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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2010 » Deutschsprachige Literatur
 
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Über Last und Lust zweier elementarer intellektueller Fähigkeiten

Der Arche Literatur-Kalender 2010 widmet sich thematisch dem Lesen und Schreiben

Von Karen RauhRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karen Rauh

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist eine Initiation, die Erweckung zum eigentlichen Leben. „Ich erinnere mich noch, daß es, als ich als Kind begann, ganze Wörter in diese Hefte zu schreiben, wie eine zweite Geburt für mich war – während die erste eines Sonntags stattgefunden hatte, als ich mit meiner Mutter spazierenging und plötzlich, buchstabierend, die Schilder der Geschäfte lesen konnte: Bäckerei, Apotheke, Metzgerei“, beschrieb die italienische Schriftstellerin Fabrizia Ramondino diejenigen Momente, in denen sich für sie zum ersten Mal Buchstaben zu einer Welt formten beziehungsweise die Welt sich in Buchstaben einfangen ließ.

Lesen- und Schreiben-Können ist für die im Arche-Literatur-Kalender 2010 versammelten Schriftsteller eine Art Lebenssaft, der manchmal auch sehr bitter schmecken kann, wie etwa George Orwell bewusst war, der als Literaturredakteur oft Bücher, die ihn in keiner Weise interessierten, lesen und über sie schreiben musste.

Neben der Qual des seelenlosen Schreibens im Brotberuf ist es vor allem der innere Druck, der Zwang des Schreiben-Müssens, mit dem sich Autoren wie Raymond Carver oder Ernst Toller konfrontiert sahen. Aber was trieb und treibt Schriftsteller an, in manchmal tausenden von Anläufen dieses kaum zu fassende Ding, was vorher formlos in ihren Inneren lag, im Text eine Gestalt zu geben?

Der Arche-Literatur-Kalender lässt jede Woche einen anderen großen Schriftsteller der Weltliteratur darauf seine ureigenste Antwort geben. Und jede Woche, 53 Kalenderblätter lang, ist es ein anderer spannender Versuch, dem Geheimnis des Lesens und Schreibens auf die Spur zu kommen. In bewährter Weise kombiniert der Verlag ein Text- oder Selbstzitat mit dem jeweiligen Autorenfoto und macht dadurch diesen Kalender auch zu einem optischen Erlebnis. Neben bekannten Gesichtern wird man dabei auch auf unbekannte aufmerksam gemacht: Wem ist zum Beispiel die großartige afroamerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston ein Begriff?

Die Fähigkeit des Lesens ist eine Lebenshaltung und wächst damit über die Welt der Buchstaben hinaus: „Und in einem erstaunlichen Menschen möchte ich lesen wie in einem Buch. Und es ist ein unerschöpfliches Buch, das ich lese mit Bewunderung, Hoffnung (Kant) und mit Würde“, schrieb Irmtraud Morgner in ihrem Fragment gebliebenen Roman „Das heroische Testament“. Der Arche-Literatur-Kalender macht Lust, diese Lebenshaltung für sich zu entdecken.

Titelbild

Arche Literatur Kalender 2010. Thema: Schreiben und Lesen.
Arche Verlag, Hamburg 2010.
61 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783034760102

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Letzte Änderung: 31.05.2010 - 15:12:37
Erschienen am:01.06.2010
Lesungen: 1742
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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