Identitäten zum Anprobieren

Eleanor Cattons Highschool-Roman „Die Anatomie des Erwachens“

Von Meike Blatzheim

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Titel des Debütromans der Neuseeländerin Eleanor Catton ist im englischen Original nur halb so sperrig wie in der Übersetzung. „The Rehearsal“ – zu deutsch: die Probe. Denn eine Probe ist beinah alles, was hier geschieht. Probe für ein Theaterstück, Generalprobe für das Leben, Übung auf dem Saxofon und darin, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. So wie die Mädchen, Schülerinnen einer Mädchen-Highschool, verschiedene Identitäten anprobieren und fallen lassen, oder wie die Erstjahresstudenten einer Theaterakademie ein Stück einüben, ein Stück, in dem Identität dem Zufall überlassen ist: „Geraten Sie an eine schwarze Karte, wird es Sie zu Männern hinziehen. Geraten Sie an Rot, zieht es sie zu Frauen hin.“ Auch die Struktur des Romans ist ein Ausprobieren, die zeitliche Orientierung ist vage, manche Szene wird doppelt und aus unterschiedlicher Perspektive vor dem Leser ausgebreitet.

Das Erwachen, im deutschen Titel angedeutet, spielt ebenso eine Rolle. Im ersten der beiden Erzählstränge, der sich fast ausschließlich im Studio einer Saxofonlehrerin abspielt, die in ihrem Voyeurismus und der Manipulation ihrer Schülerinnen an Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“ erinnert, geht es um die Affäre zwischen der Highschool-Schülerin Victoria und einem Lehrer. Die Erwachsenen, Eltern, Pädagogen und der Schulpsychologe sprechen ängstlich von Missbrauch, oder, wie die Saxofonlehrerin es gegenüber einer besorgten Mutter formuliert: „Wie entsetzlich, dass dieser bösartige kleine Mann so heimtückisch die Unschuld Ihrer Tochter geraubt hat, ohne sie auch nur ein einziges Mal anzufassen, sondern einfach, indem er ihr seine schmutzigen kleinen Geheimnisse in den Hals stopft wie Bonbons aus einer braunen Papiertüte.“ Die Affäre selbst ist im Roman ausgespart, der Leser erfährt von ihr nur durch Monologe der Schülerinnen im Studio der Saxofonlehrerin – nie ist zu unterscheiden, was der Fantasie entspringt und was der Realität entspricht.

Die Verbindung zum zweiten Erzählstrang, der einen jungen Studenten der nahe gelegenen Schauspielakademie in seinem ersten Schuljahr begleitet, ist eben jene Affäre: die Studenten haben davon in der Zeitung gelesen und machen das Vorkommnis zum Thema ihres ersten Stücks. Sie sind nur unwesentlich älter als die Mädchen und doch sind auch sie sich selbst nicht sicher: „Das erste Semester ist im Wesentlichen ein körperliches und emotionales Zerlegen. Sie werden alles verlernen, was Sie je gelernt haben, werden es Schicht um Schicht abschälen, werden sich immer weiter ausziehen, bis Ihr Impuls durchschimmert.“

Cattons Romanwelt ist eine Welt der Versatzstücke. So wie die Saxofonlehrerin ihre Schülerinnen in Rollen vor sich stehen sieht, im Geiste Figuren verschiebt („Sie stellt sich das Mädchen, das Bridget spielt, in der begehrten Isoldenrolle vor“). So wie der Leser mühevoll versucht, aus Fragmenten die Geschichte der Affäre, auch diejenige der Annäherung zwischen einer Saxofonschülerin und einem Theaterstudenten oder diejenige zwischen zwei Schülerinnen zusammenzusetzen. So wie Fantasien und Geschehenes ununterscheidbar zusammenlaufen und der Leser sich auf schwankendem Boden verloren sieht. So wie die Protagonisten selbst Kopien der Romanwelt werden, wenn die jüngere Schwester Victorias ihrem Freund, dem Schauspielstudenten, die Frage stellt, die Victoria dem Lehrer stellte: „Möchtest du den ganzen Weg mit mir gehen, irgendwann?“

Bei all ihrer Virtuosität bewegt sich Catton manchmal am Rande des Zuviel und erinnert damit an Marisha Pessls Debüt „Die alltägliche Physik des Unglücks“.

„Die Anatomie des Erwachsens“ ist ein grandioses Buch – und doch eines, dem man etwas mehr Wärme und Nähe zu den Protagonisten gewünscht hätte.

Titelbild

Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachens. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Schaden.
Arche Verlag, Zürich 2010.
399 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783716026328

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