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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 
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Narreteien und Fabulierlust in schwerer Zeit

Der erste Band der ausgewählten Briefe von Albert Viogoleis Thelen ist erschienen

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Schweiz scheint er nicht gemocht zu haben, ein „Land ohne Wein!“ Auch an Holland hatte er etwas auszusetzen, wo in einer Stadt „aus Mangel an Phantasie drei Straßen nach dem alten Helmers benannt sind“ und die Briefe an die Dritte, also Derde Helmersstraat nicht ankommen, wenn ‚3e Helmersstraat‘ draufsteht: Da denken die Postboten, damit sei die Etage gemeint.

Albert Vigoleis Thelen war ein umtriebiger Mann: Schlosserlehrling, technischer Zeichner und Student in Köln und Münster, Geflügelfarmarbeiter, Sekretär bei Harry Graf Kessler, Übersetzer aus dem Holländischen und Portugiesischen, Dichter, Romancier, außerdem versuchte er sich im Verlagswesen. Fast alles erfolglos. Und er war ein getriebener Mensch: Schon 1931 ging er mit seiner Baseler Frau Beatrice nach Mallorca, wurde von den spanischen Faschisten nach Marseille vertrieben, flüchtete ins Tessin und 1939 über Frankreich und Spanien nach Portugal, wo er bei dem mystischen Dichter Teixeira de Pascoaes Unterschlupf fand und bis zu seinem Lebensende mit Beatrice aus Dankbarkeit nur noch Portugiesisch redete. Nach dem Krieg ging er nach Amsterdam, später in die Schweiz. Erst im Alter kehrte er nach Deutschland zurück, wo er 1989 in einem Stift starb, Beatrice zwei Jahre später.

Er ist einer der Großen der deutschen Literatur und einer der großen Unbekannten gleichzeitig. Ein Mann mit Schlagfertigkeit bis zur Narretei und überbordender Fantasie, mit Sprachwitz und einer Fabulierlust, wie sie vor ihm wohl nur Jean Paul hatte: Sein Bestsellerroman „Die Insel des zweiten Gesichts“, der von seiner Zeit auf Mallorca erzählt, zeugt davon. Ebenso seine Briefe, von denen jetzt eine erste, reich kommentierte Auswahl bis 1953 erschienen ist. Auch hier bleibt er, in aller Not und Verzweiflung, immer witzig und humorvoll. So schreibt er 1950 an seinen Bruder, dass jetzt in Amsterdam der Schneefall eingesetzt habe: „die größte viecherei, die die sogenannte mutter natur, eine rabenmutter! dem menschen antun kann. ich weiß nie, was ärger ist, kartoffeln, der papst oder schnee. Jedes auf seine art eine verirrung der schöpfung.“ Und das in einer Zeit, in der er erfolglos ist wie eh und je und seine Frau ständig krank. In der die Welt auf einen nächsten Krieg hinzutaumeln scheint und er als von den Nazis ausgebürgerter Staatenloser keine Visa bekommt und keine Devisen und kaum einmal seine Familie in Krefeld besuchen kann.

Thelen hat eine wirre Zeit miterlebt und miterlitten. In seinen Briefen an seine Familie und vielen Freunde und Verleger scheint aber nur selten eine depressive Note durch. Nein, Thelen macht das, was er am besten kann: Er erzählt Geschichten von Land und Leuten, Lebensumständen und Politik und brennt dabei ein sprachliches Feuerwerk ab, das für mindestens zwei Romane von Durchschnittsautoren reichen würde. Er bleibt zeitlebens ein „Quatschverzapfer“, wie ihn seine Nichte einmal nannte. Zu unernst für unsere Welt

Titelbild

Albert Vigoleis Thelen: Meine Heimat bin ich selbst. Briefe 1929-1953.
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Ulrich Faure und Jürgen Pütz.
DuMont Buchverlag, Köln 2010.
504 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783832195595

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Letzte Änderung: 20.12.2010 - 11:41:26
Erschienen am:20.12.2010
Lesungen: 1485
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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