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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaft
 
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Dekonstruktion eines Mythos

Zu Sybille Ebert-Schifferers Buch über Michelangelo Merisi da Caravaggio

Von Frauke SchlieckauRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frauke Schlieckau

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über Michelangelo Merisi da Caravaggio wird viel geschrieben. Besonders die bunten Anekdoten und schaurigen Geschichten um den vermeintlichen „Vorzeige-Wüstling“ der italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts erfreuen sich in diesem Zusammenhang stets großer Beliebtheit und wurden im Verlauf der Zeit immer wieder ungeprüft übernommen, zitiert, vervielfältigt und das ein oder andere Mal durch fantasievolle Details ergänzt, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Es ist vor allem eine generelle Entwicklung, die sich hier an der Figur Caravaggios zeigt: Das stetig zunehmende Interesse an der Person des Kunstschaffenden, dem inzwischen als Rollenfigur vor allem ein symbolischer Wert zukommt, denn der Künstler verkörpert unsere Träume von einer nicht gesellschaftlich bestimmten Existenz. Die Künstlerfiguren, „wir brauchen sie vor allem als Entlastung vom eigenen sozialen Rollendruck und wir benutzen sie, um an ihnen soziale Freiräume und Differenzen zu erkunden“. Aus diesem Grunde interessieren wir uns für die Lebensentwürfe der Künstler, denn sie bilden eine Folie für unsere Spiegelungen, da sie ideale Projektionsfiguren sind. Das Ergebnis dieses Interesses artet allerdings mitunter in einem Klatsch- und Konstruierwahn aus, der nicht zuletzt auf dem menschlichen Bedürfnis nach einer Stilisierung von Heldenfiguren, sowie auf dem übergroßen Interesse am Privatleben berühmter Persönlichkeiten basiert. Im Falle Caravaggios führte er zur Zeichnung eines schillernden, aber einseitigen Bildes eines Künstlers, das bis heute oftmals weitergetragen und verbreitet wurde, ohne hinterfragt zu werden.

Was Caravaggio betrifft, das zeigt der vorliegende Band, hat die Kunstgeschichte kräftig „stille Post“ gespielt. Er sei ein schwieriger Mensch gewesen, suggerieren vor allem zahlreiche der älteren Texte unisono, ein Krimineller, der angeblich eine einjährige Gefängnisstrafe absolviert haben soll, gewalttätig, auffällig, ein „bestialischer Charakter“, auf die Welt gekommen „um die Malerei zu vernichten“. Aussagen, die bis heute das Bild beeinflussen, das wir von Caravaggio haben und die allen voran auf der Biografie Giovanni Pietro Belloris basieren, der Caravaggio zum „Archetyp des verruchten Künstlers“ avancieren ließ und auf dessen Monografie sich eine Vielzahl der nachfolgenden Werke immer wieder bezieht. Es ist ein Bild, das keineswegs der Wahrheit entspricht, sondern – und dass zeigt Sybille Ebert-Schifferer auf verdienstvolle Art und Weise in ihrer neuen, im C.H. Beck Verlag erschienenen Caravaggio-Monografie – das aktiv von der Kunstgeschichte konstruiert, geprägt und von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergetragen wurde. Tatsächlich haben viele der Autoren, die Ebert-Schifferer in ihrer Monografie nennt, keineswegs aus interesselosem Wohlgefallen, sondern aus weniger selbstlosen Motiven über Caravaggio geschrieben. Keiner ihrer Texte, das stellt die Autorin klar, kann daher ungeprüft für bare Münze genommen werden. Das „Beispiel Caravaggio“ macht somit deutlich, dass künstlerische Lobbyarbeit genauso wenig eine moderne Erfindung ist, wie gezielte Meinungsmache, die Durchsetzung interessegeleiteter Ausrichtungen oder der absichtliche Versuch, die talentierte Konkurrenz zu düpieren.

Von diesen Erkenntnissen ausgehend und auf intensiver Archivforschung der letzten Jahrzehnte, anstatt auf unzähligen Monografien basierend, gelingt es Ebert-Schifferer mit ihrer Arbeit, den Mythos des „Schwerverbrechers“ Caravaggio zu dekonstruieren. Sie weist verfälschte Aussagen nach, zeigt, wie sich Texte gegenseitig beeinflussen und wie dadurch ein Ruf entstand, der Caravaggio zwar einerseits Schaden zufügte, dem aber auch ein Teil seines Erfolg zu verdanken ist. Denn „Caravaggios heutige Popularität beruht weitgehend auf dem Kurzschluss von Belloris Manipulation mit ihrer postromantischen, paradoxen Umkehrung, der zufolge seit der im 19. Jahrhundert propagierten Identität von Genie, Kriminalität und Wahnsinn gilt, daß nur der verkannte Bohemian oder der Verbrecher ein genialer Künstler sein könne“. Ein besonders interessanter Aspekt ist an dieser Stelle, dass mitunter der Künstler selbst ein Interesse daran hatte, mit einem gezielt propagierten Image den Marktwert seiner Bilder zu erhöhen.

„Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk“ zeigt in diesem Zusammenhang, wie sehr Kunst einerseits von dem Geschmack der Zeit abhängt und andererseits, dass sich qualitativ hochwertige Arbeiten immer wieder unabhängig aller Strategien durchsetzen. Gekonnt legt Ebert-Schifferer die Motive hinter den zahlreichen widersprüchlichen Lesarten frei und zeichnet ein nüchternes Bild eines genialen Künstlers und seiner Arbeit, das frei ist von Schwärmerei, aber dennoch Caravaggios Können würdigt. Anhand akribisch im Anhang aufgeführter Fußnoten sowie Literatur- Bild- und Werknachweisen, ist es dem Leser möglich, die Quellen der Informationen gezielt und übersichtlich nachzuvollziehen. Mit ihrer sorgfältigen und genauen Forschungsarbeit und ideologie-kritischen Lesart erschließt uns die Direktorin der römischen Biblioteca Hertziana dadurch eine neue Perspektive auf Caravaggio, die gleichsam so aufbereitet wurde, dass sie auch für den kunsthistorischen Laien verständlich ist. „Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben“ macht deutlich, wozu Forschung in ihrer besten Form in der Lage ist.

Titelbild

Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen - Staunen - Glauben. Der Maler und sein Werk.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
320 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783406591402

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaft
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13974


Letzte Änderung: 01.02.2010 - 12:48:05
Erschienen am:01.02.2010
Lesungen: 2401
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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