Nur selten ist ihm ein ganzes Sonett geglückt

Der wahre "Shakespeare in love": die Sonette in neuen Übersetzungen

Von Geret LuhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Geret Luhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über den Welterfolg des jüngsten Shakespeare-Films werden sich wohl auch jene Anglisten freuen, die man als Stratfordians bezeichnet und die meinen, Shakespeare wäre wirklich Shakespeare gewesen: der kaum mehr als halbgebildete Schauspieler und Sohn eines analphabetischen Kaufmanns aus Stratford upon Avon, der den Namen William Shakespeare trug. Wird im besagten Film doch immerhin gezeigt, wie es einem solchen Mann mitten im Trubel seines Lebens tatsächlich gelingen kann, gleichsam nebenbei ein Jahrtausendwerk aus dem Ärmel zu schütteln. Die anderen jedoch, die wie die Oxfordians dagegenhalten, daß Shakespeare aus besagtem Grund unmöglich Shakespeare gewesen sein könne, sondern daß er eigentlich der adelige Literat und homosexuelle Vertraute der englischen Königin, der siebzehnte Earl of Oxford, Edward de Vere, gewesen sei, werden sich grämen müssen. Denn wer wird ihnen in Zukunft, wenn diejenigen erwachsen sind, deren Shakespeare-Rezeption augenblicklich auf so konventionelle Weise gelenkt wird, noch glauben schenken?

Enttäuschung erwartet jedoch, um zum angekündigten Thema zu kommen, unweigerlich auch jene Filmzuschauer, die sich von dem zielgerichteten erotisch-romantischen Drama inspiriert nun an die neuen und neu erschienenen Übersetzungen der Shakespeareschen Sonette heranwagen. Das freilich in erster Linie nicht wegen der Übersetzungen, sondern wegen der Sonette selbst. Denn deren Lektüre setzt beileibe keine eindimensionalen Emotionen frei, ja verwirrt eher das Gefühl. So schrieb schon Karl Kraus, in den Shakespeareschen Sonett-Empfindungen kreuzten sich die "Glut zwischen Jüngling und Dame", zeigten sich die "Sehnsucht nach Erhaltung des männlichen Schönheitsbildes" und die "Eifersucht, die das weibliche umloht": "kurz das lebendige Chaos". Nun fühlt man sich angesichts dieser Sätze zwar an die Feststellung W. H. Audens erinnert, daß über kaum ein Werk der Weltliteratur mehr Unsinn gesagt und geschrieben worden sei als über die Sonette Shakespeares. Und doch ist Kraus im Grunde beizupflichten. Das kunstvoll konstruierte "lebendige Chaos" der Sonette läßt sich in keiner Weise festlegen; auch nicht auf die vom Autor der Sonette stark akzentuierte homoerotische Lesart.

Das macht die Sonette schwer zu übersetzen. Wegen ihres stets changierenden und trotz aller sprachlichen Leichtigkeit dennoch unvergleichlichen Kunstcharakters sind sie gleichwohl zu einer der großen Herausforderungen für jeden Übersetzer geworden. Allein in die deutsche Sprache hat man die Sonette während der letzten 150 Jahre mehr als fünfzigmal übertragen. Einmalig auch ein anderer Umstand: die Sonett-Übersetzer beziehen sich bei ihrer Arbeit häufig gar nicht unmittelbar auf das Original, sondern vielmehr auf die bereits vorliegenden Übersetzungen, die es jeweils zu überbieten gilt. Man denke hier nur an Karl Kraus' Polemik gegen die Umdichtungen Stefan Georges, die seine eigene Übersetzung überhaupt erst motivierten. Geschätzt hat Georges Arbeit an den Sonetten dagegen Gustav Landauer, der ihr dem Willen und auch der Dichtkunst nach allerhöchsten Rang zusprach. Und dennoch fügte Landauer hinzu: "aber nur selten ist ihm ein ganzes Sonett geglückt." Diese Aussage darf allgemeinere Gültigkeit beanspruchen, da sie zumindest auch für die Neuübersetzung gilt, die unlängst von der Lyrikerin Simone Katrin Paul im Pendo-Verlag vorgelegt worden ist.

Die aus den neuen Bundesländern stammende, 1966 geborene Autorin legte mit einigem Erfolg bislang drei Gedichtbände vor, wobei zumal ihre Liebeslyrik hochgelobt, gar mit der von Lasker-Schüler verglichen wird. Das vor allem rhythmisch eigenwillige Selbstbewußtsein der Schriftstellerin drückt sich denn auch in ihrer Shakespeare-Übersetzung aus. So etwa im ersten Quartett des berühmten zwanzigsten "master-mistress"-Sonetts:

Ein Fraungesicht, durch Natur eigenhändig

gemalt, hast Du, Herr-Herrin meiner Lieb

ein sanftes Frauenherz, eins, das nicht ständig

den Wechsel sucht, wie's falscher Frauen Trieb.

Auffällig ist die große syntaktische Nähe zum Original: "A woman's face, with Nature's own hand painted, / Hast thou, the master-mistress of my passion; / A woman's gentle heart, but not acquainted / With shifting change, as is false women's fashion". Daß daraus noch kein gutes Deutsch resultiert, scheint offensichtlich zu sein. Ja ist der Übersetzer nicht schon deshalb zu sprachlichen Rauheiten gezwungen, weil er die längeren deutschen Perioden in das vom Original vorgegebene Sprachkorsett zwängen muß? Man kann diese Rauheiten jedoch auch gewinnbringend einsetzen: eine Technik, die seit Hellingraths Hölderlin-Ausgabe als "harte Fügung" bekannt ist. Durch die Hemmung des nur auf Mitteilung bedachten Leseflusses in der "harten Fügung" gewinnt die Sprache dabei eine ganz eigene Materialität zurück - so auch bei Simone Katrin Paul, deren Verse man nur langsam und jede Silbe akzentuierend lesen muß. Dann offenbaren sie ihre ganz eigene Schönheit, die freilich nicht grundlos an die von Gedichten Stefan Georges erinnert.

Ein frauenantlitz das Natur selbsthändig

Gemalt - hast du. Herr-Herrin meiner Minne.

Ein zartes frauenherz. doch das nicht ständig

Den wechsel sucht nach falscher frauen sinne.

So klingt die Fassung Stefan Georges, an dessen Umdichtung Simone Katrin Paul sich überhaupt stark anlehnt. Vieles, was bei George ungelenk wirkt, fügt sie allerdings anders und oft besser; einige Wendungen jedoch übernimmt sie zu ihrem Schaden. So auch im zwanzigsten Sonett, das wie zahlreiche andere - und ganz im Sinne Landauers - nicht als Ganzes geglückt ist. Nach dem zweiten Quartett lautet das Original mehrfach codiert: "And for a woman wert thou first created, / Till Nature as she wrought thee fell a-doting, / And by addition me of thee defeated, / By adding one thing to my purpose nothing. / But since she pricked thee out for women's pleasure, / Mine be thy love, and thy love's use their treasure." Schon George machte aus der "addition" eine "zutat", die sich jedoch in den Versrhythmus noch einschmiegte. Bei Simone Katrin Paul heißt es nun ganz mißtönend:

Als Frau wurdest Du zuerst gemacht

doch wurd Natur dabei nach dir verrückt

hat mich durch Dazutun um dich gebracht

gab Dir ein Ding, für meinen Zweck mißglückt.

Stellt sie Dich auch zur Fraunlust auf den Platz

mich lieb, Deiner Lieb Gebrauch sei ihr Schatz.

Nicht besser - und deshalb nicht zu zitieren - was Wolfgang Kauß in seiner insgesamt mißlungenen Übertragung daraus macht. Wie anders klingt es dagegen, wenn Christa Schuenke, deren Übersetzung jüngst bei dtv neu aufgelegt und um einen sehr instruktiven, übersetzungstheoretischen Anhang erweitert wurde, diese Zeilen ins Deutsche überträgt:

In dich dabei und hängte dir was an:

Ein Ding, das keinen Wert besitzt für mich.

Gab sie das Ding dir, Frauen zu entzücken

Schenk mir die Liebe; sie magst du beglücken.

Die Übersetzerin Christa Schuenke, ebenfalls aus den neuen Ländern stammend, begann sich bereits mit den Shakespeare-Sonetten zu beschäftigen, als Simone Katrin Paul noch nicht einmal geboren war. Dieser Erfahrungsvorsprung verschafft ihr, neben ihrer beruflich bedingten Professionalität, eine Sicherheit im Übersetzen, die zu einer, wie sie es selbst ausdrückt, hohen "Wirkungsäquivalenz" führt. Ihr Ziel war es, daß die Synthese von Inhalt und Form auch in der Übersetzung erhalten bleibt, weshalb sie sich gelegentliche Freiheiten gegenüber dem Original herausnimmt. Eine solche auf Wirkung bedachte Lizenz nutzte für seine Übersetzung übrigens auch Karl Kraus, so daß sich Christa Schuenkes Arbeit zu der Simone Katrin Pauls in etwa verhält wie die Nachdichtung von Karl Kraus zur Umdichtung von George. Bei aller Souveränität gelingen jedoch auch Christa Schuenke nicht alle Gedichte: Zu umfangreich und komplex scheint demnach der Korpus der 154 Sonette zu sein, als daß ein Übersetzer ihn bewältigen könnte. Hinzu kommt, daß der Übersetzer, um sich nicht des Plagiats schuldig zu machen, selbst dann neu und anders übersetzen muß, wenn die eine treffliche Fügung - das verbum proprium - bereits vorliegt.

Aus diesem für die deutschen Shakespeare-Sonette bezeichnenden Schicksal kann daher nur ein Schluß gezogen werden: es ist an der Zeit, endlich eine Anthologie der geglückten Sonett-Übersetzungen zu verlegen. Aus dem großen Reservoir der eingedeutschten Shakespeare-Sonette, heißt das, wäre für jedes Gedicht jeweils die eine gelungene Fassung auszuwählen. Und sollte in einem Fall gar keine vollends gelungene Fassung vorliegen, dann wäre unter Beachtung der Textkritik aus verschiedenen Fassungen zu kompilieren bzw. im Sinne des "Lyrikwarts" (siehe den Text von Robert Gernhardt in dieser Ausgabe) zu redigieren und zu verbessern.

Simone Katrin Paul hätte, wenn hier noch ein persönlicher Tip abgegeben werden darf, gute Chancen, beim kanonischen achtzehnten Sonett den Preis davonzutragen:

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?

Wie, wenn Du lieblicher und milder bist.

Rauhe Winde über Maiknospen streichen

und Sommerszeit nur kurz bemessen ist.

Manchmal zu heiß des Himmels Aug' erhellt

oft ist sein goldnes Ansehn auch getrübt

und manchmal Schönes von Schönem verfällt

durch Zufall oder Wechsel, nie erblüht.

Doch soll Dein ewger Sommer nie verblühn

sich nichts verliern von Deiner Lieblichkeit

noch soll Dich Tod in seinen Schatten ziehn

Dich reiche ewiger Vers durch die Zeit.

Solang noch Menschen atmen, Augen sehn

solang lebt jener, läßt Dich fortbestehn.

Oder ist nicht letztlich doch allein das erste Quartett von makelloser Schönheit? Shakespeare, wer immer Du auch warst: welche Müh' und welche Lust!

Titelbild

William Shakespeare: Die Sonette. Übersetzt von Wolfgang Kaußen. Mit einem Nachwort von Friedmar Apel.
Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1998.
335 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3458339280

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

William Shakespeare: Sämtliche Sonette. englisch/deutsch. Aus dem Englischen von Simone Katrin Paul.
Pendo Verlag, Zürich München 1998.
24,50 EUR.
ISBN-10: 3858423300

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

William Shakespeare: Die Sonette. Neu übersetzt von Christa Schuenke. Mit einem Essay und Literaturhinweisen von Manfred Pfister.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999.
176 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3423124911

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