„Erde bedecke nicht ihr Blut“

Ein Aufstellungskatalog dokumentiert die Geschichte des Konzentrationslagers Bergen Belsen

Von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Im Lager entstand also eine wahre Hungersnot. Die Kriegsgefangenen haben den Lagerboden um ca. 40 cm tief durchgewühlt und alle Wurzeln und Würmer verspeist. Schließlich fingen sie an, die Rinde von den Bäumen zu entfernen und zu essen. Auch die Nadeln an den Zweigen wurden nicht verschont. Es war so, dass nichts mehr blieb, weder oben auf den Bäumen, noch unten am Boden, noch im Boden.“

Der sowjetische Kriegsgefangene Michail Dorniak, aus dessen Erinnerungen diese Beschreibungen der unmenschlichen Verhältnisse in Wietzendorf, einem der beiden Nebenlager von Bergen-Belsen, entnommen sind, überlebte den Horror, den rassistischer Vernichtungswahn wie auch organisatorisches Unvermögen seiner Bewacher zur Folge hatten. Rund 16.000 seiner Kameraden jedoch verstarben allein in diesem Kriegsgefangenenlager am nördlichen Rand des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne an Hunger, Auszehrung und Flecktyphus. Zusammen mit den sowjetischen Opfern im Hauptlager Bergen-Belsen sowie im zweiten Nebenlager Fallingbostel belief sich die schauerliche Bilanz der deutschen Wehrmacht zwischen 1941 und dem Kriegsende auf knapp 50.000 Tote.

Der ideologisch geprägte Vernichtungswille dieser mancherorts immer noch auf den soldatischen Ehrenschild gehobenen Streitmacht Hitlers zeigt sich auch in deutlich niedrigeren Opferzahlen unter den französischen und angloamerikanischen Gefangenen, auch wenn diese nie in vergleichbaren Massen wie sowjetrussische Soldaten eingeliefert wurden. Ab 1943 übernahm Himmlers SS einen Teil des ursprünglichen Kriegsgefangenlagers, um darin ein Konzentrationslager für diejenigen Juden zu betreiben, die das NS-Regime für einen Austauschhandel mit den Alliierten vorgesehen hatte. Erst zu Beginn des Jahres 1945 übernahm die SS schließlich das gesamte Lager, um die aus den grenznahen Vernichtungslagern eintreffenden Evakuierungstransporte aufzunehmen. Mindestens weitere 50.000 Menschen fanden in der Folge in Bergen-Belsen den Tod. Dass viele der von den Nazis verfolgten Juden nach 1945 an gleicher Stelle in einem von den Briten als „Displaces Persons Camp“ betriebenen Lager untergebracht wurden, da sich London aus politischen Rücksichten gegenüber den Arabern weigerte, diese Menschen in das damals noch britisch-palästinensische Mandatsgebiet auswandern zu lassen, kann heute nur als eine unrühmliche Verlängerung der Leidensgeschichte der NS-Verfolgten gewertet werden.

Von den tatsächlichen Einrichtungen der ehemaligen Lager in Bergen-Belsen, Fallingbostel und Wietzendorf war bis vor kurzem nur noch weniges vorhanden. Die Briten hatten die meisten Baracken bald nach der Befreiung der Lager im April 1945 abgerissen, um der Seuchengefahr vorzubeugen. Viele der Überlebenden aber sahen in dem raschen Abriss nicht nur eine medizinische Notwendigkeit, sondern vor allem auch den Versuch, alles zu beseitigen, was an ihre grausame Haftzeit und die unzähligen toten Mithäftlinge erinnern könnte. Da zuvor auch schon von den Lagerbetreibern sämtliche Akten vernichtet worden waren, schien der Möglichkeit einer späteren Gedenkstätte, die zugleich auch das erlebte Grauen dokumentieren sollte, schon von vorneherein jede Grundlage entzogen. Dass der von den Briten mit der Umgestaltung des Lagers zu einem parkähnlichen Friedhof beauftragte deutsche Landschaftsarchitekt schon während der NS-Zeit im Auftrag der Partei vergleichbare Projekte – so etwa die SS-Kultstätte Sachsenhain bei Verden realisiert hatte, dürfte den Argwohn und das Entsetzen der ehemaligen Opfer noch verstärkt haben.

An dieser Überformung des ehemaligen Lagergeländes konnten auch die beiden Dauerausstellungen von 1966 bis 1990 zunächst nur wenig ändern. Erst die in jahrelanger Arbeit mühevoll aus zahlreichen Archiven vor allem in Osteuropa, aber auch aus privaten Nachlässen zusammengetragenen Unterlagen und Dokumente sowie eine finanzielle Unterstützung von Bund und Land ließen das Projekt eines völlig neu gestalteten Dokumentationszentrums für das Lager Bergen-Belsen schließlich Gestalt annehmen.

Inzwischen ist auf der Grundlage zahlreicher wieder ans Licht gekommener Lebensläufe und Erinnerungen von ehemaligen Lagerinsassen, einer erstaunlichen Fülle von Fotografien und sogar seltener Filmaufnahmen sowie sonstigen Dokumenten aus umliegenden Industriebetrieben, die während des Krieges Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, eine realistische Darstellung des Geschehens in Bergen-Belsen wieder möglich.

Das völlig neu gestaltete Dokumentationszentrum genau auf der Grenze zum ehemaligen Lagergelände, dessen ehemalige Hauptachse durch einen so genannten steinernen Weg wieder sichtbar gemacht wurde, ist in drei Abschnitte gegliedert, die sich jeweils mit einem Teilabschnitt der Lagergeschichte befassen und nach neuesten museumsdidaktischen Gesichtspunkten gestaltet sind. Die politisch-moralische Intention der Ausstellungsmacher geht jedoch weit über eine ausschließlich historische Dokumentation hinaus: „Den ehemaligen Häftlingen und Gefangenen ihre Stimme wiederzugeben wird“, so heißt es in der Einführung, „als ein Akt der Gerechtigkeit verstanden und andererseits auch als ein angemessener Weg, um Empathie mit den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen zu fördern und damit zugleich die Voraussetzungen für Bildungsprozesse zu befördern.“

Der jetzt im Wallsteinverlag erschienene Begleitband zur Dauerausstellung enthält neben kurzen Beschreibungen zur Geschichte, Konzeption und Realisation der neuen Dokumentation auch zahlreiche Dokumente, Karten, Luftbilder, Übersichten, Fotografien und Kurzvitae sowie Kommentare ehemaliger Häftlinge aus allen Krieg führenden Nationen. Er lässt sich somit als ideale Vorbereitung oder Ergänzung eines Besuchs der Gedenkstätte nutzen und ist zu einem angemessenen Preis erhältlich.

Titelbild

Bergen-Belsen. Kriegsgefangenenlager 1940 - 1945, Konzentrationslager 1943 - 1945, Displaced-persons-Camp 1945 - 1950 ; Katalog der Dauerausstellung.
Herausgegeben von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
383 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783835306127

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