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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2010
 
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Widerhallraum der Frequenzen

Anstatt eines Editorials: Flashback mit Jefferson Airplane und den Coen-Brothers – Gefühls-Erinnerungen im Kino

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„I realize I’ve been here before“: Als ich kürzlich im Kino Ethan und Joel Coens Film „A Serious Man“ (2009) sah, hatte ich eines dieser fast schon metaphysisch anmutenden Deja-vu-Erlebnisse. In der skurrilen Szene, in der der vom Schicksal schwer gebeutelte Physikprofessor Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg), eine Hiob-Figur, überaus linkisch auf dem Dach seines Hauses umhertaumelt, um die Fernsehantenne neu auszurichten, entdeckt er plötzlich die attraktive Nachbarin, die sich hinter einem weißen Bretterzaun nackt sonnt und dabei lasziv raucht.

So wie die Kamera, die dem Blick Gopniks folgt, die Schöne nicht ganz heran zoomt, sondern eher aus der Ferne zeigt und nur schemenhaft erkennen lässt, wird simultan im Gehör des Zuschauers aus dem Gewirr der kurz zuvor noch über die Tonspur vernehmbaren, chaotisch sirrenden und schwankenden Frequenzen der Radio- und TV-Sender, die Gopnik mit seinen Ohren eigentlich nicht hören kann und als Figur vielleicht auch gar nicht so wahrnimmt wie wir, plötzlich ein Song von Jefferson Airplane laut, und zwar „Comin’ Back To Me“ von der legendären Drogen-LP „Surrealistic Pillow“ (1967).

Diese träge und melancholische Akustikgitarrenballade mit bekifft anmutendem Geflöte und müdem Singsang passte in meinem individuellen Erleben wohl auch deshalb ideal zu den voyeuristischen Gefühlen des Begehrens, die die Szene auslöst, weil sie auf Anhieb eine gewisse Stimmung aus einer bestimmten Zeit voller Sehnsüchte heraufbeschwörte: 1967 war ich zwar noch gar nicht geboren, aber irgendwann in den 1980er-Jahren, als meine Freunde und ich nicht etwa Punk, sondern vor allem psychedelische Musik aus den 1960er- und 1970er-Jahren zu hören begannen, um sie nachzuspielen, brachte ein Mitschüler aus der niederrheinischen Kleinstadt Alpen von einem Gelderner Klassenausflug nach Köln genau diese krude rosa Scheibe von Jefferson Airplane mit. Einer der Songs, die ich mir damals von ihm auf Kassette aufnehmen ließ und den ich, ansonsten als angehender Gitarrist eher skeptisch, weil mir das alles irgendwie doch zu sehr Sixties war, trotzdem sehr schön fand, war „Comin’ Back To Me“.

In dem epiphanischen Kinoerlebnis nun überlagerten sich das historische (und wohl ebenfalls autobiografisch durchsetzte) Setting, das die Coen-Brothers in ihrem Film virtuos entwerfen und mit unzähligen ‚doppelten Böden‘ versehen, mit ganz persönlichen Gefühlsmustern, die in dem Moment wie aus großen Tiefen meines Hirns und meines Körpers wieder aufzutauchen und auf mich einzustürzen schienen: Der Song kam buchstäblich ‘zurück zu mir’, und ich sah mich jäh in einen seelischen Zustand versetzt, den ich in der Intensität und dieser spezifischen Färbung seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte, denn die Kassette mit den Jefferson-Airplane-Songs hatte ich mindestens seit Ende der 1980er-Jahre nicht mehr wieder angehört.

Dass dieses Erlebnis kein esoterischer Humbug ist, lässt sich unter anderem mit einem Aufsatz von Klaus Theweleit belegen, der sich, von der Psychoanalyse her kommend, neuerdings auch mit Hirnforschung zu beschäftigen beginnt. In Band 28 der „Freiburger literaturpsychologischen Gespräche“ („Körper.Konstruktionen“, 2009 herausgegeben von Joachim Küchenhoff und Joachim Pfeiffer) findet sich Theweleits Beitrag „Übertragung. Gegenübertragung. ‚Dritter Körper’. Zur Gehirnveränderung durch Medien.“ Der Autor versucht hier einen früheren Gedanken aus seinem „Buch der Könige 1“ (1988) wieder aufzunehmen, um ihn mit neuesten hirnphysiologischen Erkenntnissen zu untermauern: „Im Buch der Könige 1 habe ich die merkwürdige Erfahrung beschrieben, dass Schallplatten, die man Jahre später wieder hört, dem emotionalisierten Hörer den Eindruck vermitteln, sie hätten in ihre Rillen die Gefühle gespeichert, die man vor Jahren beim ersten Hören hatte. Die Gefühle und die Situationen, aus denen sie kamen.“

Das sei rein „technisch“ natürlich tatsächlich „Quatsch“, räumt Theweleit ein, aber merkwürdigerweise habe ihm gegenüber bisher noch niemand Widerspruch gegen diese Idee geäußert. Alle meinten, das stimme schon „irgendwie“. Die Sache passiert wohl tatsächlich in unserem Kopf, und sie hat mit der Wahrnehmung bestimmter Frequenzen zu tun, mit fest in unserem Hirn gespeicherten Rhythmus- und Klangmustern – kurz: mit dem, was Theweleit anhand neurophysiologischer Erkenntnisse selbst den „Dritten Raum“ nennt. Natürlich arbeiten auch Regisseure wie die Coens gezielt mit solchen ‚unbewusst‘ fixierten emotionalen Aufruhrmustern oder -scripts, mit in einem bis zu einem bestimmten Grad auch ins kollektive Gedächtnis eingegangenen „surrealistischen Kissen“ aus Musik, das ihren Film „A Serious Man“ gewissermaßen aus dem Off heraus ‚auspolstert’.

Diesen Soundtrack übernehmen hier von Anfang an, und zwar bereits in der genialischen ‚kosmischen’ Tunnelblick- oder auch Nahtoderlebnis-Kamerafahrt aus dem Schtetl-Prolog hinaus, direkt in das Ohr von Gopniks Sohn und dann weiter in das Klassenzimmer der jüdischen Schule in der US-Provinz – immer wieder Jefferson Airplane: Der Song „Somebody To Love“ wird schon dort, zu Beginn des Films, zum zentralen Medium eigentlich unmöglicher ‚Zeitsprünge’, verstehbar als ironischer Kommentar zu den Elementen aus den Vorstellungen der jüdischen Apokalypse, die den an sich relativ „ernsten“ Film ebenfalls unterfüttern.

Schließen Sie, liebe Leser, also jetzt einmal kurz die Augen und lassen Sie sich von den Tönen davontragen, dann ein kurzer, schlafwandlerischer Klick – und schon werden Sie sich wiederfinden in der Februar-Ausgabe von literaturkritik.de. Dabei handelt es sich – Sie ahnen es schon – um den bereits angekündigten zweiten Teil des Themen-Schwerpunkts „Natur und Kultur der Gefühle“. Als wirklich letzter Wegweiser dorthin mögen Ihnen die ersten Zeilen aus „Comin’ Back To Me“ dienen:

The summer had inhaled and held its breath too long
The winter looked the same, as if it never had gone
And through an open window where no curtain hung
I saw you, I saw you, comin’ back to me
One begins to read between the pages of a look
The shape of sleepy music, and suddenly you’re hooked
Through the rain upon the trees, that kisses on the run
I saw you, I saw you, comin’ back to me

Gute Reise und viele schöne Erinnerungen wünscht Ihnen
Ihr
Jan Süselbeck

Titelbild

Joachim Küchenhoff / Joachim Pfeiffer (Hg.): Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 28. Körper.Konstruktionen.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2009.
270 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783826040566

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Letzte Änderung: 12.05.2010 - 16:09:27
Erschienen am:08.02.2010
Lesungen: 2002
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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