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Text- und Buchdruck-Zaubereien

Hans Magnus Enzensbergers kritisch-unterhaltsames Sammelsurium „Album“

Von Herbert FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Buch zum Blättern, zum Durchstöbern und darin Herumlesen, für die Augen und für den Kopf, zur Unterhaltung und zur Belehrung – je nach dem, was die Leser von Büchern erwarten. Wenn man es auf dem Büchertisch liegen sieht oder in die Hand nimmt, ist man zuerst ein wenig ratlos. Kaum kann man Titel, Autor oder Verlag auf dem glänzendweiß-silbrig verscheinenden Buchdeckel lesen. Sobald man das Buch aber aufschlägt und einen Blick hineinwirft, beginnt es zu „leben“: Da gibt es verschiedene Drucktypen, Texte auf blauen, roten, grauen, gelben und andersfarbigen Seiten, kurze, längere Texte, Gedichte, anekdotenhafte Skizzen, Aphorismen, berühmte Aussprüche mit Lehrsatzcharakter, kleine Geschichten, Sachtexte, nach Zeitungsart gestaltete Seiten, kleine und große Überschriften, die ebenfalls an Zeitungen und Illustrierte erinnern, und viele Bilder, Illustrationen, Zeichnungen, Merktafeln, Auflistungen aller Art, Grafiken und immer wieder ganz bunte – kunterbunte – Seiten, die zur Lektüre einladen.

Was ist das für ein Buch? „Album“ steht auf der Titelseite, ein Wort, das für Fotos und Sammlungen aller Art verwendet wird. Enzensberger gibt auf den ersten beiden Seiten Hinweise darauf, was er darunter versteht. Er stellt einen Satz aus Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ als Motto an den Anfang: „So wie die Elster mit allem, was sie findet, und sei es noch so unscheinbar, ihr Nest schmückt. Dabei holt sie gerne, was glitzert, hervor. Ob Straß oder Diamant, ist ihr ziemlich gleichgültig.“ Und Enzensberger macht sich gleich im folgenden Text über dieses Elsternhafte des Buches seine Gedanken: Nachdem er für sein Album verschiede Namen – von Potpourri bis Medley – durchgespielt hat, fragt er nicht ganz unbescheiden, aber augenzwinkernd-ironisch: „Vielleicht handelt es sich ja nur um eine Wundertüte.“

Und tatsächlich ist mit diesem Wort am ehesten angedeutet, was der Leser mit dem „Album“ in den Händen hält: eine Zaubertüte aus Worten, Sätzen und Geschichten. Man muss sie nur öffnen, irgendwo öffnen, nicht unbedingt auf den ersten Seiten – Seitenzahlen oder ein Inhaltsverzeichnis gibt es nicht – und nicht unbedingt chronologisch zu lesen beginnen, sondern eher zufällig, beim Durchblättern hängen bleibend, – schon stellen sich wunderliche Gedanken und Bilder und Vorstellungen und Leseerlebnisse Enzensberger’scher Art ein.

Eine kleine literarische Raffinesse stellt die Abfolge vieler Texte und Illustrationen dar. So zitiert der Autor beispielsweise aus einem Gespräch, das Goethe 1813 mit dem Herausgeber der Zeitschrift „Nemesis“, Heinrich Luden, geführt hat. Goethe argumentiert dabei für die neue Zeitschrift, aber auch gegen sie: „Sie werden alles gegen sich haben, was groß und vornehm auf der Welt ist, denn Sie werden die Hütten vertreten gegen die Paläste und die Sache der Schwachen führen gegen die Hand der Starken.“

An Goethes wohl abgewogenen Bedenken gegenüber der neuen Zeitschrift schließt sich ein Text an, der zeigt, dass gegen manche Druckerzeugnisse im 19. Jahrhundert viel rigorosere Schritte unternommen wurden. Der Autor schildert das Schicksal von Karl August Varnhagen (1785 – 1858), dessen Tagebücher voller kritischer Beobachtungen über die gutbürgerliche Gesellschaft seiner Zeit von der Kritik und den Zensurbehörden mit dem Mittel des Uminterpretierens und Totschweigens „niedergemacht“ wurden. „Der Rufmord an Varnhagen“, resümiert Enzensberger, „ist bis heute nicht aufgeklärt. Er ist das seltene Beispiel eines perfekten literarischen Verbrechens“.

Der kleine Exkurs in die Geschichte literarischer „Zensur“ gipfelt im Abdruck des Antrags des Hessischen Ministers für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen aus dem Jahr 1962, Günter Grass’ Novelle „Katz und Maus“ wegen der „zahlreichen Schilderungen von Obszönitäten, die geeignet sind, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden“, in die „Liste der jugendgefährdeten Schriften“ aufzunehmen. Das Buch könnte, so der Minister, „die Phantasie jugendlicher Leser negativ belasten, sie zu sexuellen Handlungen animieren und damit die Erziehung beeinträchtigen.“

Mit solchen Textkompositionen gelingen Enzensberger spannende Einblicke in literarische Szenarien und gesellschaftliche Zusammenhänge. Der eine Text verstärkt die Aussage des anderen, der eine erhellt sich aus dem anderen und wirft gleichzeitig einen kritischen Blick auf den Begleittext. Geschichtliche Ereignisse verbinden sich wie selbstverständlich mit zeitnahen Vorfällen; sie machen Linien erkennbar, Strukturen, Zusammenhänge. Hinter dem Einzelfall wird so etwas wie „Methode“ erkennbar und hinter seiner Oberflächenfassade zeigt sich das Wesentliche eines politisch-juristischen Vorgangs wie im Falle des Verbotsantrags der Grass-Novelle: politische Machtüberschreitung, Bevormundung der Bürger und Urteilswillkür der staatlichen Behörden.

Das „Album“ enthält eine Fülle solcher wirkungsvoller Text- und Bildkompositionen. Sie reichen von Texten, die nach der „rätselhaften“ Bedeutung des Füllwortes „überhaupt“ und des Verkehrsschildes, das einen Mann mit einem „rachitischen“ Kind zeigt, fragen, bis zu Texten, die von wissenschaftlichen Vorgängen, Zahlen und Erkenntnissen, zum Beispiel dem Sammeln und Ordnen von Pflanzen und dem Alter der Erde, handeln. Dahinter steckt die Haltung eines Zweiflers: der Albumersteller als Aufklärer, Nachfrager, Antwortsucher, als einer, der sich nicht ohne weiteres zufrieden gibt mit dem, was er an Weltdeutung vorfindet, sondern nachliest, die Faktenlage überdenkt, eigenes Wissen und eigene Erfahrungen einbringt und heranzieht, um zu überprüfen und nachzuforschen. Der Leser wird Zeuge des Versuchs eines Autors, mit den Mitteln der Satire, der Ironie, des Witzes und der Komik, mit großem Wissen und einer immensen Leseerfahrung, mit spielerischer Leichtigkeit und mit kritischer Strenge hinter die Oberfläche von Dingen und Fakten, von so genannten geschichtlichen Wahrheiten, von Sprache, Literatur und Wissenschaft und Alltagserfahrungen zu blicken und vielem, in Ansätzen wenigstens, auf den Grund zu gehen.

Der Leser fühlt sich von dieser spielerisch-aufklärerischen Haltung nicht überrumpelt oder gegängelt. Zu sehr überwiegen Spaß und Unterhaltung, Bewunderung für die gekonnte Machart des Albums, für die literarischen Überraschungen, die geschliffenen Formulierungen und die „Aha“-Erlebnisse neuer und alter Erkenntnisse. Der Leser fängt an zu blättern, irgendwo im Buch, bleibt bei Texten, Illustrationen, Aphorismen „hängen“, „beißt sich fest“ an Überschriften, an Formulierungen, an einzelnen Sätzen und wird auf diese Weise zum kreativen Mitleser und zum „Mitgestalter“ des „Albums“.

Vielfältige Themenkreise werden angeschnitten, so dass die meisten Leser etwas finden können, dass sie interessiert. Um den Literaturbetrieb geht es, um Literaturkritik, um Gedichte und Reime, um die elementaren Bedürfnisse „Brot und Schrift“, um die Tätigkeiten des Bäckers also und um die des Druckers und Setzers, um Fortschritt, um Naturwissenschaft und Mathematik, um Weltuntergangsstimmung, aber auch die „unaufhaltsame Verbesserung der Welt“ – der Katalog der Themen ist schier endlos, für Überraschungen und Entdeckungen immer gut, wie sich das für ein „Sammelsurium“ im echten Sinne des Wortes gehört.

Denn ein solches Sammelsurium ist Enzensbergers „Album“ schon. Der Autor deutet das mit seinen Erläuterungen des englischen Wortes „scrap-book“ an. Von einem „Sammelbuch für Ausschnitte (Bilder, Lesefrüchte etc.)“ ist dort die Rede, und weiter – in Enzenberger’scher Selbstironie – von „Fetzen“, „Brocken“ und „Schrott“, von Texten, die „lückenhaft“ sind, „unausgewogen, zusammengestoppelt“. Enzensbergers „Stückwerk“ hat es in sich. Immer wieder stößt man auf Texte, die, obwohl vor 40, 30 oder 20 Jahren veröffentlicht, noch brandaktuell sind. So heißt es in dem satirischen Text „Rede des Arbeitslosen“ aus dem Jahr 1979: „Geschaffen und erhalten wollt ihr vor allem ‚Arbeitsplätze‘. Ein sonderbarer Wunsch. Ich sehe das alles von außen, ich gehöre ja nicht dazu. Ich bin das Produkt, das was euer Projekt ausstößt.“ – Das „Album“ provoziert, ruft Kopfschütteln und Kopfnicken hervor und unterhält aufs beste.

Dabei ist das Buch auch ein Leseerlebnis für die Augen. Es ist ein Beweis dafür, dass es nach wie vor die Zunft der Buchdruckkünstler gibt. Wer im „Album“ blättert, entdeckt Schrifttypen, Druckanordnungen, Seitenaufteilungen und Seitengestaltungen, Bild- und Textkompositionen, die er in dieser Vielfältigkeit und übersprudelnden spielerischen Gestaltungsfreude vielleicht noch nie, wahrscheinlich nur selten und schon lange nicht mehr in einem Buch erlebt hat. Der Leser begegnet einer wahren Inszenierung von Möglichkeiten, den Druck und die Gestaltung einer Buchseite zu einem Blickfang zu machen. Zu Recht werden die Macher des Buches auf der letzten Seite als kleine Zauberer vorgeführt. Ihre Namen nimmt der Leser mit Respekt zur Kenntnis.

Titelbild

Hans Magnus Enzensberger: Album.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.
336 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783518422106

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Letzte Änderung: 20.12.2010 - 15:53:45
Erschienen am:20.12.2010
Lesungen: 2853
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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