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Nietzsche in Afrika

Samson Kambalu flunkert in seinem Roman „Jive Talker“ mit Witz seine Lebensgeschichte vor

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der malawische Künstler Samson Kambalu erfüllte sich 2003 einen Traum. An der Nottingham Trent University schloss er sein Kunststudium mit einem Master of Arts ab. 28 Jahre früher, als er 1975 in Malawi geboren wurde, hätte niemand daran zu denken gewagt. Sein Vater war ein Jive Talker, ein Schwätzer also, der obendrein gerne dem Bier zusprach und als bescheidener Hilfsarzt seine zwölfköpfige Familie durchbrachte. Auch wenn er mit den Jahren die Karriereleiter ein paar Stufen hochkletterte und zeitweise zu bescheidenem Reichtum gelangte, blieb die Not dennoch stets präsent. Dieser Jive Talker hatte allerdings auch eine ambitionierte Kehrseite und pflegte eine besondere Marotte. Der wertvollste Besitz in seinem Haus war ein zweiteiliges Büchergestell – das „Diptychon“ –, das wahre Schätze barg. Die Encyclopedia Britannica traf hier auf die Bibel, feinste englische Literatur stand neben Friedrich Nietzsches Werken. Letztere vor allem beeinflussten auch Sohn Samson nachhaltig in seiner Entwicklung. „Gott ist tot“ und die Lehre vom Übermenschen prägten sich ihm floskelhaft ein, bevor er derlei überhaupt zu verstehen vermochte.

Dies war die eine Seite; die andere Seite bestand in ungezählten Krankheiten, die Samson und seine Geschwister beständig heimsuchten. „Mein früheste Kindheitserinnerung ist die an einen Spulwurm, der aus meinem Po heraushing und hin und her klatschte“, erinnert er sich. Diese Krankheiten zehrten an den Reserven, machten offenkundig aber auch Kräfte frei – und sie hinderten den Jungen nicht, allerlei Schabernack zu veranstalten. Während die Kinder, nicht zuletzt mit Hilfe der väterlichen Medikamente, alles unbeschadet überstanden, verstarben Kambalus Eltern an Aids: 1995 der Vater, sieben Jahre später die Mutter.

Bildung und Krankheit bilden so etwas wie eine Klammer um Kambalus Roman. Der Vater ermahnte seine Kinder stets, sich nicht „wie verfluchte Eingeborene“ zu benehmen. Der altkluge Schlaumeier Samson folgte ihm darin, indem er beflissen das „Diptychon“ studierte und auf alles und jedes eine (theoretische oder literarische) Antwort bereit hielt. Nebst Nietzsche las er vor allem die Bibel, die in vielerlei Hinsicht von Bedeutung war. Religiös lebte die Familie in einem Tohuwabohu, da ihre Mitglieder zwischen allen möglichen christlichen Bekenntnissen hin- und herschwankten. Samson benutzte die Bibel aber eher eklektisch. Schon mit Elf ordnete er alle Wörter aus der Genesis 3 in alphabetischer Reihenfolge und erfand seinen ersten „Holyball“: einen Fußball, den er ringsum mit Textseiten aus der Bibel bekleisterte. Dieser Holyball sollte später ein Zentralwerk des Künstlers Kambalu werden, wie seine persönliche Webseite holyballism.com bezeugt.

„Jive Talker“ erinnert daran in Form einer autobiografischen Erzählung, die, wo nötig, die gute Anekdote den dürren Fakten vorzieht. Kambalu berichtet farbig und direkt, ohne literarische Tricks. Sein Buch gleicht – wie auf dem Innendeckel abgebildet – einem Bilderreigen, der alles in allem eine doch erstaunliche Geschichte erzählt: die Erfüllung seines Künstlertraums, der ihn aus dem weltabgeschiedenen Malawi schließlich nach London geführt hat.

Die diesbezüglichen Ambitionen keimten schon früh in ihm auf. Er peilte zuerst aber eine musikalische Karriere an. Mit jugendlichem Leichtsinn redete sich Samson ein, das Zeug zum Star zu haben: wie Prince, Pete Townsend oder Keith Richards. Eine Zeit lang wirbelte Samson den Moonwalk tanzend als Michael Jackson-Double über die Tanzbühnen der Heimat. Auffallend ist, wie sich der Junge – in väterlicher Tradition – nie an afrikanischen Vorbildern orientierte, sondern dafür nach England und den USA schielte. Er kannte sich bestens aus in den Biografien der großen Gitarristen oder der erfolgreichen Jungkünstler des Formates Jean-Michel Basquiat. Wer etwas auf sich hielt, hörte sich die internationalen Hits an – auch im rückständigen, diktatorisch regierten Malawi, in dem es vor 2000 weder ein Musikaliengeschäft noch eines für Künstlerbedarf gab. Kambalu zeigt uns ein Afrika an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne. „Jive Talker“ mixt daraus ein gewitztes, hin und wieder aber auch etwas selbstgefälliges Buch.

Titelbild

Samson Kambalu: Jive Talker. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Marlies Ruß.
Unionsverlag, Zürich 2010.
350 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783293004115

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Letzte Änderung: 31.05.2010 - 14:42:04
Erschienen am:31.05.2010
Lesungen: 1796
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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