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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2010 » Deutschsprachige Literatur
 
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Im Schrebergarten der Liebe

In seinem neuen Roman „Grunewaldsee“ erzählt Hans-Ulrich Treichel so souverän wie abschweifend vom Leben in den Achtzigern und der Stadt Berlin zu Zeiten der deutschen Teilung

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich kann man von Hans-Ulrich Treichels „Lebensgeschichte“, die der heute 57-Jährige in den letzten zwölf Jahren bereits dreimal erzählt hat, ohne sich je zu wiederholen, nicht genug bekommen. Aber als Treichel-Allesleser weiß man natürlich auch, dass es im Werk dieses humoristischen Melancholikers nicht so funktioniert. Nach „Der Verlorene“ (1998) vergingen sieben, unter anderem mit zwei Romanen, diversen Gedicht- und Essaybänden sowie Libretti und Herausgaben gut vertriebene Jahre, ehe die Familien- und Brudergeschichte in „Menschenflug“ (2005) wieder aufs Tapet kam. Und eine Anstandsfrist in Form der Flunker- und Literatur-Erzählung „Der Papst, den ich gekannt habe“ (2007) hielt Treichel auch ein, bevor er seine Leser mit „Anatolin“ (2008) erneut mitnahm Richtung Osten. Es war also – diese Publikationslogik vorausgesetzt, die allerdings auch zeigt, dass die Abstände, in denen sich der Mann literarisch mit seiner Her- und Abkunft auseinandersetzt, wie bei jedem guten Serientäter immer kürzer werden – gar nicht erwartbar, dass es im neuen Roman des heute in Berlin und Leipzig lebenden Westfalen um ein erneutes Ankämpfen gegen den von ihm so genannten „morbus biographicus“ gehen würde. Und doch steckt wohl auch diesmal eine ganze Menge mehr an Selbsterlebtem hinter der Geschichte, als die auf den ersten Blick erkennen lässt.

„Grunewaldsee“ trägt einen seiner Handlungsorte schon im Titel. Hier lebt sein Held, ein „Denker von Gedachtem“, wie er sich selbst charakterisiert, in den 1980er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Paul Stettler hat Geschichte, Sozialkunde und Spanisch studiert und wartet nun darauf, dass in dem von ihm geliebten Westberlin eine Referendariatsstelle frei wird. Allein das soll drei Jahre dauern. Berlin und Deutschland jedenfalls sind noch geteilt – erst gegen Ende des Romans wird, ohne dass das dem Protagonisten allzu nahe ginge, die Mauer fallen – und Treichels Held hat es nicht eilig, in eine stinknormale Arbeitsbiografie hineinzuwachsen. Beraubte er sich damit doch all der schönen Möglichkeiten, die noch auf ihn warten könnten.

Eine Gastdozentenstelle für Deutsch als Fremdsprache im spanischen Málaga zum Beispiel. Schlecht dotiert, aber Exotik, Ausbruch und Abenteuer versprechend. Und das erlebt er dann auch. Mit María, der angehenden Ärztin, verheiratet und bald auch schwanger, aber nicht von ihm. Doch was soll’s – es wird der Sommer seines Lebens. Wilder Sex – ganz anders als der, den Paul von seiner Studienfreundin Birgit aus Berlin gewöhnt war und der ihm just so vorkam, als würde er sich an Empfehlungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft orientieren. Und das alles in einem den Paradiesmythos beschwörenden Garten mit Blick aufs glitzernde Mittelmeer, der nur einen kleinen Nachteil hat: Er gehört Marías Onkel, der auf Bildern in der Uniform der Guardia Civil posiert, und welche Rolle die unter Franco gespielt hat, weiß man ja.

Treichel-Leser dürften die Muster erkannt haben. Der etwas tölpelige junge Mann mit der Chance zum großen Auf- und Ausbruch. Das Erfüllung in jeder Beziehung versprechende Liebesabenteuer und die schließlich einkehrende Ernüchterung – einmal wird Paul María nach seiner Rückkehr aus Spanien noch wiedersehen, doch der Zauber des ursprünglichen Moments und der Verheißungen, die er barg, ist längst verflogen. Die heimliche Lebensangst hinter allen Entscheidungen und, ja, auch das ein bisschen Verklemmte, das Heimliche, die nicht zu verleugnende Provinz im lebensgeschichtlichen Hinterland – hier sind es das niedersächsische Braunschweig-Gliesmarode und das dort auf Paul wartende Elternhaus, von dem eine Hälfte ihm, die andere seiner Mutter gehört. Man wird also nicht enttäuscht, wenn man „Grunewaldsee“ liest, sondern bewegt sich auf vertrautestem Boden – so vertraut, dass der Rezensent der „Zeit“ sein Urteil über das Buch in die ironische Form einer Handlungsanweisung zum Verfassen eines niemandem weh tuenden Romans, so „zeitgenössisch“ wie „deutsch“, kleidete.

Aber ist das schlimm? Ich denke nicht, denn hinter der „spanischen“ Geschichte – die in ihrem Verlauf tatsächlich ein wenig vorhersehbar zu sein scheint, weshalb sie sich aber noch lange nicht vermeiden lässt, Treichels Figur muss durch sie hindurch, damit der Erzähler dann so von ihr erzählen kann, wie er das tut – stecken noch viele andere mitteilenswerte Begebenheiten. Und wie die alle unter den Hut eines einzigen, wenig mehr als zweihundert Seiten zählenden Romans gebracht werden, mal die strenge, mal die lockere Verknüpfung wählend, mal hier ein loses Ende lassend, mal dort pointiert den Abschluss suchend – das macht Hans-Ulrich Treichel zu einem Autor, wie es gegenwärtig bei uns nicht allzu viele gibt, zu einem Spezialisten des abweichenden Erzählens, der die Fäden, auch wenn es gelegentlich nicht so scheint, dennoch immer in der Hand hat und jederzeit, so er das will, auseinanderzudröseln vermag.

Westberlin in den Achtzigern des 20. Jahrhunderts, die Komödie der Liebesirrungen und – wirrungen – außer von Birgit und María erfährt der Leser noch von Susanne, einer ehrgeizigen Privatdozentin mit eigenen Plänen, die viel zu beschäftigt ist, um Paul auf Dauer einen Platz in ihrem Leben zu reservieren – eines jungen Mannes, der noch zu neugierig ist auf die Welt, die Frauen und nicht zuletzt auf das, was an noch gänzlich Unentdecktem in ihm selber steckt, um jetzt schon in der schattenhaften (klein-)bürgerlichen Existenz zu verschwinden, die das Leben für ihn vorgesehen zu haben scheint: „Grunewaldsee“ ist vieles in einem. Vor allem aber wohl ein weiteres Mal der Beweis dafür, dass sich die „großen, schweren“ Themen, mit denen sich Literatur hierzulande so gerne beschäftigt, auch von der Seite des scheinbar nur am Rande Stehenden angehen lassen. Vielleicht sogar noch besser, wer weiß.

Titelbild

Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
236 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421369

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Letzte Änderung: 30.06.2010 - 12:22:00
Erschienen am:30.06.2010
Lesungen: 512
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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