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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Krimi
 
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Identitätsschwindel

Tana French schreibt einen Krimi über ein ewiges Problem

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass jeder Einzelne von uns eine unverwechselbare Identität hat, ist eine Grundannahme, die es uns allen erlaubt, einigermaßen unproblematisch durchs Leben zu kommen. Das ist zwar wiederum mit Problemen verbunden, vor allem dann, wenn es einige Arbeit macht, diese Identität zusammenzuhalten. Aber nicht jedesmal, wenn man „ich“ sagt, nachlegen zu müssen, wer damit gemeint sein soll, ist schon sehr hilfreich.

Was aber, wenn man auf jemanden trifft, der einem nicht nur ähnlich sieht, sondern auch noch denselben Namen trägt? Das hört sich nach echten Schwierigkeiten an.

Schwierigkeiten, denen eine irische Polizistin namens Cassie Maddox, anscheinend nicht gern aus dem Weg geht. Was haben wir? Eine Polizistin, die nach Jahren undercover und in der Mordkommission in der Krise ist und deshalb in der Abteilung Häusliche Gewalt arbeitet.

Eines Morgens ruft ihr alter Boss aus der undercover-Abteilung an, Frank Mackey. Sie fährt an einen Tatort und findet dort eine junge Frau tot vor, die nicht nur aussieht wie sie selbst, sondern auch noch einen Namen trägt, den sie und Frank vor einiger Zeit für einen Einsatz erfunden haben. Mehr noch, anscheinend ist die Tote in die Biografie dieser erfundenen Lexie Madison geschlüpft und hat sie in der folgenden Zeit gelebt.

Sie studiert am Trinity College, sie schreibt an ihrer Doktorarbeit, sie lebt in einem Haus mit vier anderen Studenten, mit denen sie eine verschworene Clique bildet. Aber nun ist sie tot.

Die Frage, die sich stellt, ist also, warum? Und Frank Mackey kommt in der Tat genau auf die Idee, die man ihm zutraut. Cassie soll in ihre alte neue Identität schlüpfen, und in einem mehrwöchigen undercover-Einsatz in die studentische WG ziehen.

Nun werden wir von Tana French detailliert darüber aufgeklärt, dass ein undercover-Einsatz nicht ganz ohne ist. Die Gewohnheiten eines Menschen mag man zwar intensiv recherchieren können, aber es gibt derart viele Details, die das Profil einer Persönlichkeit ausmachen, dass sie kaum zu imitieren sind, und wenn doch, können sie zumindest binnen weniger Wochen derart intensiv angeeignet werden, dass niemand die Täuschung bemerkt.

Zwar ist Cassie Profi, aber: Ein Risiko bleibt. Dass sie es dennoch eingeht, ist in ihrer persönlichen Situation begründet: In der Krise steckend und sich selbst ungewiss, ist das, was jetzt passiert, logisch und konsequent. Wenn sie nun nach dem Schicksal der Toten sucht, sucht sie zugleich nach sich selbst, kann man so sagen. Auch wenn das nicht aufgeht.

Was passiert nun? Frank Mackey und der ermittelnde Beamte Sam O’Neill (der zugleich der Liebhaber Cassies ist) lassen die junge Frau wieder auferstehen. Sie hat, wie durch ein Wunder, überlebt und kehrt nach Wochen der Rekonvaleszenz wieder nach Hause zurück.

Dabei ist die Informationslage einigermaßen unübersichtlich, denn Lexies Mörder kann ebenso aus ihrer Vergangenheit stammen wie aus ihrer Gegenwart, der Mörder kann aus ihrer direkten Umgebung kommen oder aus dem Dorf, das den Bewohnern des Studentenhauses nicht freundlich gesonnen sind.

Wie dem auch sei, Cassie ist als Lexie in echter Gefahr, ohne zu wissen, woher sie kommen könnte. Mafia-Killer? Eifersucht einer Mitbewohnerin? Hass der Dorfbewohner? Zwar wird sie verkabelt und steht in regelmäßigem Kontakt mit ihren Kollegen, aber was hilft das, wenns drauf ankommt? Nichts, wie sich auch – naheliegend – herausstellen wird.

Die eigentliche Gefahr entsteht aber aus ganz anderen Umständen: Denn Cassie/Lexie fühlt sich in der Gemeinschaft ihrer Kommilitonen auffallend wohl. Sie lebt mit ihnen, sie genießt ihre Gegenwart und sie ermittelt gleichzeitig.

Tana French inszeniert das Ganze als erinnernde, reflektierende und gedenkende Erzählung Cassies/Lexies. Auf knapp 800 Seiten werden die Wochen wiedergegeben, die Begegnungen, Gespräche, die Versuche, Informationen zu sammeln und nicht aufzufallen. Genau und detailliert geht French dabei vor, so als ob sie sich scheuen würde, auch nur das Geringste von dem, was vorgefallen ist, auszulassen, und damit auch nur das Geringste von dem, was die Identität dieser geheimnisvollen Toten ausgemacht hat, zu vernachlässigen oder zu verlieren.

Und es ist das ausgemachte Ziel Cassies, herauszufinden, wer diese Frau war, Lexie und diese Frau, die sich der Identität Lexies bemächtigt hat. Frenchs Detailgenauigkeit geht so weit, dass sie nicht nur den Fall selbst löst, sondern auch noch auserzählt, was sie und ihre Kollegen sonst noch herausgefunden haben. Wenn es denn sein muss.

Titelbild

Tana French: Totengleich. Kriminalroman.
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
Scherz Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
780 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783502101925

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Krimi
 

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Letzte Änderung: 09.02.2010 - 18:41:47
Erschienen am:09.02.2010
Lesungen: 2244
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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