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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Literaturwissenschaft
 
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Unscharf belichtet

Frank Mardaus untersucht das fotografische Schreiben in Uwe Johnsons „Jahrestagen“

Von Ulrich KrellnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Krellner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Erzählprosa Uwe Johnsons ist in den letzten Jahren wiederholt zum Gegenstand von kulturwissenschaftlich ambitionierten Fragestellungen geworden. Insbesondere die als exemplarisch empfundene Modernität des Romans Jahrestage rief eine ganze Reihe von Untersuchungen auf den Plan, die sich neben allgemeinen Aspekten der Medialität unter anderem mit der Rolle von Erinnerung und Gedächtnis, Fragen der Räumlichkeit und immer wieder auch mit der Bedeutung des Mediums Fotografie befasst haben.

Diesem Trend ist auch die hier anzuzeigende Dissertation von Frank Mardaus verpflichtet. Im Unterschied zu den Arbeiten von Jürgen Zetzsche und Sybille Horend, die der Literarisierung real vorhandener Fotografien im Werk Johnsons nachgegangen sind, stellt sich für den Verfasser die Frage jedoch anders: „Das Hauptaugenmerk liegt zunehmend weniger auf explizit vorliegenden Fotografien. An dessen [!] Stelle tritt aus den Indizien für das zunächst an einer Technik entlang aufgespürte fotografische Sehen allmählich eine spezifisch fotografische Qualität des Blicks, die neu zu definieren versucht wird“. Damit attestiert Mardaus der Fotografie die Bedeutung einer neuartigen Wahrnehmungstechnik, deren Existenz fundamentale Konsequenzen auch für die Literatur besitzt. Fotografien gelten nicht mehr allein als materiale Vorlagen, sondern als strukturelle Herausforderung an Erzähltechnik und Poetik. Johnson ist für den Verfasser folglich „nicht allein ein Dichter, der mit Fotografien arbeitete. Er entwickelte sie literarisch, differenzierte ihre Bedeutung aus“.

Die Valenzen dieser Ausdifferenzierung sucht Mardaus anhand verschiedener Motivkomplexe in Johnsons Roman näher zu bestimmen. Theoretisches Rüstzeug liefert ihm dafür die Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce, der mit den Begriffen ‚Ikon‘, ‚Symbol‘ und ‚Index‘ eine semiotische Terminologie zur Verfügung gestellt und insbesondere mit dem Indexbegriff die Fotografietheorie beflügelt hat. Mardaus’ Analysen zielen allerdings insofern an Peirce vorbei, als er dessen Bestimmung der Fotografie als ein ‚indexikalisches‘ Bildgebungsverfahren, das zwischen den symbolischen Repräsentationen der Literatur und den ikonischen Darstellungstechniken der Malerei eine neue dritte Position beansprucht, nicht teilen will. „Im Zuge dieser Arbeit wird […] der Versuch unternommen, dem Peirceschen Ikon jene Bedeutung wiederzugeben, die über der beinahe ausschließlichen Konzentration auf den Peirceschen Index, speziell im fotografischen Kontext, in den Hintergrund geriet.“

Mardaus’ doppelte Zielsetzung der Umwertung der Peirce’schen Fotografiekonzeption im Zeichen des Ikons bei gleichzeitiger interpretatorischer Applikation auf Johnsons Roman führt – das sei vorweggenommen – im Gang der Untersuchung immer wieder zu Unklarheiten, Irritationen und Widersprüchen. Einerseits überstrapaziert der Verfasser die indexikalische Dimension von Fotografie, um „endgültige Zuordnung[en]“ zu treffen, die der Textsinn von Johnsons Roman so niemals hergibt; etwa wenn er die Reise von Gesines Mutter nach Richmond auf den „23.8.1931“ glaubt datieren zu können, an dem in der Gegenwart des Jahres 1967 die Vergangenheitserzählung einsetzt – oder wenn die investigative Erzählstrategie der Jahrestage als „endgültige Vergegenwärtigung von Gesines einstigem Sein“ ausgegeben wird. In anderen – häufigeren – Fällen weicht Mardaus’ Interpretation konkreten Formulierungen aus und nimmt Zuflucht bei enigmatischen Wendungen, die sich auch dem verständniswilligsten Leser nur schwer erschließen: „Das fotografische Schreiben fungiert als ein literarisches Mittel, das den Protagonisten zugleich vor dem Dargestellten warnt, ihm jedoch den Rückzug auf das Gegenwärtige jederzeit ermöglicht – wenn er letzteren nur fände.“

Viele der angeführten Textbeispiele werfen überdies die Frage auf, ob die von Mardaus herausgestellte fotografische Programmatik tatsächlich das Gewicht eines selbständigen Diskurses in Johnsons Roman besitzt. Oftmals ist das fotografische Schreiben nichts anderes als eine Funktion der übergeordneten Thematik von Erinnerung und Gedächtnis, etwa wenn „Maries Fensterschau“ als eine „Evozierung vergangener Erinnerungsräume“ erläutert wird oder wenn die Platanen am New Yorker Riverside Drive „mitsamt ihren deutlich fotografischen Fragmenten“ im Rekurs auf jenen Jerichower Walnussbaum gedeutet werden, von dessen Versteck aus die Protagonistin einst Jakobs Schwarzmarktgeschäfte beobachtet hatte. Gelegentlich realisiert der Verfasser die Unzulänglichkeit des von ihm angelegten Paradigmas: „Fotografische Zeichen steigern von sich aus nicht die Fähigkeit, zu erkennen. Dies nämlich ist Aufgabe der Erinnerung“. Um deren komplexe Funktionsmechanismen im Erzählgefüge des Romans zu bestimmen, wurden in der Johnson-Forschung bereits mehrere Monografien vorgelegt, auf die sich die vorliegende Arbeit allerdings nur sporadisch bezieht.

Während der Verfasser das Gewicht fotografischer Zeichen in ihrer Bedeutung für Johnsons Roman einerseits überschätzt, reizt er andererseits die mit dem fotografischen Paradigma gegebenen Interpretationsmöglichkeiten nicht voll aus. Das liegt vor allem daran, dass Mardaus sich auf ein Konzept stützt, das lediglich die analoge Fotografie zur Kenntnis nimmt, die „mit Hilfe von Silbernitrat und Glasplatten das flüchtige Abbild der Dinge bannen wollte“. Eine Reflexion darauf, dass die Fotografie längst im Zeitalter ihrer ‚dubitativen‘ digitalen Manipulierbarkeit, so Peter Lunenfeld, angekommen ist, hätte nicht nur der beanspruchten Modernität des Analyseverfahrens gut getan, sondern auch den Ansatzpunkt für ein angemesseneres Verständnis von Johnsons Roman bilden können. Denn viele der in der Fiktion der Jahrestage verhandelten Fotos und Erinnerungsbilder werden in genau diesem Sinn auf ihre Unzuverlässigkeit hin problematisiert. Von solchen skeptischen Vorbehalten ist in der vorliegenden Arbeit jedoch wenig zu spüren, wenn es heißt: „Das Gewerk der Fotografie konserviert jenseits aller Abbildungsleistungen den singulär menschlichen Blick und seinen lebenszeitlichen Zusammenhang“ – was nichts weniger als eine romantische Idealisierung eines technischen Abbildungsverfahrens darstellt.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Versuch, einen komplexen Roman unter Umgehung literaturwissenschaftlich-erzähltechnischer Analysen zeichentheoretisch zu beschreiben, nicht ohne Auswirkungen auf die Ergebnisse der Studie bleiben konnte. Die in der Literaturwissenschaft seit dem frühen 20. Jahrhundert etablierte Vorstellung, literarische Kunst sei kein ‚Denken in Bildern‘ sondern ein ‚Verfahren‘ (Viktor Sklovskij), das sich spezieller narrativer Techniken bedient, bleibt in der vorliegenden Monografie ohne Widerhall. Zwar hat der assoziative Einfühlungsstil des Verfassers der Arbeit zu einer Anzahl von Beobachtungen verholfen, die die Bilderwelt von Johnsons Roman als eine teilweise fotografisch inspirierte deutlich werden lassen. Von einem „Bildprogramm“, wie der Titel des Buches suggeriert, sollte allerdings nicht gesprochen werden, da Mardaus wenig Anstrengungen unternimmt, die Ergebnisse seiner Arbeit zu systematisieren. Die weitgehend homonyme Verwendung von Begriffen wie ‚Foto‘, ‚Bild‘ und ‚Blick‘ trägt ihrerseits wenig dazu bei, die Befunde zum „fotografischen Schreiben“ zu präzisieren.

Der Rezensent gibt allerdings zu bedenken, dass die hier vorgebrachten Einwände den Text vielleicht gar nicht treffen, denn möglicherweise liegt das eigentliche Interesse dieser Arbeit nicht im Wissenschaftlichen. Wenn Mardaus etwa ein Dutzend Fotografien von Personen und Personengruppen, Motiven der Street-Fotografie und Interieuraufnahmen – alle ohne erkennbaren Bezug zu Johnsons Roman – in seinen Text einmontiert und autobiografisch-assoziativ erläutert, wird deutlich, dass Johnsons Werk streckenweise weniger als Forschungsgegenstand behandelt wurde, sondern als Sprungbrett für eigene künstlerische Ausdrucksformen gedient hat. Auch Mardaus’ Ausführungen über die impliziten Voraussetzungen des Fotografierens – „eine Fotografie sagt seltsamerweise wenig darüber aus, was der Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme tatsächlich in den Blick nahm“ – verstehen sich oft eher als Reflexionen eines praktizierenden Fotografen als dass damit das „Bildprogramm der Jahrestage“ erläutert würde. Als inspirierter Essay eines passionierten Foto- und Johnson-Liebhabers mag das Buch durchaus seine Berechtigung haben. Dann stellt sich allerdings die Frage, was die Herausgeber der „Johnson-Studien“ bewogen hat, diesen Text in ihre Reihe aufzunehmen. Wie dem auch sein mag: Ob die vorliegende Arbeit tatsächlich „ein differenziertes Instrumentarium für die Interpretation visueller Zeichen der Jahrestage etabliert“ hat, wie im Schlusskapitel selbstgewiss behauptet, wird in jedem Fall erst zu überprüfen sein, wenn zukünftige Untersuchungen an die hier eingeführte Begrifflichkeit anzuschließen vermögen.

Titelbild

Frank Mardaus: Fotografische Zeichen. Uwe Johnsons Bildprogramm in den "Jahrestagen".
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008.
196 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783525209486

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010 » Literaturwissenschaft
 

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Letzte Änderung: 01.02.2010 - 12:30:31
Erschienen am:01.02.2010
Lesungen: 3180
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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