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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Politik und Geschichte
 
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Ein türkisches Ufo in Marxloh

Necla Kelek unternimmt in ihrem Buch einen Streifzug durch eine deutsche Terra Islamica

Von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neben Hendrik M. Broder und Ayaan Hirsi Ali ist die promovierte Soziologin Necla Kelek inzwischen eine der Ikonen der islamkritischen Blogs. Auch der neue Band der regen Publizistin, der sich diesmal in toto mit den hiesigen, oft bizarren Erscheinungsformen der ,Religion des Friedens‘ befasst, dürfte fraglos zur Festigung ihres Rufes beitragen. Als sogenannte Migrantin ist die in Istanbul geborene Autorin ebenso wie die beiden Erstgenannten für liberale Feuilletons kaum angreifbar und wirkt daher mit ihren unverblümt geäußerten Ansichten über türkische Parallelgesellschaften auf das ideologisch schiefe Bündnis aus politischen Muslimen, traditionellen Linken und sonstigen politisch Korrekten wie ein rotes Tuch.

In einer bunten Mischung aus theologischen Betrachtungen und einigen wie üblich beklemmenden Innenansichten aus der türkisch-islamischen Welt mitten in Deutschland schmiedet die Autorin Seite für Seite ihre rhetorischen Geschosse, um sie mit unverblümter Freude auf ihre gewohnten Gegner, die machtbewussten Vertreter der hiesigen Islamverbände, zu schmettern.

Am Beispiel der „Himmelsreise“ des Propheten zeigt Kelek zunächst, was für ein geschickter Theologe der sagenhafte Begründer des Islam gewesen sein muss, da sich bereits in dieser mythischen Fahrt durch die sieben Himmel alle Kernelemente seiner Religion ausmachen lassen. Wer auch immer diese Geschichte erfunden haben mag – ihm ist es damit auch bereits gelungen, eine wesentliche Abgrenzung zu den sogenannten Schwesterreligionen vorzunehmen, die aus der Umma trotz ihrer weltweiten Ausbreitung eine geschlossene Gesellschaft machen sollte. ‚Abgrenzung‘ ist dann auch das zentrale Thema ihrer neuen Studie. Der Islam, so Keleks These, hat sich immer nur zu den eigenen Bedingungen dem Fremden geöffnet und versucht auch jetzt in der europäischen Diaspora, sich ausschließlich die ihm genehmen Bruchstücke der westlichen Zivilisation anzueignen. Die damit verbundenen Gefahren für die pluralistischen Gesellschaften Europas sind jedoch bisher offenbar nur ganz unzulänglich ins öffentliche Bewusstsein gelangt.

Routiniert versteht es Kelek, persönliche Erfahrungen in der hiesigen Terra Islamica mit historischen Exkursen, etwa über das Verhältnis der Deutschen zum Islam, zu verknüpfen. In Marxloh, einem heruntergekommenen Duisburger Stadtteil mit einem Migrantenanteil von mehr als 50 Prozent, beschreibt sie das vormittägliche Geschehen in der viel gerühmten neuen Merkez-Moschee, die ihr mit ihrer kitschigen Pracht wie ein „türkisches Ufo“ vorkommt, das auf einer grauen „Kohlenpotthalde“ gelandet ist. Als Begegnungsstätte zwischen Muslimen und Einheimischen geplant und daher auch mit beträchtlichen öffentlichen Mitteln subventioniert, ist die Moschee zurzeit noch ein gern genanntes Vorzeigeprojekt, das helfen soll, die bisherige Abgrenzung zwischen muslimischer Parallelwelt und Mehrheitsgesellschaft zu durchbrechen. Ein mühsames und fragiles Vorhaben, so das Fazit der Autorin, das zunehmend von den konservativen Vertretern des politischen Islam torpediert wird.

In Berlin-Neukölln wird die Autorin vor der Sehitlik-Moschee wiederum Zeugin einer bedrückenden Trauerfeier für eine 16-jährige Schülerin, die Suizid begangen hat. Niemand aus ihrer Klasse mag darüber sprechen. An Herzschlag sei sie wohl gestorben, lautet die verschämte Auskunft ihrer Mitschülerinnen. Die Gründe für das Drama bleiben im Dunkeln, wie so vieles, was vor allem in muslimischen Migrantenfamilien aus Scham und Angst vor Ehrverlust nicht nach außen dringen darf.

Wer Keleks fraglos exzellente Studien über die „Fremde Braut“ und „Allahs verlorene Söhne“ bereits kennt, wird in diesem Buch jedoch nur noch wenig Neues finden. Nicht zum ersten Mal fordert Kelek, dass der Islam endlich eine Aufklärung durchmachen müsse, sieht jedoch keine wirklichen Ansätze dazu. Gefeierte Reformer wie Tariq Ramadan oder Fethullah Gülan entlarvt sie mühelos als gewiefte Fundamentalisten, die anstelle der erhofften Integration den Islam als paralleles Lebensmodell in Europa etablieren möchten.

Zwar sei der Koran, so Kelek, zumindest nach dem Inhalt seiner Texte nicht allein für die oft irritierenden Erscheinungsformen des türkisch-islamischen Lebens in Deutschland verantwortlich zu machen. Bedenklich sei jedoch der mit ihm verbundene absolute Anspruch auf Wahrheit und Unveränderlichkeit, der bei vielen islamisch sozialisierten Menschen die Illusion erzeuge, der westlichen Kultur mit ihrem konsumorientierten Individualismus geistig und sittlich überlegen zu sein. „Die Abgrenzung gegenüber anderen – durch das Kopftuch, das Verheiraten der Söhne und Töchter mit Partnern aus der Heimat, die Verunglimpfung all jener, die Bier trinken und Schweinefleisch essen, die blutigen Traditionen der Beschneidung und des Opferfestes – all dies wird zur Demonstration einer kollektiven Selbstvergewisserung. Es ist die Absage der Muslime an die aufgeklärte Gesellschaft.“

Kelek bestreitet aber auch nicht, dass sich gleichwohl ein großer Teil der Muslime mit türkischen oder orientalischen Wurzeln längst in die freiheitliche Gesellschaft integriert habe und größtenteils keinen Wert darauf lege, von den politisch agilen hiesigen Islamverbänden vertreten oder in ihrer privaten Glaubensausübung bevormundet zu werden.

Die vier im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammen geschlossenen Islamverbände stehen tatsächlich nur für höchstens zehn Prozent der vermutlich bereits vier Mio. Muslime im Land. Die übrigen bilden die große schweigende Mehrheit, die bisher nicht in den Diskussionsprozess einbezogen werden konnte und das vielleicht auch gar nicht wollte. Dass die Regierung daher nur mit den Vertretern des politischen Islam verhandelt, kann indes trotz der vorhersehbaren mageren Ergebnisse – Kelek kommentiert dies ironisch als erfolgreiches Scheitern – nicht unbedingt als Fehler bezeichnet werden, vorausgesetzt, dieser Prozess führte endlich zu einem höheren Mobilisierung der bisher abseits stehenden Mehrheit der Muslime. Als politische Vision schwebt ihr ein großer Rat vor –Kelek spricht sogar von einem Sanhedrin, in dem sich die Muslime als Individuen und als Staatsbürger dem demokratischen Gemeinwesen verpflichten. Dazu aber müssten sie endlich ihre vom Islam geprägte Gruppenidentität zurückstellen: „Wir Muslime müssen uns von den Wächtern des Islam, von den Vorbetern, den Vätern und Übervätern, Abis und Vormündern befreien. Wir müssen Selbstverantwortung übernehmen, uns als Individuen begreifen und Freiheit lernen und aushalten.“

Das erscheint allerdings als eine stark überzogene Forderung an die hier lebenden Menschen mit biografischem Bezug zum Islam, da ein derartiges ideologisches Bekenntnis zum freiheitlichen Rechtsstaat auch von den Angehörigen der autochthonen Mehrheitsgesellschaft schließlich weder gefordert wird noch tatsächlich erbracht werden würde.

Die zentrale Frage dabei ist aber, was aus der islamischen Religion wird, wenn ein solcher quasi-revolutionäre Prozess tatsächlich gelänge? Könnten Reformen wirklich die ‚Religion des Propheten‘ gruppendynamisch entschärfen und letztlich einen spirituellen Kern freilegen, der noch eine Religionsausübung privatissime rechtfertigt. Was bleibt von der monotheistischen Theologie, wenn man sie der Umma, seiner zentralen Bezugsgröße beraubt? Die von der Autorin als Pseudoreformer gescholtenen Ramadan und Gülan scheinen da tiefer zu blicken: Nur einen Stein aus diesem totalitären Gebäude herauszuziehen könnte bereits bedeuten, dass alles zusammenbricht.

Titelbild

Necla Kelek: Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
267 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783462041972

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Letzte Änderung: 26.05.2010 - 16:26:44
Erschienen am:26.05.2010
Lesungen: 2508
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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