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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Fremdsprachige Literatur
 
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Vögel essen und Hunde töten

Samanta Schweblin erzählt in Kurzgeschichten die „Wahrheit über die Zukunft“

Von Almut OetjenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Almut Oetjen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die argentinische Autorin Samanta Schweblin hat bis heute zwei schmale Bände mit Short Stories veröffentlicht. „Die Wahrheit über die Zukunft“ vereint die dreizehn Geschichten aus „Pájaros en la boca“ von 2009 und „Einen Hund töten“ („Núcleo del disturbio“) aus dem 2002 erschienen Band „El núcleo del disturbio“. Die Geschichten haben einen Umfang von wenig mehr als zwei bis zu fünfzehn Seiten. Zwölf von ihnen sind in der ersten Person erzählt, davon fünf in der Gegenwart, sieben in der Vergangenheit. Die beiden verbleibenden Geschichten sind in der dritten Person erzählt, je eine in Gegenwart und Vergangenheit.

Schweblins Geschichten sind zeitlich unbestimmt und weitgehend universell erzählt, die Figuren und ihre Umwelt sind auf das für die Erzählung Unabdingbare verkürzt. Ortsangaben finden sich in beinahe jeder Story, wie eine Raststätte oder ein Spielwarengeschäft, ein Bauernhof oder eine Schule. Einmal wird eine Stadt genannt: „Einen Hund töten“ spielt in Buenos Aires. In einigen Momenten verweisen zwischentextliche Verbindungen auf Lateinamerika, so „Die Raserei der Pest“ auf Juan Rulfo. Eine Verortung in Geschichte und kulturellen Traditionen Lateinamerikas ist allenfalls am Rande möglich, wie in „Die Raserei der Pest“ und „Das Maß der Dinge“.

Aber die meisten Orte sind unbestimmt, die Personen und deren Handlungen erinnern vielfach eher an Hollywoodfilme denn an Lateinamerika – hier wird deutlich, dass Schweblin Filmwissenschaftlerin ist. Manche Geschichten wirken wie Episoden aus „Tales from the Dark Side“ („Geschichten aus der Schattenwelt“), so „In der Steppe“, „Unter Erde“, „Der Gräber“ und „Konserven“. „Letzte Runde“ ruft Erinnerungen wach an Ray Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ („Das Böse kommt auf leisen Sohlen“).

Im Horrorfilm wird das Schema von Ursache und Wirkung umgekehrt. Soweit die Autorin Horrorgeschichten erzählt, löst sie dieses Schema auf, lässt auf Andeutungen die Beschreibung einer Wirkung folgen und gibt doch über die Ursache keinen Aufschluss.

Die Reise ist ein wiederkehrendes Motiv. Sie erfolgt aus einer als normal und stabil angenommenen Umgebung in eine Fremde, die anderen Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen scheint. Sie führt in die Peripherie – in das Hinterland („Die Raserei der Pest“), an das Meer („Der Gräber“) – oder auf Raststätten („Unter Erde“, „Irman“), die die Reisenden mit merkwürdigen Menschen und Situationen konfrontieren.

Schweblins Stil ist geprägt durch Klarheit und kurze Sätze. Die Erzählerin manipuliert ihre Leser auf mehrfache Weise. Sie beginnt häufig damit, eine bekannte Alltagssituation zu etablieren, die vielfältigen Interpretationen offen steht. Ein Konflikt wird zwischen Figuren oder im Inneren einer Figur erzeugt. Der Konflikt wird einer Klimax zugeführt und löst sich selten anders als in der Unbestimmtheit auf. Mitunter ist die Atmosphäre das wichtigste erzählerische Element, hinter dem ein möglicher Konflikt sich andeutet oder verschwindet. An einem Ausklingen der Erzählung ist Schweblin kaum interessiert, sie lässt die Geschichten oft einfach abbrechen oder stattet sie mit einem offenen Ende aus.

Einige der Stories überführen die konkrete Welt in die abstrakte, die reale in die imaginäre, verweben die Sphären miteinander, worin sie Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges ähneln. Sie vermeiden konsequent die Ausstellung des Übernatürlichen. Andere erzählt Schweblin mit den Mitteln der psychologischen Kurzgeschichte, in der die Subjektivität der erzählenden Figur bestimmend ist (so in „Köpfe gegen den Asphalt“ oder „Der Weihnachtsmann schläft bei uns“), worin sie Borges unähnlich ist.

„Die Wahrheit über die Zukunft“: Frauen, die schön sein wollen, müssen Vögel essen, Männer, die in Buenos Aires Mitglied in einer kriminellen Organisation werden wollen, müssen Hunde töten. Eine auffällige Gemeinsamkeit der Stories ist die Gewalt in ihren vielfältigen Ausformungen als eine Determinante von Beziehungen zwischen Menschen sowie Mensch und Tier.

Die Sammlung von Short Stories ist sehr heterogen geraten, deckt das Spektrum von banal bis lesenswert ab, die lesenswerten dominieren den Band jedoch.

Titelbild

Samanta Schweblin: Die Wahrheit über die Zukunft. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Spanischen von Angelica Ammar.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
130 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421420

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Letzte Änderung: 01.06.2010 - 14:04:35
Erschienen am:01.06.2010
Lesungen: 2563
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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