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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Biografisches
 
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„Täglich baden“

Vehikel fürs Ichgefühl: Die intimen Tagebücher der jungen Susan Sontag

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man darf sich halt keine Blöße geben. Der „Zauberberg“ sei „ein Bildungsroman, wie alle deutschen Romane“, erläuterte Thomas Mann den beiden Highschool-Girls, die sich 1949 dreist in seine Villa am San Remo Drive zum Kaffee eingeladen hatten. Hinterher urteilte eine von ihnen in ihrem Tagebuch verächtlich: „Die Kommentare des Autors verraten das Buch durch ihre Banalität.“

Selbstbewusstsein hatte Susan Sontag bereits als Teenagerin mehr als genug, so scheint es. Schon die 14-Jährige fühlte bei der Lektüre von André Gides „Journal“ „eine so tiefe geistige Verbundenheit“, dass sie bei jedem von Gides’ Gedanken „den entsprechenden Geburtsschmerz“ zu empfinden glaubte. Als Manns Tagebücher nach seinem Tod veröffentlicht wurden, war seine hinter der bürgerlichen Fassade versteckte Homosexualität eine Überraschung. Bei der 2004 gestorbenen amerikanischen Kritikerin und Essayistin ist das anders. Sontags lesbischen Beziehungen waren eher so etwas wie ein öffentliches Geheimnis.

Aber eines, welches sie zeitlebens vor neugierigen Blicken zu schützen wusste. Die Veröffentlichung ihrer frühen Notizbücher erlaubt nun Einblicke in Sontags Privat- und Intimleben – vielleicht mehr als mancher Leser haben wollte. „Wiedergeboren“ umfasst als erster von drei geplanten Bänden die Jahre 1947 bis 1963. Leicht will es sich der Herausgeber, Sontags Sohn David Rieff, mit der Publikation nicht gemacht haben. „Du weißt, wo die Tagebücher sind“: Dieser vieldeutige Satz, schreibt Rieff eingangs, sei das einzige gewesen, was seine Mutter ihm zu ihren im Kleiderschrank versteckten Notizbüchern gesagt habe. Da sie aber ihren Nachlass ohne Zugangsbeschränkungen der University of California verkauft hatte, habe sie ihm die Entscheidung letztlich doch abgenommen. Jedoch habe er zumindest über die Auswahl selbst bestimmen wollen.

Letzte Bedenken des Lesers sollten sich spätestens dann verflüchtigen, wenn er erfährt, wie skrupellos Susan Sontag in den Tagebüchern ihrer jeweiligen Liebhaberinnen spionierte – und hinterher meist über die darin gefundenen ungeschminkten Wahrheiten über ihre Beziehungen am Boden zerstört war. Es sei eine der wichtigsten sozialen Funktionen von Journalen, notierte sie 1957 nach einem solchen Vertrauensbruch gegenüber ihrer damaligen Lebensgefährtin grimmig, „heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden“.

Für die junge Sontag waren ihre Notizbücher „ein Vehikel für mein Ichgefühl“, ein unentbehrlicher Ort der Selbstvergewisserung und -erschaffung. „Von jetzt an werde ich jeden Blödsinn, der mir durch den Kopf geht, aufschreiben“, heißt es einmal. Als Leser muss man sagen: Sontags Tagebücher sind vor allem eine Ansammlung von Listen. Gewiss, hier finden sich akribisch protokollierte Tagesabläufe neben Reflexionen über Film und Interpretation, Sprache und Denken, über literarische Entdeckungen („ein quälender, übler Schmerz in den Zähnen“, heißt es einmal nach der Lektüre Franz Kafkas), über Holocaust, Sexualität und Judentum, in denen sich viele ihrer nach 1964 erschienenen berühmten Essays bereits zu kristallisieren beginnen. Aber dazwischen eben immer wieder auch Listen: von gelesenen oder zu lesenden Büchern („Befehl: Gides ‚Neue Früchte der Erde‘ lesen.“). Von Filmen und Theaterstücken. Von Wörtern aus Kulturzeitschriften oder der Schwulenszene („go commercial: es für Geld machen“). Von Kindheitserinnerungen (20 Seiten lang), von Fehlern („Faulheit“) und Selbstermahnungen („täglich baden“).

Sontags legendäres Selbstbewusstsein, ihr Wille zur Intellektualität, mit dem sie zur bedeutendsten Essayistin Amerikas wurde, war, wie ihre Einträge zeigen, nur die Kehrseite einer tiefen Verunsicherung, gerade auch über ihre sexuelle Identität. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Ihre ersten lesbischen Erfahrungen feierte die junge Studentin als „Wiedergeburt“: „Ich weiß jetzt etwas mehr darüber, was in mir steckt“, notiert sie im Mai 1949 euphorisch. „Ich will mit vielen Leuten schlafen – ich will leben und ich will nicht sterben müssen“. Zugleich sind diese Erfahrungen von Beginn an mit Erlebnissen der Demütigung verbunden: „Sie ist erst sechzehn – erstaunlich, was?“, brüllte ihre Freundin Harriet in einer Szenebar herum. „Und ich bin ihre erste Geliebte.“

Umso überraschender die Kehrtwende: Nur ein Jahr später heiratet Sontag in Chicago ihren Dozenten Philip Rieff, den sie erst Tage vorher kennengelernt hatte: „im vollen + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung“, wie es einen Tag nach der Hochzeit heißt. Über ihre Ehe und die Geburt ihres Sohnes David erfährt man erst mal lange nichts. Bis sich verdächtige Beobachtungen über die Ehe im Allgemeinen häufen: „Die Ehe ist eine Institution, deren Ziel und Zweck die Abstumpfung der Gefühle ist.“

Weshalb man sagen kann: Sontags eigentliche Wiedergeburt findet erst 1957 statt, als sie für Monate ohne Mann und Kind in Europa lebt. In der Pariser Bohème beginnt erst wieder ihre Beziehung mit Harriet, später lebt sie mit Harriets Ex-Geliebter Irene zusammen, die wiederum 1949 auf der Highschool Sontag ein frühes Trauma beschert hatte, als sie sie einmal als unattraktiv bezeichnete. Ein von Sadomasochismus geprägtes Beziehungskarussell mit knallenden Türen, verweigertem Sex (oder auch nur verweigerten Orgasmen), Eifersucht und Blutergüssen im Gesicht.

Sontags Selbstwertgefühl wird in beiden Beziehungen tief erschüttert; stets ist sie in der Rolle der Schwächeren, die über „X“, Sontags Chiffre für ihre emotionalen Bedürfnisse und Abhängigkeiten, grübelt: „Die Quelle von X: Ich bin mir über meine eigene Meinung nicht klar“, klagt jene Frau, die einmal Amerikas scharfsichtigste Kritikerin werden sollte. Ihre Beziehungshöllen lassen Sontag stärker werden: Zurück in New York beginnt 1959 der Kampf um das Sorgerecht für David, bei dem der verletzte Ehemann Sontag outet. „Mein Bedürfnis zu schreiben“, heißt es im Dezember 1959, „hängt mit meiner Homosexualität zusammen. Ich brauche diese Identität als Waffe, als Gegenstück zu der Waffe, die die Gesellschaft gegen mich einsetzt.“

Titelbild

Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963.
Mit einem Vorwort von David Rieff.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum.
Carl Hanser Verlag, München 2010.
377 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234949

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Letzte Änderung: 31.05.2010 - 14:40:30
Erschienen am:31.05.2010
Lesungen: 2716
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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