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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Schwerpunkt: Literaturkritik - Zu Ehren Marcel Reich-Ranickis » Zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki
 
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Nachgeholte Umarmung zum Geburtstag

Zur Entstehungsgeschichte eines Anekdotenbändchens über Marcel Reich-Ranicki

Von Franz Josef Görtz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vorbemerkung der Redaktion: Franz Josef Görtz, viele Jahre lang Mitarbeiter Marcel Reich-Ranickis in der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat zum 90. Geburtstag des Literaturkritikers ein Bändchen mit Anekdoten über ihn veröffentlicht. Einige davon sind in den folgenden Erinnerungen an Reich-Ranicki zitiert.

Literaturredakteur wurde ich im Juli 1980 nach zwei Telefongesprächen, drei Rezensionen zur Probe und einem zweistündigen Rigorosum bei Marcel Reich-Ranicki in seinem Frankfurter Dienstzimmer. Nach dem Gespräch hat er seine Sekretärin gefragt, ob sie sich den Kandidaten als Kollegen vorstellen könne. Nein, erklärte sie entschieden und ohne viel Federlesens, „der sieht doch aus wie ein Bankbote“. Das Haar adrett gescheitelt, dazu einen dunkelblauen Dreiteiler mit langweilig dezentem Schlips, ein präpotentes Aktenköfferchen in der Hand, wie sie in den späten Siebzigern bei aufstiegsorientierten jungen Leuten in Mode waren – das musste in der traditionell juvenil sich gebenden Literaturredaktion der FAZ wirken, als seien die unruhigen Sechziger an diesem Bewerber spurlos vorübergegangen. Kein Wunder, dass MRR oder „der Meister“, wie die drei Literaturredakteure ihn zu nennen pflegten, gelegentlich und gesprächsweise, als ich längst festangestellt war, von mir wissen wollte, ob ich kein Achtundsechziger gewesen sei und niemals geglaubt hätte, dass die Welt verändert werden müsse, notfalls auch mit Hilfe von Literatur und den Mitteln der Poesie. In Wahrheit eine rhetorische Frage, die der Literaturchef der FAZ so beantwortete: „Die Welt verändern? Einer meiner Vorfahren hat’s versucht: Den haben sie dafür ans Kreuz genagelt.“

Zaghaft oder zimperlich klang er nie. Sondern immer streitbar und rundheraus, oft schroff und manchmal auch ungezügelt aggressiv. Das machten sein Temperament und seine Leidenschaft, die allerhand Witz erkennen ließen und eine allezeit sprungbereite Geistesgegenwart verrieten – ganz zu schweigen von seiner ausschweifend ausgeprägten Lust an der Provokation. Woran der Realismus der sogenanten Kölner Schule noch am ehesten zu erkennen sei? In den Romanen dieser Autoren, verkündete Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“, werde immerfort onaniert. Warum die Erzählungen von Harold Brodkey aus den sechziger und siebziger Jahren auch ein Vierteljahrhundert später so gut lesbar seien? „Das Problem des Orgasmus bei Damen ist immer noch sehr aktuell.“

In Diskussionen wurde er hitzig meist erst zum Schluss. Natürlich hat er seine Gegner, auch die langweiligsten, stets ausreden lassen. Oft und mit Kalkül so lange, bis es ihnen den Atem verschlug und mit den Worten auch die Argumente ausgingen. Seine Pointen haben sie wehrlos gemacht, weil die Gags einleuchtend waren und unwillkürlichen Zustimmungszwang ausübten. Das machte sie einprägsam und schnell zu Bonmots.

In Wortwechseln kamen seine Apercus wie aufs Stichwort und waren fast immer origineller als die verkrampften Anstrengungen der Gegenseite. „Der Kerl liebt über seine Verhältnisse“, hat er von einem sehr jungen Kollegen gesagt, der aller Welt mit seinen vielen virtuellen Amouren nachhaltig auf die Nerven ging.

Reich-Ranickis Wortwitz war allemal scharfzüngig, knapp und präzise. Und wenn er, selten genug, weiter ausholen musste, folgte das dicke Ende gewöhnlich im nächsten Halbsatz: „Fabelhaft!“ So sagte er gern, um sich erstmal Gehör und etwas Luft zu verschaffen. Dann kam zum Beispiel ein Standardspruch wie: „Aber leider vollkommen falsch!“ Denkpause fürs Publikum, das nun verlegen und mit unauffällig gesenktem Kopf in sich ging. Fragen oder Einwänden an dieser Stelle begegnete er im „Literarischen Quartett“ und anderswo überaus souverän: „Nein! Halt! Ich möchte erstmal zu klären versuchen, wie ich selbst die Sache sehe.“

In den 77 Sendungen des „Literarischen Quartetts“, vom März 1988 bis zum Juni 2000, war der zum Medienstar avancierte vormalige Literaturchef der FAZ unumstritten der große Zampano, Deutschlands Literaturpapst, eine Kultfigur: von seinen Fans so respektvoll bewundert wie von seinen Gegnern auf Schritt und Tritt verächtlich gemacht. Stillgehalten hat er vor den laufenden Fernsehkameras keine Sekunde lang – im „Quartett“, schon lange davor bei der Gruppe 47 oder beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt so wenig wie vor seinen Kollegen in den wöchentlichen Redaktionskonferenzen der FAZ.

Seine erste Frage, bei meinem Vorstellungsgespräch im Frühjahr 1980, hatte meinem Verhältnis zu Günter Grass gegolten. Über Grass reden wir auch, wenn wir, alle zehn oder vierzehn Tage, miteinander zwei Stunden spazierengehen und an seinem „Lehrstuhl“ haltmachen, den ein fürsorglicher Nachbar in seinen Vorgarten an der Grillparzerstraße gestellt hat: „Zwischenstopp für Marcel Reich-Ranicki, bitte stehenlassen“ steht darauf. An dieser Stelle machen wir eine kurze Rast. Grass hat zu meinem Anekdotenbüchlein eine anrührende Pointe beigesteuert, die ich Hubert Spiegel verdanke. MRR hatte Grass in Lübeck besucht, und der erinnert sich immer noch sehr gern: „Ich hätte ihn umarmen sollen. Das sei hiermit nachgeholt.“

Titelbild

Franz Josef Görtz: "Fabelhaft! Aber falsch!". Marcel Reich-Ranicki in Anekdoten.
DuMont Buchverlag, Köln 2010.
140 Seiten, 12,95 EUR.
ISBN-13: 9783832195953

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http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14420


Letzte Änderung: 02.06.2010 - 21:00:41
Erschienen am:02.06.2010
Lesungen: 2802
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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