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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 
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Kein Sex, niemals!

Clemens Bergers Roman „Das Streichelinstitut“

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was für Menschen würden in ein „Streichelinstitut“ gehen? Menschen wie Herr Nemeth zum Beispiel: ein Ministerialbeamter mit Vaterkomplex, der einmal wieder in den Arm genommen möchte. Und der nach wenigen Minuten hemmungslos zu heulen anfängt. Freilich: Jemand wie Herr Nemeth ist Ziel-, nicht Wunschgruppe. Aus Sicht eines „Berufsstreichlers“ jedenfalls. Wunschgruppe, das wären Klienten wie Frau Dr. Irene Fischer, die sich im „Streichelzimmer“ umstandslos freimacht.

Was den Streichler vor Herausforderungen stellt: „War es das, was ich wollte? Ich sagte mir: Und führe mich nicht in Versuchung. Am liebsten hätte ich ihre Schultern geküsst und mein Geschlecht gegen ihren Hintern gepresst.“ Als Frau Dr. Fischer der „sanftesten Hand der Stadt“ nach der Behandlung auch noch eine DVD über die Kunst der „Yoni“-Massage, also der des weiblichen Geschlechts, zusteckt – als Anregung fürs nächste Mal –, stellt sich endgültig die Frage nach der „ersten Regel“. Die da lautet (aufgestellt von der Freundin des Streichelgenies und eigentlich ganz unmissverständlich): „Kein Sex, niemals!“

Der „keusche Dienstleister“, der schon kurz nach Geschäftseröffnung von seinen Kunden zur „Gewissenserforschung“ genötigt wird, heißt Sebastian. Oder auch „Pastille, Bastille, Bastion, Basilisk, Pastis, (Bastard)“, wie seine launige Lebensgefährtin ihn nennt. Oder eben Severin Horvath, sein Künstlername. So viele Namen, so viele Eigenschaften: Sebastian/Bastard/Severin, der Ich-Erzähler mit Hang zum ausschweifenden „Kopftheater“ in Clemens Bergers Roman „Das Streichelinstitut“, ist Egomane und Erotomane, Zyniker und Romantiker. Ein Angehöriger des akademischen Prekariats, der sich als Ghostwriter für Doktoranden verdingt, dabei seine eigene Dissertation verbummelt und bislang von seiner als Philosophiedozentin reüssierenden Freundin Anna abhängig ist. Und er ist der vielleicht letzte wahre Sozialist Österreichs, voller Verachtung für das linksliberale Wiener Milieu.

Annas Ansinnen, er solle endlich auf eigenen Füßen stehen, wenn ihre Beziehung eine Zukunft haben soll, zeitigt ungeahnte Folgen. Sebastian beschließt, dem Neoliberalismus eine Chance zu geben. Mit dem einzigen Talent, das Anna ihm je bescheinigte, macht er sich selbstständig. In der Wiener Mondscheingasse, zwischen Astrologen und Yogaschulen, eröffnet er sein Institut „Caress_caress“. Zu den Klängen von Glenn Gould kann dort Erfüllung finden, wer immer ein wenig taktile Zuwendung nötig hat. Oder wer nur seine Neugier befriedigen will. Wie seine wutschnaufende Ex: „Streichle mich am Rücken! Wenn ich dir alles zugetraut hätte. Dass du Politiker wirst oder zum Mond fliegst oder ein Lügeninstitut gründest – aber dass du zärtlich sein kannst, niemals.“

Als Linker bezeichnet Sebastian seine Klienten als „Lumpenbourgeosie“, als Philosoph als „Ichschiffgekenterte“, als Naturalist als „menschliche Tiere“, deren „taktile C-Fasern“ der Haut von seinen Künstlerhänden stimuliert werden. Schließlich hätten Versuche an Ratten längst die positiven Effekte regelmäßigen Streichelns belegt. Nachdem die geschäftstüchtige Frau Dr. Fischer ihm immer neue betuchte Klientinnen (Wunschgruppe!) zuschanzt, wird aus dem Antikapitalisten bald ein gestresster „Unternehmer des eigenen Ich“. Sebastian hat offenkundig eine Marktlücke entdeckt und wird Stadtgespräch. Was naturgemäß zu Beziehungs- ebenso wie zu Identitätskonflikten führt. Am Anfang steht noch die glückhafte Erfahrung, erstmals zum proletarischen Teil Wiens zu gehören; selbstzufrieden und mit „Die Arbeiter von Wien“ auf den Lippen, erholt sich der erstmals liquide gewordene Sebastian von den ungewohnten Strapazen im Fitnessstudio.

Bald aber holt ihn der theoretische Zweifel ein: „Sie geben also zu, ein Konterrevolutionär zu sein, Genosse Basilisk?“, lässt er seine „Supervisorin“ Anna genüsslich in seiner Wunde bohren. „Ein weiterer Helfer am Krankenbett des Kapitalismus?“ Als sein Handy auf rätselhafte Weise verloren geht, empfängt er auf seinem neuen Nachrichten von sich selbst oder seinem Doppelgänger: „Geht es dir noch gut, Severin/Sebastian?“ Und: „Überlege dir gut, was du tust.“ Ein wenig romantische Ironie also in dieser über weite Strecken höchst vergnüglich zu lesenden Suada voller Sprachlust und mit spritzigen Dialogen.

Dennoch wird das Lesevergnügen in der zweiten Romanhälfte zunehmend von Ratlosigkeit und Genervtsein abgelöst. Warum? Weil der Österreicher Clemens Berger, Jahrgang 1979, von dem zuletzt 2009 der Erzählband „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“ erschienen ist, in diesem Buch zu vieles will und bei ihm zu vieles durcheinander geht. Wozu die ständigen Anspielungen auf eine „Frau, deren Namen ich vor Anna nicht erwähnen durfte“ und die nie auftritt? Wozu das unaufhörliche Placedropping? So viele Schauplätze nennt der Roman, dass sie in der Summe wohl eine vollständige Topografie Wiens ergäben. Und wozu die Episode mit Észter, der schönen Ungarin, mit der sich Sebastian mittels Webcam und Skype ganz ohne Hautkontakt in eine leidenschaftliche Affäre stürzt und die dann ebenso im Nichts endet wie die Frage nach dem geheimnisvollen Doppelgänger, der ihn mit SMS traktiert?

Ein paar kluge Kürzungen, dafür mehr Konzentration auf Themen wie „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“, neue Ungleichheiten in modernen Beziehungen oder die Vermischung von Beruf und Privatsphäre hätten diesem Roman gut getan.

Titelbild

Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman.
Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
356 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783835306196

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.12.2010 - 12:37:34
Erschienen am:22.12.2010
Lesungen: 1862
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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