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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Krimis
 
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Mord als Modernisierungssignal?

Kwei Quartey transferiert den Kriminalroman nach Ghana

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schauplätze sind im Kriminalroman eigentlich nur selten exotisch. Kaum ein Genre ist dem fremden Schauplatz weniger hold, als der Krimi, auch wenn die Exotik dort dennoch ihren Platz hat, aber eben nicht als angestammter Ort, sondern als Instanz, die die Gewohnheiten der Einheimischen unangenehm stört. Edgar Allan Poe hat das mit seinem Mörderaffen bereits ausprobiert. Der umgekehrte Weg hingegen findet sich selten. Die China-Krimis eines Robert van Gullik sind frühe Ausreißer und kein Hinweis auf das Gegenteil.

Spätestens wenn man die hardboiled-Krimis amerikanischer Provenienz in Betracht zieht, wird die Bodenständigkeit des Genres offensichtlich. Gerade weil es so direkt und extrem auf die Moderne reagiert, muss es sich auf seine Heimatregionen beziehen. Es ist nicht daran interessiert, aus der Moderne zu fliehen, sondern daran, deren Elemente und Strukturen nachzuvollziehen, erkennbar zu machen und zu diskutieren.

Dabei wird die Heimstory immer wieder zum eigentlichen Unbekannten aufgewertet, sei es, dass verborgene Strukturen und Interessen aufgedeckt werden, sei es, dass fremde Einflüsse und Mächte auf die gewohnte Umgebung einwirken. Das Exotische, das Extraordinäre ist immer da, wo man selbst ist, nie da, wohin man fliehen oder ausweichen könnte – um die wohl wichtigsten Beweggründe des europäischen Exotismus anzuführen.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass es irgendwo in der Welt Regionen gäbe, in denen es keinen Krimi gibt. Das jüngste Interesse am afrikanischen Kontinent macht deutlich, dass es auch dort eine lebendige Krimiszene gibt. Das bezieht sich in großem Maße auf Südafrika, das in diesem Jahr besonders große Aufmerksamkeit genießt, lässt sich aber auch für andere Staaten des doch so unbekannten Kontinents sagen – im Fall Kwei Quarteys Fall eben für Ghana.

Allerdings ist Quarteys Krimi auch ein Exempel dafür, dass es manche Krimiländer vor allem deshalb auf die Landkarte schaffen, weil ihre Auswanderer sich in diesem Genre an ihrem Herkunftsland abarbeiten. Qui Xialong ist dafür ein Beispiel, das sich auf China bezieht, Kwei Quartey ist eines, das Ghana Aufmerksamkeit beschert, und nur Henning Mankell darf nach Afrika ziehen, ohne dass das dem Krimiland Schweden genutzt hätte.

Quartey ist zwar in Ghana geboren, lebt aber in den USA, wo er studiert hat. Sein Krimi spielt im Hinterland eines sich rasch modernisierenden afrikanischen Landes, im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, zwischen einer normalen Industriegesellschaft und einer ländlichen Provinz, an der die Entwicklung noch vorüber gegangen ist.

Die Diskrepanz zwischen den Erinnerungen des Protagonisten, dem Kriminalermittler Dwarko an das Ghana seiner Kindheit und dem seiner Gegenwart ist deutlich genug. Die Stadt ähnelt verblüffend den Städten in den Industrieländern, die normalerweise die Szenerie der Krimis stellen. Das Land aber kommt als immer noch traditionelles Afrika daher, was es allerdings auch nicht von den ländlichen Szenerien älterer Krimis der nördlichen Hemisphäre unterscheidet. Traditionell geht es immer gegen Moderne und Rationalität, und die lokalen Machthaber sind, wenn darauf ankommt, immer auch darauf aus, die gewohnten Pfründe zu bewahren.

Damit aber zeigt sich Quarteys Krimi als weniger exotisch als man vielleicht annimmt. Das bestätigt sich auch, wenn man sich Plot und Entwicklung anschaut. In einem entlegenen ghanaischen Dorf wird eine junge Frau, die sich für die AIDS-Aufklärung eingesetzt hat, ermordet aufgefunden. Ein junger Ermittler, der die regionale Sprache spricht, weil seine Mutter aus der Gegend stammt, wird losgeschickt und gerät, wie könnte es auch anders sein, in die Gemengelage von lokaler, aber unfähiger Polizei, von Dorfpriestern und ungebildeter Bevölkerung, auf die sie ihre Macht ungehindert ausüben können.

Erschwerend kommt hinzu, dass seine Tante im fraglichen Dorf wohnt und sich so private Beziehungen und Verpflichtungen mit den offiziellen verbinden. Dwarko geht dennoch mit einigem professionellen Elan die Ermittlung an, scheitert aber zuerst an seiner Neigung zu cholerischen Gewaltausbrüchen. Erst vom Dienst suspendiert und nachdem er sich mit seinem alten Mentor, der ihn zum Polizeidienst motiviert hat, beraten hat, löst er brav den Fall – und am Ende auch noch gleich den seiner vor Jahren verschwundenen Mutter mit.

Das alles liest sich ganz angenehm und unterhaltsam. Aber außer der etwas anderen Szenerie lesen wir nichts anderes als einen normalen Kriminalroman – was insgesamt eigentlich zufrieden stellen sollte. Denn dass dieses Afrika nicht als der rückständige, anachronistische und unzivilisierte Kontinent erscheint, den man sonst in den Medien aufgetischt bekommt, ist ermutigend. Statt dessen lassen sich viele Gemeinsamkeiten und Parallelen mit den eigenen Problemlagen erkennen, und wenn denn nicht mit aktuellen, dann doch immerhin mit kaum vergangenen.

Titelbild

Kwei Quartey: Trokosi. Roman.
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky.
Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch Gladbach 2009.
349 Seiten, 14,99 EUR.
ISBN-13: 9783785760192

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Krimis
 

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Letzte Änderung: 19.05.2010 - 14:28:10
Erschienen am:26.05.2010
Lesungen: 1618
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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