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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Fremdsprachige Literatur
 
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Macht und Begierde

Péter Nádas’ erste Erzählung „Die Bibel“ aus dem Jahr 1962 ist ein Ereignis von grausamer Intensität

Von Laslo Scholtze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Junge, mehr Kind noch als Heranwachsender, schlägt mit der Hacke auf seinen Hund ein. Eben noch treuer Spielgefährte, wird das Tier nun als Vergeltung für einen kleinen Biss unnachsichtig gefoltert. Nicht Mitleid, nur Ekel vor dem zerfleischten, blutigen Hunderücken empfindet der Junge. Auch später keine Reue, während er die Tat vertuscht.

Mit dieser Szene beginnt die Erzählung „Die Bibel“, die Péter Nádas 1962 im Alter von – kaum zu glauben – gerade einmal zwanzig Jahren verfasste. Ein kleines Meisterwerk, das seinen Autor als Ausnahmetalent auf der Bühne der europäischen Literatur ankündigte.

Die Eltern des Jungen sind ehemalige Revolutionäre, die nun alle Privilegien höherer Funktionäre des kommunistischen Regimes in Ungarn genießen. Sie arbeiten viel, lassen ihrem Sohn Bildung angedeihen, ahnen aber wenig von dem, was ihn in seiner inneren Welt umtreibt. Vernachlässigung und Einsamkeit? Die Wirren der beginnenden Pubertät? Naturgegebene, mithin zufällige sadistische Neigungen?

Er lungert im Bett und auf dem Dachboden herum, pirscht sich an das Nachbarsmädchen Eva heran und versucht vor Szidike, dem neuen Dienstmädchen, den Herren und am liebsten auch den Verführer zu spielen.

Er ist gefangen in einem Wust an Gefühlen, die ihn bedrängen: „Diese Ängste stiegen nicht einzeln in mir auf, sondern genauso grau und unbestimmbar zusammengeballt wie der Dunst über dem Rasen.“ Getrieben von seiner erwachenden sexuellen Begierde, wird er hin- und hergeworfen zwischen Empfindungen von Stolz und Scham. Die Anerkennung als Mann aber wird ihm verwehrt; meist ist er der Unterlegene und Ohnmächtige. Nur Szidike vermag er als Rache für die erlittenen narzisstischen Kränkungen zu quälen. Obgleich eine lebensfrohe Person, ist sie in ihrer sozialen Stellung und ihrer Armut abhängig und hilflos.

Szidike ist die Schlüsselfigur der tragischen Geschichte. Der Sohn des Hauses beobachtet sie beim Baden, drangsaliert sie und verspottet ihre christliche Religion. Und auch die Großmutter, die mit im Haushalt wohnt, hetzt gegen das Dienstmädchen und setzt es perfiden Verdächtigungen aus. Die Eltern geben sich zwar aufgeklärt und fortschrittlich, lassen sich mit „Genosse“ und „Genossin“ anreden. Zudem erlauben sie der Bediensteten, am Familientisch zu essen, und verkünden, sie gehöre zur Familie. Doch Schutz vor den Demütigungen können auch sie der Ohnmächtigen nicht bieten – die Herrschaftsverhältnisse sind unerbittlich, auch und gerade im de facto stalinistischen Rákosi-Regime.

Die Angst und die sadistische Willkür des Sohnes erscheinen so in anderem Licht: Er ist darin nicht in erster Linie Kind seiner Eltern (wenngleich diese am Unrechts-System partizipieren), er ist vor allem Kind seiner Zeit. Und das heißt: Kind der Diktatur. Nirgends wird das deutlicher als in dem Moment, in dem seine zeitweilige Spielgefährtin Eva im Zorn droht: „Ich lasse dich abholen! Von meinem Vater! Ich lasse dich abholen!“ – und dies offensichtlich kein völlig abwegiger Gedanke ist.

Der zeitgeschichtliche Kontext spiegelt sich nur beiläufig in den Figuren. Dennoch gelingt es Nádas, präzise darzustellen, wie er das Miteinander der Menschen prägt und sich mit ihren psychologischen Dispositionen verbindet. Dabei beeindruckt an Nádas’ Stil vielleicht am meisten, wie sparsam und knapp der junge Autor mit durchdringendem, unbestechlichem Blick zu erzählen vermag.

Ebenso souverän handhabt Nádas das Leitmotiv, das man auch die „instrumentalisierte Bibel“ nennen könnte. Denn die in dunkles Leder gebundene Bibel, die der Erzählung den Namen gibt, diente den Eltern einst zur Tarnung ihrer revolutionären Flugblätter, die sie in geheimen Kellern druckten. Die Bibel ist ihr Erinnerungsstück an den lebensgefährlichen Untergrundkampf. Der Sohn benutzt sie nun dazu, das Dienstmädchen zu schikanieren und ihr ihren vermeintlich rückständigen Glauben vorzuhalten. Mit der Menschlichkeit der Bergpredigt hat die Bibel in Nádas’ Geschichte für niemanden etwas zu tun. Es wird getötet, verraten, verleumdet, begehrt, falsches Zeugnis gegeben – wahrhaftig ein kleines Fegefeuer der Eitelkeiten. Nur Szidike, der Armen, Wehr- und Rechtlosen, scheint die Bibel heilig und ein Halt im Leben zu sein.

Nach „Behutsame Ortsbestimmung“ (2006) ist „Die Bibel“ das zweite nicht einmal hundert Seiten umfassende Bändchen von Péter Nádas im Berlin Verlag, das als eine außergewöhnliche, sehr lohnende Lektüre zu empfehlen ist.

Titelbild

Péter Nádas: Die Bibel. Erzählung.
Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky.
Berlin Verlag, Berlin 2009.
95 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783827007124

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Letzte Änderung: 31.05.2010 - 13:47:13
Erschienen am:31.05.2010
Lesungen: 2430
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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