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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 1999 (1. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik vor der Jahrtausendwende
 
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Früh vollendet, spät ediert

Eine sympathische Studienausgabe von Höltys Werken

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748 - 1776) lebte und publizierte in einer Zeit, als die allgemein genrebezogene Dichtung (bei der der Autor mehr oder weniger nur das Programm zu erfüllen hatte) langsam abgelöst wurde durch eine stark autorbezogene Dichtung, an deren Horizont dann die Genie-Idolatrie der frühen Goethezeit auftaucht. Beim Wandel vom Gebrauchstext, bei dem die Profilierung des Autors eine nachgeordnete Bedeutung hatte, zum individuellen Text, der den vorgegebenen Gebrauchsrahmen überschritt und das Autorbewußtsein stärkte, haben Höltys Texte eine große Rolle gespielt.

Hölty ist zweifellos der begabteste Vertreter des Göttinger Hains. Dem frühen Goethe kann er durchaus das Wasser reichen, er ist ein Lyriker von bemerkenswerter Vielseitigkeit: Eine Gruppe von hymnischen Texten steht neben Minneliedern, Horaz-Paraphrasen stehen neben Mailiedern, die auf dem Schäfermodell glücklicher Liebe basieren, Traumgedichte neben narrativ-balladesken Texten und Romanzen.

Höltys Liebesdichtung ist höchst aufregend und - in der frühen Goethezeit - etwas Neues. Spielte die Sprechsituation bis dato eher eine nachgeordnete Rolle, so ist sie jetzt Thema: Ein Bild (etwa der Geliebten) wird sprechend evoziert, um es im Akt des Sprechens - gleichsam "spontan" - zu vollenden. Später wurde dafür der Begriff "Erlebnislyrik" geprägt. Der Eindruck spontaner Rede wird bei Hölty systematisch an die Grenzen geführt, indem er das lyrische Ich gleichzeitig in verschiedenen Räumen auftreten läßt; was in der Realität nur in zeitlicher Folge möglich wäre, wird im Gedicht auf einen Augenblick konzentriert. Die Modalitäten der Zeit weiß Hölty geschickt aufzuheben: Für den Liebenden, der die Geliebte verloren hat und sie nimmer vergessen kann, ist ihr Bildnis präsent wie die Geliebte selbst, sie schwebt ihm bildhaft aus einer gedachten Zukunft entgegen, und schon der Gedanke daran löst in ihm Gefühlsstürme aus ("Die Laube", 1775). Der virtuose Umgang mit der Zeit kann noch einmal überhöht werden durch die engelgleiche Gestalt der Geliebten, die selbst einer außerzeitlichen Realität angehört. Trotz aller Raffinesse bleiben Höltys Texte liedhaft leicht, ein weiteres Zeichen dafür, daß hier ein Autor auf höchstem Niveau arbeitet.

Mithilfe des "Bild"-Begriffes baut Hölty eine Brücke zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung: Realität und imaginierte Realität werden gleichrangig. Für den Liebenden und Träumenden ein wichtiges Moment: "Die künftige Geliebte" etwa gibt die sehnsuchtsvolle Rede eines einsam Liebenden an eine nur gedachte, mögliche Geliebte wieder, um sie dann aber in den Schlußversen direkt anzusprechen. Der Irrealis der Rede wird aufgegeben, die Zielperson als real vorhanden angesprochen. Zugleich ist ihr Status weiter ambig, denn die Erfüllung der Rede ist als Tod metaphorisiert, die Geliebte tritt als "Engel Gottes" vor den Sprecher: Er findet "den Himmel schon auf Erden" und kann "trunken an ihrer Brust entschlummern".

In einem größeren Korpus von Texten entwirft Hölty Liebessituationen, die - auf je verschiedene Weise - fiktive, gedachte, reale, aber absente Frauenfiguren thematisieren. "Der Traum" (1773) etwa entwirft ein zeitlich - durch die Traumsituation - begrenztes Elysium, wo sich Petrarcas Laura, Klopstocks Meta und Höltys Minna begegnen und einen aufregenden Doppelstatus erhalten. Im Falle Lauras ist dem zeitgenössischen Leser die Fiktivität der Person bewußt; Meta Klopstock kann er als reale Person verbuchen; auf Minna kann er durch den Urheber des Gedichts Rückschlüsse ziehen. Diese Melange aus realer und fiktiver Realität, von Traum und Wirklichkeit, von Literaturgeschichte, Dichtungstradition und Zeitgenossenschaft entfaltet ihren ganz spezifischen Reiz und dient der Kanonisierung der eigenen Lyrik.

Der Göttinger Hain, ein Freundschaftsbund von Autoren, versuchte sich den Anschein von Geschlossenheit und Programmatik zu geben. Diese Programmatik hatte die doppelte Funktion, einmal jungen, noch nicht etablierten Dichtern ein Forum zu sein, zum anderen einer aktuellen Ästhetik breite Unterstützung zu sichern. Charakteristisch war für diese Zeit, die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts, daß die Autoren ihre Texte in eigenen Almanachen publizierten. Die allgemeine Programmatik der Zeit jedoch überschritt alle rivalisierenden Autoren-Gruppen. Zu ihr gehörten - neben dem tradierten Formenrepertoire - die Reinheit der Liebe, die Keuschheit der Mädchen, die soziale und religiöse Freiheit, der Franzosenhaß, das germanische Volkstum. Hier unterschied sich der Göttinger Hain kaum von anderen Gruppierungen der Zeit, auch die Verehrung für Klopstock (siehe Goethes "Werther") gehörte zu den Stereotypen, zumal Klopstock für die Literatur der Zeit eine wichtige Funktion hatte: an seiner Person definierte sich das System der Autorschaft neu.

Walter Hettches Entscheidung, Ludwig Christoph Heinrich Hölty mit einer Einzelausgabe zu würdigen, ist schon aus diesem Grunde richtig. Hettches Ausgabe ist verdienstvoll, weil Höltys Werk seit jeher chronisch schlecht greifbar war, weil es fast ausschließlich durch die Ausgabe von Johann Heinrich Voß (von 1804) und deren Nachdrucke rezipiert werden mußte. Walter Hettche schöpft seine sympathische Edition, die erste wissenschaftliche Ausgabe seit 1918, aus den Handschriften. Mit gutem Grund bietet er im Textteil auch alle Varianten und Fassungen von Höltys Gedichten. Denn der Göttinger Haindichter hat oft Alternativen zu seinen Texten ausgetüftelt und in Reinschrift gebracht, die Ausgangsfassungen aber bestehen lassen. Es sind quasi "Cover-Versionen" oder "Variationen über ein Thema" entstanden, und man kann davon ausgehen, daß sie für Hölty alle die gleiche Relevanz hatten.

Eine Werkausgabe, die heutigen editorischen Standards genügt, war bisher nicht greifbar. Apparat und Kommentar sind denkbar schlank ausgelegt, umfassen aber doch, mit dem kommentierten Personenregister, der Bibliographie und dem Verzeichnis der Gedichtanfänge und -überschriften 130 Seiten. Neben den Gedichten sind Höltys Übersetzungen, wichtige Briefe von und an Hölty und Dokumente zu seiner Person und zum Göttinger Hainbund aufgenommen und kommentiert: "Die einmal aufgeschlagenen Briefe fesseln das Herz; man glaubt des abgeschiedenen Freundes bekannte Stimme aus der Ferne zu vernehmen. Gewiß sind gleich empfindende, jetzt und in der Zukunft, die gerne mithorchen werden."

Titelbild

Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Gesammelte Werke und Briefe.
Wallstein Verlag, Göttingen 1998.
598 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 389244076X

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 1999 (1. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik vor der Jahrtausendwende
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=146

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:34
Erschienen am:01.05.1999
Lesungen: 4046
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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