Die unsägliche Schönheit der Erneuerung

Kim Thuy schreibt mit „Der Klang der Fremde“ einen Roman, der den „Zwitterzustand“ der Migranten als Chance und Bereicherung begreift

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Meine Eltern erinnern meine Brüder und mich oft daran, dass sie kein Geld haben, das sie uns vererben könnten, aber ich glaube, sie haben uns bereits den ganzen Schatz ihrer Erinnerung hinterlassen, durch den wir die Schönheit einer Glyziniendolde, die Zartheit eines Wortes, die Kraft des Erstaunens begreifen können. Mehr noch, sie haben uns Füße geschenkt, mit denen wir bis zu unseren Träumen, bis ins Unendliche laufen können. Vielleicht genügt das als Ausstattung, um unseren Weg allein fortzusetzen. Sonst würde unsere Reise nur unnötig erschwert von Dingen, die wir mit uns tragen, sichern, pflegen müssten.“

Diese Worte der Ich-Erzählerin Nguyen An Tinh (auf deutsch etwa „friedliches Innen“) sind Ausdruck einer Haltung, die kennzeichnend ist für „Der Klang der Fremde“. Der Debütroman, der ein Jahr nach seiner Veröffentlichung unter dem Titel „Ru“ nun auch auf Deutsch erschienen ist, stellt im Bereich der Migrationsliteraturen eine Besonderheit dar. Dabei mutet das Buch der 1968 in Saigon geborenen Kim Thuy, was die Thematik und Herangehensweise in diesem Genre angeht, auf den ersten Blick ganz „klassisch“ an: Denn in ihrem Buch verarbeitet die studierte Linguistin, Übersetzerin und Juristin zum einen die Flucht und Vertreibung ihrer einst wohlhabenden Familie aus dem kommunistisch gewordenen Vietnam im Jahre 1978 nach Kanada. Zum anderen schildert sie den Neuanfang in der neuen, ungewohnten Umgebung Quebec, und zum dritten ihren späteren, dreijährigen Aufenthalt in ihrer alten Heimat.

Was den autobiografischen Roman allerdings so außergewöhnlich macht, ist die Strategie ihrer Protagonistin, die diese anwendet, um das Trauma der Exilierung zu bewältigen: Sie thematisiert zwar die negativen Erlebnisse ihrer Familienangehörigen sowohl in Vietnam als auch in Kanada, den plötzlichen sozialen Abstieg, die Armut und Perspektivlosigkeit. Doch betont sie letztlich die positiven Aspekte der Emigration, nämlich die Chance, in einem fremden Umfeld neu starten zu können, und zudem die im buchstäblichen Sinne des Wortes ver-rückte Wahrnehmung von Alltäglichkeiten: „Man glaubt immer, das Leben von Einwanderern sei nur schwer. Und vergisst dabei, dass ihre Erfahrungen auch wunderbare, lustige, bewegende und oft ganz absurde Momente umschließen.“

In kleinen Prosaskizzen, insgesamt 114 an der Zahl, erzählt die erwachsene Nguyen An Tinh ihre Geschichte von der Geburt an. Sie hält sich allerdings bezüglich des Geschehenen nicht an Chronologie und Linearität. So ist abwechselnd von ihrem gegenwärtigen Leben als Mutter zweier Söhne, von denen der eine Autist ist, die Rede, dann von ihrer eigenen Kindheit im Saigon der 1970er-Jahre und dabei auch von ihrer großen, gebildeten und früher reichen Familie. Der Roman behandelt den Sieg der Kommunisten in Vietnam und das Schicksal der boat people, die in großer Zahl versuchten, ihre Heimat über die Zwischenstation Malaysia zu verlassen. Schließlich zeichnet das Buch die langsame Eingewöhnung der Protagonistin und ihrer Familie in Kanada und die Erfüllung des „amerikanischen Traums“ für einige ihrer nahen Verwandten nach.

„Der Klang der Fremde“ wirkt durch seine zahlreichen Rückwendungen und Vorausdeutungen bunt und facettenreich. Andererseits erschweren aber die Brüche und blancs den Lesefluss und das Leseverständnis. Hinzu kommt, dass die ein- bis dreiseitigen impressionistisch anmutenden Textteile anfangs willkürlich angeordnet zu sein scheinen. Erst allmählich wird man gewahr, dass die Autorin mit diesem Aufbau ihres Romans – seiner Zusammensetzung aus vielen kleinen Teilen, Mosaiken gleich, sowie dem permanenten Hin und Her zwischen der Gegenwart und den Vergangenheiten der Protagonistin und ihrer Familie – zwei Absichten verfolgt: Zum einen wird es ihr möglich, komplexe Themen wie Landes-, Familien- und Individualgeschichte miteinander zu verschränken, ihr Wechselverhältnis kurz anzureißen und dadurch sichtbar zu machen. Zum anderen stellen die über hundert Prosastücke poetische und überaus bilderreiche Versuche dar, traumatische, in ihrer Ganzheit eigentlich kaum zu fassende Erlebnisse dennoch zu greifen, sie durch Sprache zu artikulieren und auf diese Weise als ein Teil des eigenen Lebens bewusst zu machen.

Besonders anschaulich wird dieser schmerzhafte Prozess der Erarbeitung eigener, zerrissener Geschichte anhand der Beschreibung der Re-Immigration der Protagonistin, die später als Erwachsene nach Vietnam zurückgeht, um dort zu arbeiten. Ihr „Zwitterzustand“, „halb hier, halb dort, nichts von allem und alles zugleich“, wird ihr während ihres Aufenthalts mehr als deutlich. Denn die Geschichte von Flucht und Neuanfang ist gekoppelt an Nguyen An Tinhs allmähliche Selbstfindung und Emanzipation. Ist sie als Kind stumm und lange Jahre der „Schatten“ ihrer Mutter Nguyen An Tinh (zu deutsch „friedliches Außen“) und später ihrer Cousine Sao Mai, so ändert sich dies, als die Ich-Erzählerin zehn Jahre alt ist. Die Emigration und die damit einhergehende soziale Deklassierung ihrer Familie in der Fremde zwingen die bisher behütete Tochter, aus der „Stille“ herauszutreten. Es sind dabei ihre Eltern, die sie schon früh daran gewöhnen möchten, ihr Leben selbstständig zu gestalten: „Ich habe erst später verstanden, dass meine Mutter zwar von meiner Zukunft träumte, mir aber vor allem Werkzeuge an die Hand gab, damit ich wieder Wurzeln schlagen und selbst zu träumen beginnen konnte.“

Man könnte davon sprechen, dass die anfängliche erzählerische Unordnung des Romans auch die von Nguyen An Tinhs Leben widerspiegelt. So wie das Buch mit Verlauf der Lektüre an Kontur und Stringenz gewinnt, so geschieht dies ganz allmählich auch im Fall der Protagonistin. Ihre äußere wie innere Unordnung wird langsam verständlich, weil nachvollziehbar. Dabei steht ihr Name im übertragenen Sinne für den von ihr angestrebten Gefühlszustand. Doch nicht nur sie sehnt sich nach „innerlichem Frieden“. Wodurch ist es ihr möglich, diesen zu erreichen? Indem sie lernt, die Zerrissenheit, die ihre Existenz als bikulturelle Migrantin ausmacht, ins Positive umzukehren. Plötzlich bedeutet die Möglichkeit, zwischen zwei ihr bekannten Welten zu wandern, einen Vorsprung vor den „monokulturell“ aufgewachsenen Freunden und Bekannten. Der „gebrochene Blick“ bietet ihr zudem die Chance einer „doppelten Perspektive“, die sie im Gegensatz zu jenen beständig wechseln kann. Zugleich zwingt sie das Exil, sich materiell einzuschränken. Das bleibt auch dann so, als sie Geld verdient. Auf Äußeres legt sie wenig wert: „Ich erinnere mich lieber an einen inneren Kitzel, einen Taumel, mein Scheitern, mein Zögern, meine Verwandlungen, meine Verfehlungen … Ich ziehe sie vor, weil sie sich je nach der Farbe der Zeit modellieren lassen, während ein Gegenstand unnachgiebig, starr, sperrig bleibt.“

Es ist die besondere Leistung von Kim Thuys Buch, dass sie darin ausdrucksstark wie bilderreich aufzeigt, wie ihre Protagonistin und deren verschiedene Familienmitglieder auf eine solch traumatische Erfahrung wie des Heimat-, Kultur- und Sprachverlustes, der Exilierung und des Neustarts in einer fremden Gesellschaft reagieren. Im Falle der Familie der Ich-Erzählerin ist jedenfalls festzustellen, dass sie in Kanada sehr viel näher zusammenrückt. Nguyen An Tinh geht noch einen Schritt weiter. Die Sensibilisierung ihrer Wahrnehmung führt auch zu einer Verinnerlichung beziehungsweise zu einer Konzentration auf das ihr Wesentliche, nämlich das Nicht-Materielle. So lehrt sie die Erfahrung des Exils auch, immer bereit zu sein, alles hinter sich zu lassen, um neu aufbrechen zu können. Mit ihren Worten, heißt das, zu wissen, „dass sich hinter jedem Horizont ein anderer verbirgt und das bis ins Unendliche weitergeht, bis zur unsäglichen Schönheit der Erneuerung, bis zum ungreifbaren Entzücken.“

Titelbild

Kim Thúy: Der Klang der Fremde. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große.
Verlag Antje Kunstmann, München 2010.
160 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783888976797

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