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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2010 » Biografien
 
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Die Liebe der Frauen

Ein Sammelband und eine Doppelbiografie erzählen Frauengeschichten

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Lyrikerin Sappho darf wohl auch nach gut zweieinhalbtausend Jahren noch immer als die bekannteste lesbische Liebende gelten. Über die Frauen, die von ihr geliebt wurden, ist hingegen kaum etwas bekannt. Ganz so wie bei heterosexuellen Paaren. Denn ebenso wie auf lesbische (oder schwule) Paare trifft auch für heterosexuelle Liebschaften die Feststellung zu: Ist eine der PartnerInnen berühmt, fällt von deren Glanz kaum etwas auf die PartnerIn ab. Ein markanter Unterschied besteht allerdings zwischen lesbischen Paaren einerseits, sowie schwulen und heterosexuellen Paaren andererseits. Bei letzteren bildet nämlich in den allermeisten Fällen (Heteros) oder gar immer (Schwule) der Mann den bekannten Part der Partnerschaft. Bei lesbischen Paaren nie. Und waren beide PartnerInnen einer nicht-lesbischen Verbindung gleich berühmt, so sorgte der Mann in aller Regel dafür, dass sich das schleunigst änderte, sie ihm den Rücken frei hielt und allenfalls als Muse oder ‚Gehilfin‘ diente.

Möglicherweise „spiegelt“ Joey Horsley zufolge die Geschichte der lesbischen Liebenden daher „vor allem die Geschichte von Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft wider“ und nicht so sehr diejenige der gleichgeschlechtlich Liebenden. Jedenfalls legt sie die „Notwendigkeit“ dar, „die Geschichte der Frauenliebe explizit als Teil der Frauengeschichte zu verstehen, separat von der Geschichte der Homosexualität allgemein.“ Dem entspricht sie mit dem von ihr und Luise F. Pusch gemeinsam herausgegebenen Band über „Berühmte Frauen und ihre Freundinnen“, der kürzlich im Wallstein Verlag unter dem Titel „Frauengeschichten“ erschien. Während Horsley das Vorwort verfasste, hat Pusch für ihr Nachwort den wunderbar doppeldeutigen Titel: „Frauen aller Länder, vereinigt euch“ gefunden. Beide sind sie zudem mit je einem Beitrag vertreten.

Horsley hat den ihren über Mathilde Franziska Anneke (1917-1884) geschrieben, die zwar mit einem Mann verheiratet war, doch schon seit ihren Jugendjahren „stark gefühlsbetonte Frauenbeziehungen“ pflegte und schließlich „die zweite Hälfte ihres Erwachsenenlebens“ mit Geschlechtsgenossinnen „teilte“. Annekes „spannungsreiche Geschichte“ dient Horsley auch als „Fallstudie“, an der sich die „Möglichkeiten und Einschränkungen“ sowie „die Vielfalt der Beziehungen, die Frauen im 19. Jahrhundert erlebten“, verdeutlichen lassen. Dazu gehört etwa, dass „innige Frauenfreundschaften von der Gesellschaft“ anders als heute zu Annekes Zeiten „noch als besonders weiblich und edel angesehen wurden“.

In weiteren Beiträgen widmet sich Birgit Kiupel den wechselnden „[l]ebenslange[n] Leidenschaften“ der Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) und Diana Lewis Burgin macht die Lesenden mit einem „Duell zweier Willen“ bekannt, zu dem Sophia Parnok (1885-1922) und Marina Zwetajewa (1892-1941) antraten, während Christine Schmidts Beitrag gleich vier Frauen im Titel führt: „Erika Mann (1905-1969) und Pamela Wedekind (1906-1986), Therese Giese (1898-1975), Annemarie Schwarzenbach (1908-1942)“, denn Mann sei „in einer ausschließlichen Paarbeziehung gar nicht denkbar“.

Stellt Schmidt einige der berühmtesten Persönlichkeiten des Bandes vor, so Andrea Schweers die wohl beeindruckendste, sicher aber radikalste: Renée Vivien (1877-1909). Nach dem freiwilligen Hungertod der SchriftstellerIn, die in ihren Texten unter anderem „gegen den Gott des Alten Testaments und patriarchale Konzepte in anderen Religionen revoltierte“, führte ihre Freundin Natalie Clifford Barney (1876-1972) noch weit über ein halbes Jahrhundert „[d]as Leben einer Amazone“.

Auch Doris Hermanns zeichnet die Liebesbeziehung einer Literatin nach. Es ist die von Christa Winsloe (188-1944) zu Dorothy Thompson (1893-1961). Bei Winsloe handelt es sich um die eher vergessen Autorin eines „auf einer wahren Begebenheit“ beruhenden Romans, der dem bekannten Film „Mädchen in Uniform“ als Vorlage diente. Überraschenderweise spricht Hermanns von insgesamt drei Verfilmungen des Buches. Allerdings nennt sie nur die beiden auch dem Rezensenten bekannten.

Eine (ebenfalls) reale und (im Unterschied zu der von Winsloe literarisierten) zudem glückliche Schülerinnen/Lehrerinnen-Liebe beschreiben Swantje Koch-Kanz und Luise F. Pusch in ihrem Beitrag über Margaret Mead (1901-1978) und Ruth Benedict (1887-1948). Benedict war in den 1920er-Jahren Meads Lehrerin an der New Yorker Columbia University, wo beide einander kennen lernten und ein „stürmisch bewegtes Liebesverhältnis“ begannen. Enge Freundinnen blieben sie auch noch, nachdem die Feuer der Leidenschaft verglüht waren – bis zu Benedicts Tod.

Nun reicht der Blick der Beitragenden nicht bis in Sapphos antike Zeiten zurück. Bis auf eine Ausnahme lebten all die vorgestellten Liebenden sogar in den letzten beiden Jahrhunderten und liebten zwischen 1860 und 1933. In einem für Emanzipation und Frauenbewegung bedeutungsreicher Zeitraum also, für den Pusch im Nachwort eine hochinteressante Beobachtung macht: „Ordnet frau die Frauen bezüglich ihrer Einstellung zum Lesbischsein auf einer Skala von unbekümmert positiv bis ängstlich“, so zeigt sich eine chronologische Entwicklung von Unbekümmertheit zur Ängstlichkeit. „In den 30er Jahren war die erste Frauenbewegung erledigt und es wurde eng und finster“, konstatiert Pusch. Diese Parallelentwicklung ist der Autorin zufolge nun „durchaus kein Zufall“. Denn die Beziehungen zwischen Frauen werden ihr zufolge zwar von vielerlei bestimmt, namentlich „durch ihren Charakter“ und ihr „Milieu“, „ganz besonders“ jedoch „durch ihre Zeit“. Und da gelangt sie zu dem Resümee: „Ohne Lesben ist keine Frauenbewegung zu machen – und umgekehrt.“ Mit anderen Worten: Beide sind für die je andere eine zwar notwendige aber nicht aber hinreichende Bedingung.

Angela Steidele hat den einen, hinter den besagten Zeitraum zurückgehenden Beitrag verfasst und erzählt von der Liebe zwischen Catharina Margaretha Lincks (1687-1721) und Catharina Margaretha Mühlhahns (1697-1776), für die erstere mit dem Tode bestraft wurde. Eine nicht geringe Rolle bei der Urteilsfindung spielte, dass sie als Mann aufgetreten war. Und sie war keineswegs die erste, die für dieses ‚Vergehen’ die Höchststrafe erhalten hat, denn „im Gegensatz zur Verwandlung vom Mann zur Frau bedeutet die Verwandlung von der Frau zum Mann immer sozialen Aufstieg.“ In Falle Lincks hat der für seine Hinrichtungswütigkeit bekannte Friedrich Wilhelm I. den Staatsmord persönlich zu verantworten.

Steidele erzählt allerdings nicht nur von Catharina Margaretha Lincks und Catharina Margaretha Mühlhahns, sondern auch von Adele Schopenhauer (1797-1849) und Sibylle Mertens (1797-1857), zu deren illustrem Bekanntenkreis etwa Fanny Lewald gehörte, Droste-Hülsendorf und natürlich Goethe. Steidele stellt das Paar zwar nicht in dem von Horsley und Pusch herausgegebenen Band vor, dafür aber in einem soeben unter dem Titel „Geschichte einer Liebe“ erschienenen Buch, das sie Schopenhauer und Mertens widmet, die „Glück und Leid“ für zwei Dezennien teilten. „Sie betrogen und enttäuschten sich, entfremdeten und versöhnten sich, sorgten für einander und standen sich bei.“ Mehr kann eine Liebe – und sei sie noch so groß – kaum bieten.

Doch ist das Buch mehr als ‚nur’ eine Liebesgeschichte. Es ist auch eine Ehrenrettung Adele Schopenhauers, über die – meist von Männern – zahlreiche Verleumdungen in die Welt gesetzt wurden, die gemeinhin im Vorwurf, sie sei hässlich, gipfelten. Manche von ihnen beließen es nicht einmal bei Verbalinjurien. Friedrich Hebbel ging sogar zum tätlichen Angriff über, den er nach eigener Aussage mit einem „kannibalischen Gelächter“ begleitete. Ebenso wie der von Horsley und Pusch herausgegebene Band handelt es sich um ein lesenswertes Buch – trotz einer Handvoll kleinerer Mängel. So ist Stedeles Darstellung dann und wann allzu detailverliebt, etwa wenn sie Örtlichkeiten beschreibt oder den Alltags der Bevölkerung. Andererseits führt gerade das so manches besonders lebendig vor Augen.

Noch ein zweiter, eher randständiger Kritikpunkt ist zu nennen: Dass die Schrift „Ueber die Weiber“ von Adele Schopenhauers philosophierendem Bruder Arthur „unübertroffen in der Welt des Frauenhasses“ sei, ist bei all ihrer Misogynität doch wohl übertrieben. Nicht etwa, das über den Text dieses Sohnes einer zurecht berühmten Literatin irgendetwas Positives zu sagen wäre. Der Superlativ nimmt sich allerdings schon fast wie eine Verharmlosung der Ergüsse eines Otto Weiningers oder eines Paul Möbius aus. „[S]o primitiv wie keiner der vielen misogynen Philosophen“, sei die „persönliche Abrechnung“ die Arthur Schopenhauers in der Schrift vornimmt, meint die Autorin. Das mag sogar sein. Nietzsche war allerdings auch nicht gerade zimperlich, wenn er mit Frauen wie Helene Druskowitz oder Lou Andreas-Salomé abrechnete. Doch immerhin publizierte der seine Hasstiraden nicht. Jedenfalls berichtet Steideles Buch von etwas, dass es Herrn Schopenhauer zufolge gar nicht geben dürfte. Nämlich von Frauen, die nicht nur „ihr Leben der Wissenschaft, Musik, Kultur und einer anderen Frau widmeten“, sondern die zu alle dem auch noch „von Männern emotional und finanziell unabhängig“ waren.

Titelbild

Luise F. Pusch / Joey Horsley (Hg.): Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
320 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783835306349

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Angela Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
300 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783458174547

Weitere Informationen zum Buch





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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2010 » Biografien
 

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Letzte Änderung: 03.05.2010 - 14:42:27
Erschienen am:03.05.2010
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