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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Fremdsprachige Literatur
 
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Ein Monolog-Roman im Gehen

Der englische Autor Gabriel Josipovici nimmt uns in „Moo Pak“ mit auf einen langen Spaziergang durch die literarische Geisteswelt Europas

Von Willi Huntemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Der englische Thomas Bernhard“ – so wirbt in breiten Lettern der das Werk von Bernhard betreuende Suhrkamp Verlag auf dem Umschlag für den vorliegenden Erzähltext des heute siebzigjährigen englischen Autors Gabriel Josipovici, der auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt noch nicht recht präsent ist, von ein paar wenig beachteten Romanen abgesehen. Da fällt es schwer, sich unvoreingenommen dem Text zu nähern.

Doch eigentlich bedürfte es dieses Hinweises gar nicht, sind die Parallelen zum österreichischen Kultautor doch überdeutlich. Ein Spaziergang durch die Parks von London bildet den äußeren Rahmen für einen endlosen, durch keinerlei Abschnitte untergliederten Monolog der Hauptfigur Jack Toledano, eines wie sein Autor aus Ägypten stammenden sephardischen Juden und Universitätsdozenten – nicht nur in seiner Vorliebe für Spaziergänge ein Bernhard’scher „Geistesmensch“ par excellence. Er vertraut seine Gedanken seinem Freund Damien Anderson an, mit dem er gewohnheitsmäßig diese Spaziergänge macht. Dieser tritt nicht weiter in Erscheinung; nur am Anfang und Ende wird deutlich, dass uns die durch verschiedenste Themen mäandernden Auslassungen Toledanos auf der Basis von Andersons Erinnerungen als seine Niederschrift übermittelt werden: eine Erzählkonstruktion ähnlich wie in Bernhards Romanen „Korrektur“ und „Auslöschung“.

Anderson ist nicht nur stummer Adressat, sondern schreibt schließlich das Buch, an dem Toledano gescheitert ist: „Moo Pak“. Der Titel meint eigentlich „Moor Park“, den Landsitz des Dienstherren von Jonathan Swift. Die wechselvolle Geschichte dieses Anwesens bestimmt assoziativ-thematisch die höchst artifizielle Struktur des geplanten Buches mit seinen sechs Themen: „Swift, Codes, Affen, Gärten, Wahnsinn und Sprache“.

Der irische Satiriker, einer der Lieblingsautoren und Vorbild Toledanos, ist das geistige Zentrum des Buches, doch ist es keineswegs nur ein Buch über ihn. Der Monologist kennt sich bestens in der europäischen Geisteswelt aus und sein Räsonnement umgreift kanonische Autoren von Dante über Shakespeare und Lichtenberg bis Kafka, Beckett und Graham Greene.

Doch anders als bei Thomas Bernhard, dessen Bücher ebenfalls ein persönlicher Lektürekanon von geistesverwandten Autoren durchzieht, sind Toledanos Urteile meist nachvollziehbar; ja, manche Aperçus könnten aus dem Redestrom herausgelöst werden und für sich stehen wie etwa die geistreiche skizzenhafte Typologie von „sentimentaler“ und „nüchterner“ Kunst. Doch außer dem persönlichen Autorenkanon des Gelehrten werden in seinem in weiten Teilen kulturkritischen Diskurs auch Themen wie Tiere, das Alleinleben, der Protestantismus oder der Verfall der Buchkultur erörtert. Das Porträt eines gescheiterten Autors und Vertreters der alteuropäischen Buchkultur kommt dabei alles andere als miesepetrig daher, sondern ist eher melancholisch gefärbt.

Die Adaption eines nicht plotorientierten Schreibmodells wie das des österreichischen Autors, das immer reflexiv auch das Schreiben selbst thematisiert – auf Bernhard wird mehrfach Bezug genommen – läuft an keiner Stelle Gefahr, zu einem bloßen Plagiat zu verkommen, sondern beweist durchaus Eigenständigkeit und bereichert nebenbei das literarische Formmodell des Spaziergangs, inspiriert vom angelsächsischen Essayismus. Es wirkt, als habe sich ein humanistischer Gelehrter alten Schlages wie George Steiner, der wie der Protagonist von Josipovici sich mühelos zwischen den nationalen Geisteskulturen bewegt, sich der räsonnierenden Rollenprosa eines Thomas Bernhard befleißigt.

Gabriel Josipovici, der zuletzt als Literaturprofessor an der Universität von Sussex wirkte, ist zugleich Literaturtheoretiker und hat sich nachdrücklich zum Modernismus in Literatur und Kunst bekannt. Seine Romane und Erzählungen, in der Frühzeit – den 60er- und 70er-Jahren – vor allem Formexperimente, bilden die praktische Einlösung dieses Bekenntnisses und sind von der Musik ebenso inspiriert wie von der Bildenden Kunst. Wir können nur hoffen, dass sein Roman „Goldberg: Variations“ von 2002, in dem die bekannte Anekdote von der Entstehung der Bach’schen „Goldberg-Variationen“ geistreich in das England des 18. Jahrhunderts und ins Literarische transponiert wird, ebenfalls einen deutschen Übersetzer findet.

Titelbild

Gabriel Josipovici: Moo Pak.
Übersetzt aus dem Englischen von Jochen Schimmang.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
217 Seiten, 13,90 EUR.
ISBN-13: 9783518224571

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Letzte Änderung: 10.01.2011 - 11:53:35
Erschienen am:22.12.2010
Lesungen: 2470
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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