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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2010 » Krimis
 
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Absturz gefällig?

Jim Nisbet begleitet den Helden seines Romans bei einem grandiosen Showdown

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Romane, denen man nach ein paar Seiten mit wachsender Unruhe begegnet. Seite um Seite lesen wir von Dingen und Angelegenheiten, die uns nicht betreffen. Wir lernen Menschen und ihre Lebenswelt kennen, von denen wir eigentlich nichts wissen wollen. Vor allem ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre Essgewohnheiten und ihr bisheriger Lebensverlauf sind Spannungsbrecher von ungeahnter Beliebtheit bei Autoren wie Lesern. Nichts Extraordinäres ist passiert im Leben dieser Figuren und nichts passiert in diesen Romanen.

Das mag als erkenntnisleitendes Mittel seit den Sechzigern erprobt worden sein, das macht die Texte aber nicht interessanter. Wobei erst recht danach zu fragen wäre, wieso etwas – gelesen – mehr Erkenntnis befördern sollte als etwas, was gelebt wird? Die Distanz? Die Verfremdung? Der Lektüreprozess? Na, ob das man plausibel ist.

Dennoch ist die Beliebtheit der lebensweltlichen Fettringe gerade im Krimi mehr und mehr gestiegen. Das Schmökerpotenzial rechnet sich anscheinend vor allem nach Hundertseitenquanten, und je mehr desto besser (was das Urteil über Wendungen wie „small is beautiful“ spricht). Schmöker fangen zudem – geschätzt – bei ungefähr 500 Druckseiten an. Sonst lohnte sich auch der Vertiefungsaufwand nicht, oder?

Nun muss man zwischen jenen Erzählstrategien unterscheiden, in denen Lebenswelt als Routine und ereignisloser Ablauf gezeigt werden soll, und jenen, in denen die Ausstattungen dazu dienen, den Figuren Profil samt Sympathiebonus und der Geschichte Plausibilität zu verleihen. Allerdings sind die Übergänge fließend.

Jim Nisbets nicht einmal 200 Seiten kurzem Roman wird man nun keinen Schmökerwert zuschreiben können – weil deutlich unter 500 Seiten. Aber im Wettbewerb der Alltagsroutinenschilderer (wenn nicht Langweiler) würde er, bliebe es bei der Lektüre weniger Seiten zu Anfang des Romans, eine gute Platzierung einnehmen. Aber, wie so oft, Geduld zahlt sich aus.

Der indisch-stämmige Chemiker Banerjhee Rolf lebt mit seiner Frau in Kalifornien. Seinen Job hat der Endfünfziger verloren, weil seine Firma unter die Hedgefonds geraten ist, die die Fassade der Gesellschaft aufpolieren, um sie dann häppchenweise oder am Stück mit Gewinn zu verhökern. Dass dabei alle Qualitäten, die das Unternehmen je ausgezeichnet haben mögen, verloren gehen – unter anderem eben Banerjhee – bleibt dabei nicht aus. Aber solche Geschichten kennen wir ja zuhauf, auch aus dem Krimi (Marke „Tatort“ besonders).

Nun aber hat sich Banerjhee einigermaßen in sein Schicksal ergeben und widmet sich den Unterhaltungen mit seiner Frau und ihren Plänen, das geliebte Kalifornien gemeinsam in Richtung Chicago zu verlassen, um dem Sohn nah zu sein.

Darüber hinaus versucht er, sich seines immer lästigeren Nachbarn, des offensichtlichen Taugenichts’ und Drogendealers Toby Price zu erwehren, der einen Narren an dem ein wenig depressiven Banerjhee gefressen hat. Jedenfalls hält er sich mit großem Eifer am Gartenzaun auf und bequatscht Banerjhee. Alle Versuche, den unangenehmen Patron zu verscheuchen, nutzen nichts. Und so bleibt Banerjhee am Ende nichts anders übrig, als eine Einladung Tobys und seiner nicht minder schrillen Freundin auf einen Drink anzunehmen.

Nun ist man als Krimileser ja so einiges gewohnt und weiß solch gemächliche Einstiege einigermaßen gut zu nehmen. Je langsamer der Anfang, desto dynamischer wird das Ende – mitunter. Und wer weiß, vielleicht hat das alles, was man da lesen muss, am Ende doch eine Bedeutung, für den Fall und für das Lesevergnügen.

Und so ist es denn auch in diesem Fall. Mit dem Besuch Banerjhees eskaliert plötzlich das Geschehen. Es fängt ein großes Spiel an mit unbekannten Akteuren, die in Rollen agieren und Masken tragen, mit rivalisierenden Gruppen, einer Menge Geld und Drogen, der Regierung, Polizei, Ganoven und der Drogen-Mafia, das immer mehr an Rasanz gewinnt, um am Ende in einem nicht minder grandiosen Showdown zu enden.

Nisbet gelingt es zudem, die gesamte Geschichte mit großer Souveränität und Genauigkeit zu erzählen. Die Hinweise auf die spätere Eskalation sind ausreichend, aber sparsam gesetzt. Die Plausibilität dessen, was erzählt wird, wird in hinreichendem Maße beansprucht und angestrengt. Mit anderen Worten: wahrscheinlich ist das alles nicht, aber denkbar und warum also nicht?.

Man kann das natürlich so lesen, dass auch in einem mittleren Helden Großes steckt, Gewaltiges und Gewalttätiges. Was läge auch näher? Andererseits ist Nisbets Krimi zugleich eine Ohrfeige für jene aufgeblasenen Schmöker, die sich mehr und mehr in Ausstattungen verlieren und keine erzählerische Ökonomie mehr aufweisen. Und mindestens das wird man ihm hoch anrechnen können.

Titelbild

Jim Nisbet: Dunkler Gefährte.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Frank Nowatzki und Angelika Müller.
Pulp Master Verlag, Berlin 2009.
192 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783927734425

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2010 » Krimis
 

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Letzte Änderung: 25.02.2010 - 16:36:17
Erschienen am:25.02.2010
Lesungen: 637
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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