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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2010 » Fremdsprachige Literatur
 
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Die Furien des Glücks

Herman Koch fragt in „Angerichtet“ danach, wieviele Opfer wir von andern verlangen können, damit wir glücklich sind

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

300 Seiten, die im Kern um einen schlichten Satz kreisen: „Ich wollte den Schein der Normalität aufrechterhalten.“ Der holländische Autor Herman Koch betreibt einen Aufwand, der sich lohnt. Normalität zeichnet sich durch Gelassenheit und Unauffälligkeit aus, die Wahrung ihres Scheins nährt daher kaum Hoffnungen auf ein literarisches Spektakel. Der Roman „Angerichtet“ enttäuscht diesbezüglich nicht. Zumindest anfänglich gibt er sich ganz und gar unaufgeregt.

Zwei Ehepaare mittleren Alters treffen sich in einem Toprestaurant zum Dinner, um eine heikle Sache zu besprechen, die sie gemeinsam betrifft. Es geht um die Kinder. Der Erzähler Paul Lohman und seine Frau Claire haben einen 15-jährigen Sohn, Michel. Er treibt sich häufig mit Rick herum, dem Sohn von Serge und Babette Lohman. Mit zur Clique gehört auch Beau, Ricks älterer Bruder, den Lohmans aus Burkina Faso adoptiert haben. Paul und Serge sind Brüder, wobei Serge, der Erfolgreichere von beiden, als designierter Spitzenkandidat fürs Ministerpräsidium besonders im Rampenlicht steht. Das verleiht ihrem Problem eine brisante Spitze. Es scheint daher angeraten, die Diskussion sachte anzugehen.

Aus der Perspektive von Paul werden wir Zeugen eines schicken Mahls, das mit ein paar Extravaganzen aufwartet. Mit akkurat gerecktem Zeigefinger erklärt der Maître d’hote die aufgetragenen Speisen, worüber der Erzähler innerlich zusehends ins Kochen gerät. Wer will denn schon wissen, unter welcher Sonne die Mikrotomate gereift ist, die auf dem leeren Teller in einer biodynamischen Olivenölpfütze badet! Pauls sarkastischer Erzählton wirkt belustigend und belebend, zugleich lässt er unwillkürlich erahnen, dass hier einer spricht, der seine Nerven nicht leicht im Zaun hält. Über der Vorspeise lässt er in Gedanken monströsen Gewaltfantasien freien Lauf – aber wer hat nicht selbst schon welche gehabt! Deutlich wird auf alle Fälle die unterschwellige Konkurrenz zwischen Paul und Serge. Dessen joviales, ja selbstgefälliges Auftreten widerstrebt dem Erzähler instinktiv; er und Claire setzen ihm eine einfache Bodenständigkeit entgegen, die dafür mit einem glücklichen Familienleben belohnt wird. Dieses ginge beinahe als Idyll durch, wäre da nicht eben jene Sache mit Michel. Während des Hauptgangs wird der Verdacht schließlich zur Gewissheit. Das diskursive Spielfeld beginnt sachte zu kippen und setzt die Eskalation in Gang.

Herman Koch verfügt über eine Engelsgeduld, um mit Behutsamkeit die Spannung aufzubauen, die sich dann mitten im Dinner schlagartig entlädt. Zwischendurch lässt er seinen Erzähler in Gedanken abschweifen, um so zum eigentlichen Plot hinzuführen.

Auf Michels Mobiltelefon hat Paul Videofilme entdeckt, die zeigen, wie die Jungs einen Penner quälen. Sein Sohn? Ja! Zudem strahlte das Fernsehen unlängst einen Film aus, in dem zwei lachende Teenager vor einer Überwachungskamera eine Obdachlose wahllos mit Gegenständen bewerfen – mit Todesfolge. In den undeutlichen Schattenbildern hat Paul unzweideutig seinen Sohn zusammen mit Rick wiedererkannt. Darin besteht das Problem, das den Politiker Serge verständlicherweise besonders umtreibt.

„Angerichtet“ greift ein aktuelles, ja modisches Thema auf und macht es zum Zentrum eines spannenden Romans. Zwei eher schüchterne, normale Jungs kehren auf einmal ihre gewalttätige Seite heraus und lassen dafür jegliches Schuldbewusstsein vermissen. Eine solche Beschreibung greift allerdings zu kurz. Wäre der Roman beim Thema der Jugendgewalt stecken geblieben, wäre er durchaus in den Verdacht der modischen Kolportage gerückt. Herman Koch geht einen entscheidenden Schritt weiter. Wie der eingangs zitierte Satz bezeugt, geht es im Grunde nicht um Michel und Rick, sondern um ihre Eltern und die Wahrung der Normalität.

Claire und Paul, Serge und Babette haben bisher voreinander verschwiegen, was sie alles wissen. Keiner hat sich dem anderen anvertraut, dennoch sind alle vier bestens im Bild. Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Der Politiker Serge Lohmann kann nicht tatenlos auf dieser tickenden Bombe sitzen bleiben. Um seine Wahlchancen nicht zu gefährden, muss er aktiv etwas unternehmen, hat er für sich entschieden. Seine Frau freilich, und mit ihr Paul und Claire sehen das anders. Ihnen geht es um das Familienglück, das um jeden Preis zu behaupten ist. Die womöglich und hoffentlich nie aufgedeckte Schandtat ihrer Kinder gilt es auszusitzen, die Schuld zu verdrängen, das Opfer zu vergessen. Dafür ist kein Argument zu schlecht. Das eklatante „Bedürfnis nach Unkenntnis“ ist ein starker Trieb.

Dieser Diskurs des Verdrängens und damit einhergehend der Schuldumkehr bildet das Zentrum des Romans, die Jugendgewalt ist bloß ein Epiphänomen. Die ermordete Pennerin, die sich für die Nacht in einem Geldautomatenhäuschen einrichtete, hat mit ihrem Gestank und ihrer Präsenz verhindert, dass die Jungs Geld für ein Bier ziehen konnten. Was ihr gutes Recht war! Wie schuldig muss ein Opfer sein, damit es seinen Tod verdient? Und welchen Preis hat das Glück?

Herman Koch dreht das Gespräch am Esstisch um einige Ecken herum und verleiht so seiner Geschichte eine gespenstische Note, die über das besprochene Verbrechen – wenn es eines war – hinausreicht. „Hier braucht niemand anderen in einem Geldautomatenhäuschen im Weg zu liegen.“ Pauls salopper Tonfall kehrt mehr und mehr seinen verbohrten Ingrimm hervor, der, wie wir erfahren, auf einer psychischen Störung gründet, weswegen er seit Jahren arbeitslos ist. Paul will nur noch eines: Normalität.

Im brillant einfachen Setting eines Dinnerabends wickelt Herman Koch eine einfache Geschichte um sich selbst herum und serviert am Schluss die böse Rechnung. Die Hölle, das sind die anderen? Oder nicht eher wir selbst? Alle kriegen bei der Auseinandersetzung ihr Fett ab – am Ende jedoch beweist ausgerechnet der Politiker, dass er so etwas wie ein Gewissen hat. Als Einziger. Claire dagegen, die sympathische, treu sorgende Frau und Mutter…

Herman Koch dreht nochmals an der Schraube. Sieht so der gewöhnliche Faschismus aus? Sein Roman stellt ungemütliche Fragen an uns selbst und hinterlässt trotz exquisiter Speisen einen beunruhigenden, schalen Nachgeschmack.

Titelbild

Herman Koch: Angerichtet. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Heike Baryga.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
310 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783462041835

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Letzte Änderung: 02.09.2010 - 13:53:08
Erschienen am:06.09.2010
Lesungen: 8918
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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