davon, ein Opernhaus in Afrika zu bauen, wenn er wieder gesund wird und er setzt sich mit Gott auseinander. Mal ist er ihm nahe, mal ganz fern. Diese Gespräche mit Gott sind wohl die anrührendsten Passagen in diesem Buch, das einen einfach nicht kalt lassen kann. Wenn Schlingensief schreibt: „Und ich lebe doch so gerne.“ Oder wenn er immer wieder mit Gott rechtet, einen Gott, den er durchaus als seinen Gott ansieht, und ihn anklagt wie damals Hiob: „Und das lieber, Gott, ist die größte Enttäuschung, dass du ein Glückskind einfach so zertrittst.“

Das Buch ist ein Dokument eines Menschen, der so wie viele andere sprachlose Krebskranke vor ihm alle Phasen der Krankheit durchkämpfen muss, den Schock der ersten Nachricht, die Diagnose, die Hoffnung auf die Therapie, deren unsägliches Leid und am Ende doch zu spüren, dass man den Kampf verlieren wird. Aber er bleibt nicht sprachlos in seinem Leid; er spricht darüber, und behält gerade dadurch seine Menschenwürde bis zum nahen Ende, als er beginnt, Abschiedsbriefe in sein Handy zu tippen und jeder Optimismus verflogen ist.

Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem, nicht die Würde aufzugeben, obwohl sie einem an jeder Ecke des medizinischen Betriebs geraubt wird. Für einen gesunden Leser wie den Rezensenten ist die Lektüre eine permanente Frage an sich selbst, wie man in einer solchen Situation handeln und entscheiden würde. Und es bleibt zurück ein Gefühl der Dankbarkeit über jeden neuen Tag geschenktes Leben.

Titelbild

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.
254 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783462041118

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Letzte Änderung: 27.01.2010 - 13:52:00
Erschienen am:27.01.2010
Lesungen: 2696
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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