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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Philosophie und Soziologie
 
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Entschlüsselung einer Schlüsseltheorie

Zu einem Sammelband über die Aktualität Theodor W. Adornos

Von Mario WenningRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mario Wenning

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es besteht kein Zweifel, dass Theodor W. Adorno einer der wichtigsten Theoretiker der Moderne ist, obwohl man seinen Texten mittlerweile deutlich anmerkt, dass sie unter anderen historischen Bedingungen entstanden sind. Adornos aktive kritische Rolle für die intellektuelle Entwicklung der Bundesrepublik ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Zusammenfassend sehen die Herausgeber Stefan Müller-Doohm und Georg Kohler in ihrem Sammelband „Wozu Adorno“ das Aktuelle an dessen Denken daher in der eigentümlichen Bewegungsform seiner Kritik und weniger in der Analyse konkreter, geschichtlicher Phänomene.

Diskursstifter beeinflussen häufig nicht durch den jeweiligen Inhalt ihrer Texte, sondern indem sie innovative Denkformen stiften. So ist es nicht nur die Musikalität, die Adornos Denken auszeichnet, es ist auch der radikale Gestus seiner Gesellschaftsanalyse. Die „antiaffirmative Dialektik“ einer „Kritik der enttäuschten Vernunft“ regt nicht zuletzt aufgrund ihres unvergleichlichen Stils zur Nachahmung an. Umso erstaunlicher ist es daher, dass die in diesem Band versammelten Beträge nur noch entfernt an den Originalton erinnern.

Im ersten Teil finden sich Beiträge, die die Frage nach der Relevanz des Werkes Adornos positiv beantworten. Der zweite Teil versammelt Gegenstimmen, die Adornos Aktualität deutlich in Frage stellen, während sich die Analysen im dritten Teil spezifischen Aspekten seines Denkens widmen. Denkstilistisch bleibt der Kritiker seinen Bewunderern und Verächtern nach wie vor überlegen.

Während man in der ersten Generation der Adorno-Rezeption adornierende Adepten und anti-adornierende Kritiker fand, sieht die Situation mittlerweile wesentlich abgeklärter aus. Man spricht über einen Schlüsseltheoretiker und historisiert ihn damit zugleich. Was den Beiträgen aber weitgehend nicht gelingt, ist, Adornos Gedanken produktiv aufzugreifen und im Kontext gegenwärtiger Debatten fruchtbar zu machen oder neue Debatten anzustoßen, wie es etwa Jürgen Habermas in seiner Rede über die Naturverflochetenheit der Vernunft gelungen ist.

Die im Schlussteil enthaltene Bibliografie, die nur die seit 2003 erschienen Veröffentlichungen von und zu Adorno enthält, dokumentiert zahlreiche Monografien zu Adornos Sprachphilosophie, seinem Verhältnis zur Psychoanalyse, seiner Hölderlininterpretation oder zu seinem Versöhnungsbegriff, um nur einige der in den Beiträgen angeschnittenen Themen zu nennen.

Obwohl die Frage „Wozu Adorno?“ letztendlich nicht beantwortet wird – vielleicht ist sie ohnehin zu rhetorisch, um aufrichtig beantwortet zu werden – finden sich Interpretationsvorschläge, die sich in erster Linie an Leser wenden, die mit dem Œuvre Adornos vertraut sind. Der Band dokumentiert, dass diese Leser nicht länger dem vielleicht schärfsten Kritiker der Moderne nacheifern oder durch Kritik der Kritik entkommen wollen. Leider dokumentiert der Band auch, dass der heutige Adornoleser nicht zu dem angestiftet wird, was Adorno meisterlich beherrschte: Neues Denken.

Titelbild

Georg Kohler / Stefan Müller-Doohm (Hg.): Wozu Adorno? Beiträge zur Kritik und zum Fortbestand einer Schlüsseltheorie des 20. Jahrhunderts.
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2008.
332 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783938808399

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Letzte Änderung: 31.05.2010 - 11:31:32
Erschienen am:31.05.2010
Lesungen: 2587
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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