Menschen im Badeanzug

Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares spielen in ihrem Roman „Der Hass der Liebenden“ mit den Erwartungen des Lesers

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein genialer Detektiv: „Während die anderen noch diskutierten […], hatte ich eine Inspiration.“ Tatsächlich, zum Staunen aller hat er den Fall gelöst: „Ich weiß, wo der Schmuck sich befindet.“ Er ist natürlich im ausgestopften Vogel. Wirklich genial […] Nur dass es nicht stimmt. Aber: „Mein Irrtum – wenn man das als Irrtum bezeichnen kann – ficht mich nicht an. […] Ich bin ein Literat und Leser und habe, wie es Menschen meines Standes oft ergeht, die Realität mit einem Buch verwechselt. Wenn ein Buch uns von einem präparierten Vogel erzählt und später von verschwundenem Schmuck, welches andere Versteck könnte der Autor dann noch wählen, ohne sich lächerlich zu machen?“

Lächerlich macht er sich nur selbst und merkt es nicht einmal. Er ist ein dummer und eitler Arzt, Anhänger der Homöopathie und süchtig nach seinen Arsenglobuli. Am Strand des Badeorts Bosque del Mar, wo er Petronius’ „Satyricon“ zu einem Drehbuch umarbeiten will, trifft er Mary und ihre Schwester Emilia samt Verlobtem, Dr. Cornejo und den elfjährigen Miguel. Zufälligerweise kennt er Mary schon, aber: „Es ist so schwer, Menschen im Badeanzug wiederzuerkennen…“ Dann ertrinkt Mary fast im Meer, Emilia und Mary streiten sich, Emilia weint, ein Sandsturm umtost das Hotel, und am nächsten Morgen ist Mary tot: Strychnin. Wer war’s? Natürlich sind alle verdächtig, haben ein Motiv und hatten eine Gelegenheit.

Virtuos spielen Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares 1946 mit den Erwartungen eines Krimilesers, wie es Casares und J. L. Borges schon mit Don Isidro Parodi gemacht haben, der die Fälle, im Gefängnis sitzend, aus dem uferlosen Gequatsche seiner Besucher löst. Der Roman „Der Hass der Liebenden“ ist etwas subtiler, aber nicht minder durchsichtig auf Genreparodie geschrieben. Zwar werden Spuren gelegt, Verhältnisse geraten durcheinander, die Liebenden verdächtigen sich. Aber es ist doch nur ein literarisches Spiel voller Anspielungen und Augenzwinkern, das nicht einmal mehr so tut, als wäre es real, und bei dem man nicht einmal mehr weiß, wer es erfindet.

Titelbild

Adolfo Bioy Casares / Silvina Ocampo: Der Hass der Liebenden. Roman.
Übersetzt aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer und mit einem Nachwort von Heinrich Steinfest.
Manesse Verlag, Zürich 2010.
192 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783717522126

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