Literarischer Atomkrieg

Michel Houellebecq und Bernard-Henry Lévy leisten mit „Volksfeinde“ einen eigenartigen Beitrag zur Bekenntnisliteratur

Von Alexander WeilRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Weil

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Sommer 2008 wurde von Michel Houellebecqs Verlag Flammerion das Buchprojekt zweier ungenannter Autoren „mit maximalem Verkaufspotential“ angekündigt. Kurz vor der Veröffentlichung im Herbst 2008 wurden die Namen des Autorenpaars bekannt gegeben und das Buch mit einer Startauflage von über 100.000 Exemplaren in Kooperation mit Henry-Bernard Lévys Verlag Grasset publiziert.

„Volksfeinde“ („Ennemis publics“) ist das Ergebnis eines verlegerischen Coups, der, mit Andy Warhol gesprochen: „Geldverdienen ist Kunst, Arbeit ist Kunst, und ein gutes Geschäft ist die beste Kunst“, aus dem Interesse zweier bekannter Autoren an Literatur, Politik, Philosophie ein gutes Geschäft macht.

In 28 „Briefen“ (Mails) haben sich Houellebecq und Lévy einen, wie es im Untertitel heißt, „Schlagabtausch“ geliefert, der keiner ist, sondern eher ein öffentliches Training im Schlagabtausch.

„Lieber Bernard-Henry Lévy, wir sind, könnte man sagen, grundverschieden – mit Ausnahme eines entscheidenden Punktes: Es handelt sich bei uns beiden um ziemlich verachtenswerte Individuen. […] Wir beide sind die perfekten Verkörperungen der entsetzlichen Erschlaffung der französischen Kultur und Intelligenz, die das Time Magazine kürzlich ebenso streng wie angemessen monierte.“

„Bravo!“, pariert Lévy. „Alles liegt auf dem Tisch. Ihre Mittelmäßigkeit. Meine Nichtigkeit. […] Was Sie betrifft, in Ordnung. Aber warum ich? Warum soll ich mich eigentlich dieser Übung in Selbstverleugnung unterziehen.“

So geht es hin und her, und das Ganze wäre nicht weiter der Rede wert, würde Houellebecq in der Mitte des fünften Briefes seinem Partner nicht einen kuriosen Vorschlag unterbreiten: „Gut, beginnen wir noch einmal von vorne. Wir kommen nicht drum herum. Mein Anteil an Ihrem Schicksal wird vielleicht darin bestehen, Sie zur Bekenntnisliteratur animiert zu haben, was ja nicht zwangsläufig etwas Schlechtes ist. Schopenhauer schreibt erstaunt, dass es relativ schwierig sei, in Briefen zu lügen […].“

„Man erinnert sich an sein eigenes Leben kaum besser, als an einen Roman, den man irgendwann geschrieben hat“, wird Houellebecq in seinem letzten Brief einen Satz Arthur Schopenhauers abwandeln.

Bekenntnisse tragen von Haus aus romanhafte Züge. „Das törichte Vorhaben, sich selbst zu schildern“ (Houellebecq in Anlehnung an Blaise Pascal), die Kraft des Bekenntnisses, erwächst aus der rechtfertigenden Fiktion des Bekennenden, sich bekennen zu müssen. Darin unterscheidet es sich vom Geständnis, das sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, und von der Selbstpreisgabe, die das Bild der eigenen Person zur Disposition stellt (der Belastungsprobe durch die Einschätzung Dritter). Darin unterscheidet es sich auch von der Beichte, die mit einer Gewissensprüfung einhergeht. Wo Geständnis und Beichte vom objektiven Verstoß gegen Normen erzählen, definiert das Bekenntnis den subjektiven Bereich ihrer Geltung. Wer sich bekennt, gleichgültig ob öffentlich oder vor sich selbst, will dem Bild seiner Person deutliche Konturen verleihen und es nicht als Selbstpreisgabe verhandeln.

Wenn Jean-Jacques Rousseau sich in seinen „Confessions“ zur Konversion zum Katholizismus bekennt, wird er, nicht zuletzt, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits weiß, dass er einige hundert Seiten später seine Rückkehr zum Protestantismus zu erklären hat, das gute Essen, das ihm der Priester vorsetzte, als Grund anführen. Wenn Houellebecq sich im 15. Brief detailliert zu seiner langjährigen christlichen Versuchung bekennt, dann, um den Ernst seiner Gottlosigkeit zu unterstreichen. Wenn Augustinus sich in seinen „Confessiones“ zur Gottlosigkeit seiner Jugend bekennt, dann, um den Nachklang seines religiösen Erweckungserlebnisses zu preisen. Wenn Lévy sich im 16. Brief zu seinem Judentum bekennt, dann, um zu verstehen zu geben, dass das Judentum für ihn keine Religion ist, das Hebräische kein Wort für „Religion“ kennt. Wenn Thomas de Quincey sich in seinen „Confessions of an English Opium-Eater“ zum Isolationismus seiner Sucht bekennt, wird er in der Begegnung mit der herumstreunenden Ann ein Bild von menschlicher Nähe zeichnen.

Houellebecqs Vorschlag ist zunächst einmal eine Maßnahme gegen das drohende literarische Scheitern des verlegerischen Coups. Denn die eigentliche Debatte, um die es in „Volksfeinde“ geht, ist nicht genährt vom Dissens in der Beurteilung philosophischer oder literarischer Fragen, sondern von der Suche nach Fragen oder Themen, die es beiden erlauben, „sich selbst zu schildern“. Diese Suche gestaltet sich zunächst mühsam, es fehlt ein gemeinsamer Bezugspunkt, ein literarisches Leitmotiv, die Themen wirken beliebig.

Houellebecq belässt es nicht bei einem Vorschlag, sondern setzt ihn sogleich in die Tat um und versichert, der Bekenntnisliteratur keine besondere Wertschätzung entgegenzubringen, ja nicht einmal genau zu wissen, was Bekenntnisliteratur überhaupt ist. Sein ganzes Schreiben, entgegnet Lévy unzufrieden, sei bisher darauf angelegt, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Dennoch wird er Houellebecq auf dessen eingeschlagenem Weg in die Bekenntnisliteratur folgen. Und selbstverständlich wird keiner von beiden etwas preisgeben. „Bekenntnis“ heißt hier: Ein eigenes Bild von sich dem öffentlichen entgegenzustellen.

So deutlich die grundsätzlichen Differenzen zwischen dem „Philosophen ohne Gedanken, aber mit Beziehungen“ (Houellebecq über Lévy) und „Misanthropen“ (Lévy über Houellebecq) von Anfang an sind, so abwechslungsreich oder mühselig sich ihr Schlagabtausch gestaltet: Sobald sie die „Meute“ aus „Kellerasseln“, ihren medialen Repräsentanten, Islamisten, Antisemiten und sonstigem „Kuhdung“ im Visier haben, kann von Schlagabtausch keine Rede mehr sein. Was deren Einschätzung betrifft, sind sie sich schnell einig. Gemeinsame Gegner sind bald ausgemacht. Es werden unterschiedliche Strategien und Taktiken diskutiert, wie man der ‚Meute‘ am besten entkommt, um gemeinsam gegen sie zuzuschlagen. Von Brief zu Brief wird offensichtlicher, dass sich diese Bekenntnisse gegen die Maschinerie einer öffentlichen Meinung wenden, die auf Enthüllung als Waffe aus ist. Den Besitz dieser Waffe gilt es dem Feind zu verwehren, nicht unbedingt, weil man Schlimmes zu verbergen hätte, sondern aus Prinzip, weil man sich nicht der Herrschaft über das eigene Bild völlig berauben lassen will.

Lévys Empörung über die Gleichgültigkeit seiner Zeitgenossen angesichts des Unrechts in der Welt, Houellebecqs Klage über das öffentliche Anprangern seiner Person, ihrer beider Wut über öffentliche Ignoranz und mediale Dummheit zeigt, dass sie sich einem Verfall von Öffentlichkeit gegenüber sehen, genauer: einer Öffentlichkeit, der die Belange ihrer Mitglieder ziemlich egal geworden sind, soweit sich daraus kein Kapital schlagen lässt.

Wobei es für Houellebecq genaugenommen so etwas wie „die“ Öffentlichkeit überhaupt nicht gibt. Sie ist bereits rettungslos in die Brüche gegangen. In seinen Romanen schildert er sie als eine Art Daseins-Leere. Der Verfall von Öffentlichkeit ist für ihn eine Erscheinungsform des Verfalls unter vielen, ein unumkehrbarer, gewissermaßen physikalischer Prozeß, der alle möglichen Bereiche des Lebens erfasst. Lévy versteht sich als Teil eines Gemeinwesens. Houellebecq fragt sich, was das ist.

Dabei steht „Volksfeinde“ durchaus in der Tradition Rousseaus und seiner „Confessions“. Auch Rousseau sah sich der Verfolgung ausgesetzt (kurz vor Beginn der Niederschrift war er vor den aufgehetzten Bürgern Motiers geflohen, Asyl in der Schweiz war ihm verwehrt worden, und schließlich irrte er von Verfolgungswahn gepeinigt durch Frankreich). Auch seine Bekenntnisse sind eine Maßnahme gegen verleumderische Enthüllungen seiner Gegner. Doch wendet Rousseau sich an eine völlig andere Art von „Öffentlichkeit“. Wenn er seine Bekenntnisse mit den Worten beginnt: „Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig und allein ich.“, dann spricht er zu einem Publikum, das unter einer absolutistischen Herrschaft überhaupt keine Öffentlichkeit zu bilden vermochte, weil ihm die Macht versagt war, sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Zum anderen wendet er sich an eine literarisch und politisch interessierte Leserschaft, die längst im „kleinen Kreis“ seine Ansichten über die Legitimität dieser Macht diskutiert, an eine Leserschaft also, die gerade im Begriff ist, Öffentlichkeit im modernen Sinn zu bilden. Mit seinem „einzigen, alleinigen Ich“ sah Rousseau sich noch in die Lage versetzt, einen Zusammenhang zwischen öffentlicher Rolle und Privatsphäre herzustellen. Houellebecq und Lévy sehen sich ihm als einem willkürlichen Zusammenhang ausgeliefert.

Anlässlich einer Biografie, erschienen zur Zeit des Briefwechsels, in der Houellebecqs Mutter den Sohn anklagt, von ihm öffentlich für tot erklärt worden zu sein, schreibt er im 19. Brief: „Mangels eines echten Selbstmordes, würden sie [die Meute] es gerne sehen, dass ich zumindest mit dem Schreiben aufhörte. Oder, wenn ich schon unbedingt weiterschreiben muss, dass man nicht über meine Bücher spricht. Dass man über alles Mögliche spricht, über meine Vorschüsse, meine Steuererklärung, meine politischen Ansichten, meine Vorliebe für den Alkohol, meine Familiengeschichte; nur bloß nicht und in gar keinem Fall über meine Bücher.“

Worauf Lévy antwortet: „Nur allzu gut kenne ich das eherne Gesetz des literarischen Atomkriegs, das besagt, dass es nie, wirklich nie die Möglichkeit eines Rückschlags gibt. […] Sie können soviele Prozesse führen, wie Sie wollen: Es ändert nichts daran, dass Sie für einige bis in alle Ewigkeit ein widerlicher Muttermörder, ein Rassist, ein Islamhasser sind. Ich kann alle möglichen und vorstellbaren Richtigstellungen veröffentlichen: Ich verfestige damit nur mein Bild als bourgeoiser Dreckskerl, der keine Ahnung von den gesellschaftlichen Problemen hat und sich nur für die Verdammten dieser Erde interessiert, um für sich selbst Werbung zu machen. Kant sagt, dass die Politik das Verhängnis sei. Er irrte. Das öffentliche Ansehen ist das Verhängnis.“

Genau genommen ist nicht das öffentliche Ansehen das Verhängnis, sondern „Popularität“; im Sinne von „allgemeiner Bekanntheit“ zieht sie die Blicke des Publikums auf eine Person, ohne Unterschied auf deren weltanschauliche oder politischen Ansichten, Laster oder Verfehlungen. Dagegen setzt „öffentliches Ansehen“ eine Öffentlichkeit voraus, die kritisch zwischen Meinungen und Argumenten, zwischen privater und öffentlicher Sphäre zu unterscheiden vermag. Eine im Verfall begriffene Öffentlichkeit ist dazu nicht in der Lage; oder anders gesagt: Daran, dass sie dazu nicht in der Lage ist, zeigt sich ihr Verfall.

Im 21. Brief schreibt Houellebecq: „Als wir mit unserem Briefwechsel begannen, sagte ich mir manchmal, dass ich mir neue Feinde machen würde – die Ihren.[…] Nach und nach trat mir dann immmer offensichtlicher eine Tatsache vor Augen, eine kuriose, aber aufschlussreiche Tatsache: Wir haben bereits dieselben Feinde!

Derart selbstwissende Unschuld, mit der Houellebecq sich in „Volksfeinde“ immer wieder darstellt – vergleichbar einem Ich-Erzähler aus einem seiner Romane – ist Lévy suspekt. Im 12. Brief nennt er ihn deshalb einen „gebildeten Bartleby“, der, „zunehmend entpolitisiert“, so tue, als sei er nicht da.

Während für Lévy das Bewusstsein einen Horizont bildet, der, wenn auch nicht unbedingt Rettung, so doch Hoffnung verheisst, steht es für Houellebecq im Zentrum der misslungenen Gattung Mensch. Dem einen erwächst daraus die Verpflichtung zu politischem Engagement, dem anderen ein Motiv literarischer Produktion.

„Denn man braucht, um mit der Dichtung in Kontakt zu bleiben, etwas, eine gewisse Unschuld. Technisch betrachtet braucht man nichts anderes.“

Und künstlerisch betrachtet?

„Im Allgemeinen dauert es nicht lange, bis man beschuldigt wird, die Hand zu beißen, die einen füttert. In der Regel muss man sich eine Kugel in den Kopf jagen, damit sie verstehen, dass man es ernst gemeint hat.“

(Houellebecq, 23. Brief )

Titelbild

Michel Houellebecq / Bernard-Henri Levy: Volksfeinde. Ein Schlagabtausch.
Übersetzt aus dem Französischen von Bernd Wilczek.
DuMont Buchverlag, Köln 2009.
320 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783832195182

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