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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 
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Melancholisches Scheitern

Nagels Roman „Was kostet die Welt“ zwischen Weindorf und Großstadt

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor drei Jahren überraschte Nagel mit seinem Debütroman „wo die wilden maden graben“. Seine Geschichten vom Touralltag eines Musikers zwischen Euphorie und Depression sind präzise beobachtet und vor allem keine langweilige Popliteratur. Der ehemalige Gitarrist und Sänger der deutschen Poppunkband „Muff Potter“, die sich 2009 aufgelöst hat, legt nun seinen zweiten Roman vor. Schon aufgrund des Romantitels „Was kostet die Welt“ darf man gespannt auf die Geschichte und ihre Figuren sein.

Nagel hat mit seinem geplagten Protagonisten Meise eine Figur geschaffen, die zwischen einem Job hinter dem Tresen einer Berliner Kneipe und einem seltsamen Unwohlsein mit der eigenen Situation hin- und hergetrieben wird. „Aber jetzt ist alles durcheinander. Ich schlafe, wenn ich schlafen kann, und bin wach, wenn ich nicht schlafen kann. Ich esse selten und rauche ständig. Trinke einen starken, zuckrigen Kaffee nach dem anderen. Ich versuche zu lesen, kann mich aber kaum auf zwei aufeinanderfolgende Sätze konzentrieren. Mein Hirn ist ein poröser Klumpen hinter einer Wand aus Watte, und mein Körper hat sich zu einem tauben Brei zusammengeschoben.“ Der Tod seines Vaters und das nachfolgende Erbe, das er sich mit seiner Schwester teilt, muss Meise so verwenden, wie es sein Vater auf keinen Fall getan hätte. Denn die Aversion gegen den Vater motiviert sein Handeln. Meise beschließt, das gesamte Erbe mit Reisen zu „verschwenden“.

Die letzte Erinnerung, die letzte Verbindung in dem problematischen Verhältnis zum Vater muss ausgelöscht und abgeschnitten werden. Nach monatelangen Reisen und der Rückkehr nach Berlin bleiben knapp tausend Euro des Erbes übrig. Meise, immer noch unzufrieden und unruhig mit seiner Situation, entschließt sich, die Restsumme der Erbschaft für einen Besuch bei einer Urlaubsbekanntschaft von der Mosel in einem kleinen Weinbauerndorf zu verwenden.

Dort wird er mit den kleinbürgerlichen Alltäglichkeiten eines „normalen“ Lebens konfrontiert. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas werden wollte. Wie das schon klingt: ;etwas werden‘. Am Ende dieses Prozesses ist man dann ‚etwas‘, ja super, und dann?“ Dass er in dieser „Idylle“ auf gewohnte Lebensstrategien seines Alltags zurückgreift, bringt den pointierten Humor von Nagels Situationsbeschreibungen deutlich hervor, etwa wenn er sich mit dem allgegenwärtigen Weinkonsum in dem Weinanbaugebiet konfrontiert sieht und eine lexikalische Aufzählung von Synonymen für die Aufnahme von Alkohol in den menschlichen Körper präsentiert: „Saufen. Picheln. Bechern. Ballern. Zischen. Zoschen. Zechen. Zwitschern. Schlucken. Schütten. Schürbeln. Trinken. Tanken. Einen heben. Sich volllaufen lassen, die Kante geben, abfüllen, wegbeamen, die Lampen anschalten, einen reinschrauben, einen brennen, einen hinter die Binde gießen.“ Humor ist eine von Nagels großen schriftstellerischen Fähigkeiten. Wenn er beispielsweise einen Weißweinfreund von der Mosel als „Weißwein-Aborigine“ bezeichnet, ist man ganz dicht an einer soziokulturellen Zustandsbeschreibung einer ganzen Region.

Aber auch die Provinz bringt ihn nicht weiter, nimmt keinen Einfluss auf seine Befindlichkeit. Die Probleme sind immer schon da. Oder besser, das eigentliche Problem ist Meise selbst: „Verena ist weit weg, und ich bin weit weg. Liege im hintersten Winkel der Republik in einem quietschenden Bett, betrunken von Alkohol und Eindrücken, bedröhnt von Informationen und Erinnerungen, allein mit einem nicht ausschaltbaren Kopf.“ Letztendlich gelingen Meise aber einige Selbstreflexionen über seine Vergangenheit und seinen Vater. Besonders beeindruckend sind dabei Nagels Schilderungen des Krankheitsverlaufs von Meises Vater – selten findet man diese Qualität von schneidendem Realismus gepaart mit einer hohen emotionalen Intensität der Beschreibung: „Der Tod ist nichts Würdevolles, sondern etwas Fieses und Erbärmliches. Mein Vater ist nicht sanft entschlafen. Er ist elendig verreckt, nach einem Leben voller Verbitterung, Schmerz und Sprachlosigkeit.“ Und hierbei wird auch Nagels literarische Stärke deutlich: die Verbindung von Realität, Banalität und Authentizität und ihre Transformation in Literatur.

Zwar gibt es Fluchtmöglichkeiten und Perspektiven der Rettung, etwa wenn das Radio zum Orakel wird. Es „beginnen Nancy Sinatra und Lee Hazlewood gerade, von Sommer und Wein zu singen. ‚Take off your silver spurs and help me pass the time and I will give you: Summer Wine.‘ SWR1, was für ein seltsamer Sender. Egal, was dort läuft, es scheint immer irgendwas mit mir und diesem verfluchten Tal zu tun zu haben. Ist das Zufall, oder will mich hier irgendwer verarschen?“ Aber Meises Erlösungserwartungen sind eindimensionaler: „Rausch Rausch Rausch. Was wäre das Leben ohne Rausch? Was bliebe dann noch, außer der schnöden Realität, dieser lähmenden Seuche, die alles beherrschen und sich überall breitmachen will, die sich ständig als einzig legitime Autorität aufspielt, einen überrollt und stranguliert, bis man ist wie alle anderen und einen langen, leisen Erstickungstod stirbt.“

Letztendlich ist es das grandios inszenierte Scheitern, das Nagel in eine adäquate literarische Form bringt, und das den Roman zu einer der besten Veröffentlichungen des Jahres werden lässt: „Wie ich aussehe, mit dem Blut und der Kotze! Wenn man im Lexikon nach dem Begriff ‚jämmerlich‘ sucht, ist da bestimmt ein Bild von mir.“ Sein Fazit ist denn letztendlich auch nicht verwunderlich: „Geschlagen, aber nicht vernichtet. Besiegt, aber am Leben.“

Titelbild

Nagel: Was kostet die Welt. Roman.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2010.
320 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783453266872

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.12.2010 - 15:49:24
Erschienen am:20.12.2010
Lesungen: 2826
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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