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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Schwerpunkt: Literaturkritik - Zu Ehren Marcel Reich-Ranickis » Ein Kritiker und sein Kanon
 
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Dichter der Jugend

Marcel Reich-Ranicki stellt ‚seinen‘ Georg Büchner vor

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Marcel Reich-Ranicki ist in der Welt der Medien aus mehrerlei Gründen ein Star. Im akademischen Milieu ist Reich-Ranicki, der zum Studium nie Gelegenheit bekam, ein Fremder geblieben. Die zahlreichen Ehrendoktorate gelten dem Wirken als Literaturvermittler, nicht so sehr dem, was der Kritiker substantiell über Literatur schrieb. Dieses gilt vielen als unbillig simplifizierend, idiosynkratisch, nicht zünftig. Reich-Ranickis Geringschätzung für literatur- und kulturwissenschaftliche Methoden, Moden, Theorien tut ein Übriges. Nicht viele im Wissenschaftsbetrieb halten sein ‚biografistisches‘, ‚kontextvergessenes‘, hochgradig persönliches und ungeniert wertendes Agieren für methodisch vertretbar. Nur wenige mögen ihm folgen, wenn er den „Kanon“ deutscher Literatur aufstellt. Vielleicht die bitterste Provokation Reich-Ranickis an die Adresse der Literaturwissenschaft: Seine Prosa ist höchst exoterisch, nicht misszuverstehen, mithin ein Dorn im Auge all jener, die im Glauben sind, die Rede von Literatur müsse kompliziert respektive komplex sein, denn die Sache selbst sei so beschaffen. In äußerster Konsequenz scheint sein Gestus die Existenzberechtigung der Literaturwissenschaft in Frage zu stellen, denn wissenschaftliche Probleme, seien sie editionsphilologischer oder ‚philosophischer‘ Art, scheinen ihn, der doch beansprucht, höchstrichterlich über Literatur urteilen zu können, nicht die Bohne zu kümmern.

„Mein Büchner“ ist Teil einer durch Reich-Ranicki verantworteten Reihe, die zuvor ‚seinem‘ Heine, ‚seinem‘ Lessing und ‚seinem‘ Kleist die Reverenz erwies, mit lesebuchmäßigen, beinahe bibliophilen ‚Best-of‘-Kollektionen dieser Autoren. Da Georg Büchner jung verstarb, kann in seinem Fall das Gesamtwerk (ohne Briefe), der Ausgabe Henri Poschmanns im Deutschen Klassiker Verlag (1993) folgend, geboten werden. Der Titel selbst, „Mein Büchner“, ist typisch für Reich-Ranicki – besitzergreifend, apodiktisch und doch unangreifbar: Wenn Reich-Ranickis einleitende Worte ‚seinem‘ Büchner gelten, seiner persönlichen Sicht auf den Autor, sind sie immun gegen Kritik.

Zuverlässig stellt Reich-Ranicki sein besonderes Talent unter Beweis, auf engstem Raum das Wesentliche zusammenzuraffen. Hier sind es vier Seiten, die – als „Vorwort“ deklariert – die Besonderheit Büchners und seiner Stellung in der Literaturgeschichte mit Mut zur Deutlichkeit auf den Punkt zu bringen versuchen – in klarer, eingängiger Sprache. So spricht, wer sich seiner Sache gewiss ist. Nicht, dass es Anlass gäbe, Reich-Ranickis Einlassungen anzufechten. Büchners Erzählung „Lenz“ preist er als ein „ein bahnbrechendes Werk“. Der Autor habe gewagt, „was man vor ihm in der deutschen Literatur überhaupt nicht und in der Weltliteratur kaum kannte: Er porträtierte einen psychisch kranken […] Menschen.“ Bücher profitiere, so im „Woyzeck“, seinem bekanntesten Drama, von eigenen medizinischen Kenntnissen. Ähnliches gelte, Jahrzehnte später, für andere dichtende Ärzte: Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, Alfred Döblin. Meist hätten diese unter Büchners Einfluss gestanden. So sei der „Barbier und Soldat Woyzeck, der von Vorgesetzten und Wissenschaftlern gedemütigt und missbraucht“ wird, „Vorbild vieler plebejischer Gestalten in der neueren deutschen Literatur“. Ähnlich einfach und richtig ist Reich-Ranickis Charakterisierung des „Danton“: Die Revolution habe Büchner „fasziniert“, doch seine naturwissenschaftliche „Sachlichkeit“ sei ihm „sofort ins Gehege“ gekommen. Er habe das revolutionäre Geschehen „mit wachsender Verwunderung beobachtet und mit Abscheu gezeigt“. Büchners Eigenstes sei die Empfindung „großer Vergeblichkeit“.

Spätestens wenn „Leonce und Lena“ als „heiterste und zugleich bitterste Komödie“ der Literaturgeschichte gepriesen wird, „geschrieben mit einer Träne im lachenden Auge“, kommen die Begrenzungen des superlativischen, Klischees und Floskeln nicht scheuenden Duktus’ Marcel Reich-Ranickis in Sicht. Trotzdem gilt: Einen überzeugteren und überzeugenderen Anwalt wird kein Dichter des „Kanons“ finden. Dies gilt auch und besonders für Büchner: „Er war der Dichter meiner Jugend, und er ist bis heute mein Dichter geblieben, wie außer Goethe und Heine kein anderer deutscher Poet.“

Titelbild

Marcel Reich-Ranicki (Hg.): Mein Büchner.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009.
237 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783455402117

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Letzte Änderung: 27.05.2010 - 15:23:03
Erschienen am:27.05.2010
Lesungen: 2967
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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