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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Politik und Geschichte
 
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Humanitäres Desaster

Klaus Weber, Ulrich Mücke und Jochen Meißner schreiben eine „Geschichte der Sklaverei“

Von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Zeitalter der Aufklärung war zugleich auch die düstere Epoche eines globalen Menschenhandels, in der über elf Millionen Afrikaner als Sklaven in die neue Welt verschleppt wurden. Während sich die europäischen Staaten an den Erträgen aus Zuckerrohr und Sklavenhandel bereicherten und in den Salons der westlichen Hauptstädte feinsinnige Philosophen gegen Ignoranz und Aberglauben anschrieben, vollzog sich auf dem Atlantik eine humane Tragödie von ungeheuren Dimensionen. Kaum jemand übte zunächst Kritik an diesem grausamen Geschäft, das Hunderttausende von Familien zerriss und Millionen Existenzen zerstörte. Der englische Philosoph John Locke befand zwar, dass ein Engländer niemals Sklave sein dürfe, nahm aber offenbar an der Sklaverei selbst keinen Anstoß. Jedenfalls investierte er wie später auch sein französischer Zunftgenosse Voltaire einen Teil seines Vermögens in den Sklavenhandel, ungeachtet der Tatsache, dass die Renditen des unmittelbaren Sklavengeschäfts nach heutigen Maßstäben eher bescheiden waren. Sie überstiegen kaum zehn Prozent des eingesetzten Kapitals, da für einen leistungsfähigen ‚Negersklaven‘ an den Küsten Westafrikas rund 40 Pfund in Waren oder Waffen zu bezahlen waren. Bei einer im Zeitverlauf von 15 auf 5 Prozent sinkenden Verlustrate während der etwa 50-tägigen Überfahrt lag der Erlös für einen Sklaven auf den Märkten in der Karibik gegen Ende des 18. Jahrhunderts zwischen 60 und 70 Pfund. Von der rund 60prozentigen Gewinnspanne mussten jedoch noch die Kapital- und Betriebskosten für Schiff und Besatzung abgezogen werden, ganz abgesehen davon, dass während der oft nur fünf oder sechs Reisen eines Seglers auch ein Totalverlust der Ladung auftreten konnte.

Das dreiköpfige Autorenteam um den Hamburger Professor und Spezialisten für die Geschichte Lateinamerikas, Ulrich Mücke, kann auf der Grundlage umfangreicher wirtschaftshistorischer Daten nachweisen, dass entgegen landläufiger Vorstellungen auch breite Kreise in Europa vom Sklavenhandel profitierten. Denn für die afrikanischen Sklavenmärkte wurden riesige Mengen an Textilien und sonstigen Handelswaren benötigt, die in ganz Europa produziert wurden, während auf den Werften in England, Frankreich und den Niederlanden die Flotten der Sklavenhändler entstanden. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte sich der afrikanische Sklavenexport nach Amerika auf 80.000 Menschen im Jahr gesteigert, was den Einsatz von mindestens 250 Sklavenschiffen erforderte. Renommierte Bankhäuser wie Barings oder Barclays haben ihre Wurzeln in eben jener Finanzierung des globalen Dreieckhandels, in den übrigens die lokalen Potentaten Afrikas als eifrige Lieferanten des „Menschenmaterials“ nicht weniger verstrickt waren als die dafür zu Recht geschmähten Europäer. So lautet denn auch die klare Aussage der Autoren: Der atlantische Sklavenhandel wäre ohne die Mitarbeit von Afrikanern nicht möglich gewesen.

Welche Auswirkungen hatte nun das Sklavengeschäft auf die Ökonomien der drei beteiligten Kontinente? Nur für Europa fällt die Bilanz eindeutig positiv aus, da sich aufgrund des ständigen Kapitalzuflusses aus Übersee und der konstanten Warennachfrage für den Erwerb der Sklaven im Laufe des 18. Jahrhunderts eine protoindustrielle Produktionsweise herausbildete, die bereits große Bevölkerungsteile auch in den deutschen Territorien aus dem landwirtschaftlichen Sektor abzog.

Für das Afrika südlich der Sahara aber war der Sklavenhandel nicht nur aus humanitären Gründen ein Desaster. Ökonomisch bedeutete er die Etablierung einer Kriegswirtschaft, durch die sich die afrikanischen Staaten vom Import europäischer Waren abhängig machten und damit eine eigene Warenproduktion bereits im Ansatz verhinderten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade diese ökonomische Sackgasse Afrika zum prädestinierten Opfer des späteren europäischen Kolonialismus machte.

Für die beiden Amerikas waren die Auswirkungen des Sklavenhandels naturgemäß am weitreichendsten. Wirtschaftlich verhinderte die mit der Sklavenhaltung verbundene hohe Kapitalbindung in den Plantagengebieten Investitionen in technische Innovationen, wie etwa verbesserte Fertigungsverfahren oder Transportwege, die schon im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer Stagnation der Sklavenhalterökonomien führte. Kulturell aber führte die gewaltsame Verschleppung von über elf Millionen Afrikanern zu einer nachhaltigen Prägung der beiden Amerikas, die es auch in dieser Hinsicht nach Ansicht der Autoren rechtfertigt, von einem Doppelkontinent zu sprechen.

Somit repräsentiert die sehr gelungene Publikation des Autorenteams zwei aktuelle und wichtige Trends in der historischen Forschung. Einmal kann der Sklavenhandel nicht mehr nur als Angelegenheit verschiedener einzelner Nationen betrachtet werden, sondern als eine umfassende transatlantische Aktivität mit vielen Akteuren, die letztlich schon als eine Protoglobalisierung erscheint. Zum anderen kann die Geschichte der beiden Amerikas nicht mehr länger als eine Geschichte der Europäer allein dargestellt werden. Berücksichtigt man die einfache Tatsache, dass von den rund 14 Millionen Migranten, die den amerikanischen Kontinent allein bis 1820 erreichten, rund 80 Prozent aus Afrika stammten, ist die Rede von einem „Schwarzen Amerika“ durchaus gerechtfertigt.

Den Autoren ist es gelungen, eine straffe, aber gleichwohl detaillierte Übersichtsdarstellung zu einem globalen Thema vorzulegen, in der auch die aktuelle Forschungshistorie nicht zu kurz kommt. In systematisch gegliederten Kapiteln befassen sie sich mit den wichtigsten Einzelaspekten der Sklaverei in Amerika, wie etwa der Beschreibung der Arbeitsbedingungen, der Entwicklung spezifischer afroamerikanischer Kulturen wie auch den klassischen Themen der Sklavenaufstände und Sklavenbefreiung. Ein abschließendes Kapitel richtet den Blick schließlich auch auf die Zeit nach der Sklaverei. Zahlreiche Karten und Tabellen runden den bemerkenswerten und flüssig geschriebenen Band ab.

Titelbild

Jochen Meißner / Ulrich Mücke / Klaus Weber: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
320 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-13: 9783406562259

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Letzte Änderung: 28.01.2010 - 15:09:27
Erschienen am:28.01.2010
Lesungen: 3422
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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