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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Literaturwissenschaft
 
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Der Zeitkern einer Schlachtbeschreibung

Harro Müller über Literatur und Theorie der Moderne

Von Kay ZiegenbalgRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kay Ziegenbalg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Anschließend an den Band „Giftpfeile“ (1994) hat der 1943 geborene und in den USA lehrende Literaturwissenschaftler Harro Müller nun „Gegengifte. Essays zu Theorie und Literatur der Moderne“ veröffentlicht. In beiden Aufsatzsammlungen steht das Nachdenken über Literatur als auch über die Literaturwissenschaft im Zentrum. Das ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings findet in den Essays, die vom Verlag schon als Interventionen bezeichnet werden, eine reizvolle Entwicklung statt. Im Versuch, weder Text noch Theorie mit Liebe zu begegnen, offenbart sich in Müllers Gedankensammlung die ganze Fragilität des literarischen Diskurses. Einer Denkform, die sich im literarischen Werk einen Gegenstand zu schaffen sucht, der sie möglicherweise vor dem schwarzen Abgrund der philosophischen Begriffsarbeit retten kann. In der Praxis sieht das so aus, dass Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte von Müller kurzerhand als historischer Roman gelesen werden.

Zum Auftakt aber wird Theodor W. Adornos nicht vorhandene Sprachtheorie demontiert, womit die fast klassisch gewordene Kritik an dessen tiefschwarzer negativer Dialektik aus der reflexiven Ecke noch einmal völlig anders gewendet wird. Der Befund ist eindeutig: Adorno sei den eigenen Ansprüchen an eine Theorie der Sprache nie gerecht geworden. Vor allem habe er den sprachtheoretischen Diskurs des 20. Jahrhunderts weitgehend ignoriert. Müller vermisst Auseinandersetzungen mit den Pragmatikern der 1960er-Jahre ebenso wie ein Aufarbeiten der Klassiker Charles Sanders Peirce, Gottlob Frege, Ferdinand de Saussure, Roman Ossipowitsch Jakobson und Noam Chomsky. Nun muss man eingestehen, dass dieser Vorwurf Adorno nur schwer treffen kann, wenn selbst sein Kritiker affirmativ feststellt: „Adorno war ein Denker, der stets wusste, dass es einen absoluten Anfang für endliche Menschen nicht gibt.“ Die (monistische) Theorie sei für Adorno nie mehr als der Ausdruck bloßer Souveränitätsfantasie gewesen.

Wie also sollte zu verteidigen sein, dass eine Sprachtheorie, die diesen Namen verdient, unbedingt in der Lektüre der Grundlagentexte wurzeln muss? Vor dem Hintergrund des Dilemmas, in dem sich Adornos Denken absichtlich bewegt, sind, so Müller, die Grundlagen ganz andere. Zum einen sei die negative Dialektik bewegt vom Impuls und der Intuition. Eher Rahmen als Grundlage bilden dann Einflüsse von Friedrich Nietzsche, Ernst Bloch, Georg Lukacs und Walter Benjamin als Vertreter eines nicht besonders universitären Essayismus. Die Denkbewegungen stammten dann allerdings von den zentralen Figuren der modernen Philosophie: Immanuel Kant, Hegel, Karl Marx, Sigmund Freud, Man Weber und Karl Raimund Popper. Sowohl in diesem als auch im folgenden Essay über Adornos (nicht minder zerfaserte) Theorie des authentischen Kunstwerks entdeckt Müller eher ein „immenses kognitiv herausforderndes Anregungsmaterial […] als eine stets und immer zu verteidigende Theorie“. Denn Adornos gesellschaftstheoretische Annahmen seien (trotz ihrer dialektischen Vitalität) zu global und zu flächig.

Die folgenden Texte behandeln die Theorie der Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft, den Zeitbegriff der Moderne. Sie sind der Theorie und Geschichte des Realismus sowie dem historischen Roman und Drama des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Dabei entsteht ein Überblick über jene Elemente, an denen sich ein Begriff der Moderne und vor allem die ästhetischen und epistemologischen Grundlagen der Moderne entwickeln lassen.

Zu diesen Elementen zählt vor allem die offenliegende Gemachtheit, die Konstruktion von Erzählungen. Anhand Edward Gibbons’ „Decline and Fall of the Roman Empire“ werden einige Probleme der Literaturgeschichtsschreibung untersucht. Begonnen wird mit der Feststellung, dass sich die (Literatur-)Geschichtsschreibung vorwiegend auf traditionelle Erzählweisen beschränkt. Diese, so die These, verdecken jene der Geschichte innewohnende Inkohärenz und Heterogenität zugunsten eines Argumentationspostulats. Von einer Erzählung (also auch der historiografischen) werde regelrecht erwartet, dass sie ihr Sujet mit strukturierenden Verlaufsannahmen als plausible Kette von Ereignissen mit klar gestalteten Akteuren und deutlich erkennbaren Kausalwirkungen ausstattet. Was sich hinter der Festlegung von Anfang und Ende einer solchen Verlaufsgeschichte verbirgt, zeigt Müller mit dem Verweis auf „heterogenitätsminderne Verfahren“, die Gibbons einsetzen musste, um beide der von ihm beschriebenen Bewegungen aufeinander folgen zu lassen. Schließlich sei in struktureller Hinsicht „zwischen Fortschritt und Verfall keine Differenz anzunehmen.“

Diesem Problem folgt Müller im dritten und letzten theoretischen Essay zum „Zeitbegriff der Moderne“, der in weiten Teilen Jürgen Habermas’ entsprechenden Abschnitt aus „Der philosophische Diskurs der Moderne“ ergänzt. Den Untersuchungen gehen vier exemplarische Annahmen über den Umgang der literarischen Moderne mit dem Hegel’schen Geschichts- und Zeitverständnis voraus: Dialektik werde in Paradoxie überführt, die Abkehr von Teleologie ermögliche die Augenblicksemphase (Nietzsche), die indikativische Form einer Weltgeschichte weiche dem Konjunktiv und damit der Kontingenz und schließlich werde Gegenwart gegen Vergangenheit oder Zukunft immer wieder neu bestimmt. Mit Musil und anhand der „Schlachtbeschreibung“ Alexander Kluges konstatiert Müller einmal mehr den Wegfall jenes – wie auch immer religiösen – archimedischen Punktes, der einst so sicher schien, um für die Moderne zu beschließen: „Die Tröstungen des Religionssystems finden ihre Grenzen in denen des Religionssystems.“

Die ausgewählten Texte erschienen zwischen 1994 und 2008. Es wird materialreich referiert und die These schließt sich mehr oder weniger unvermittelt an. Es ist keine (auch für wissenschaftliche Verhältnisse) leichte Lektüre, die Müller anbietet. Es fällt auf, dass die mit dem Begriff der Moderne verbundenen Auflösungen vormals unreflektierter Episteme ihre Beschreibbarkeit sabotieren. Somit fällt der Blick auf Müllers Vorwort, das als eben jener konstruierte archimedische Punkt erst den Einstieg in die „Gegengifte“ ermöglicht und gleichzeitig angibt, wo Müller uns entlassen muss, wenn er seinen Schlussfolgerungen folgen will: im Literaturverzeichnis.

Titelbild

Harro Müller: Gegengifte. Essays zu Theorie und Literatur der Moderne.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
231 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783895287381

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Letzte Änderung: 05.01.2011 - 10:43:54
Erschienen am:05.01.2011
Lesungen: 2826
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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