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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 
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Roman im Kopf

Für ein geplantes Buch befragte Uwe Johnson 1963 und 1964 Fluchthelfer, die Ostberliner Studenten in den Westen geholt haben. Die Gesprächs-Transkripte sind nun als „Gespräche mit Fluchthelfern“ in einem vorbildlich edierten Einzelband erschienen

Von Fabian ThomasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Thomas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 29-jährige Schriftsteller Uwe Johnson, damals selbst erst seit wenigen Jahren zusammen mit seinen „Mutmaßungen über Jakob“ aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelt, plant einen neuen Roman. Dafür trifft er sich zum Jahreswechsel 1963/64 mit den Fluchthelfern Detlef Girrmann und Dieter Thieme, die ihm ausführlich über die Zeit berichten, in der sie als Studenten an der Freien Universität Berlin Kommilitonen aus dem Ostteil der Stadt in den Westen schleusten.

Das war nach dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, ein nicht ungefährliches Unterfangen. War vorher der Grenzverkehr weitestgehend barrierefrei möglich (und zu Lasten der SED-Staatsführung die Fluchtbewegung auf ein Höchstmaß angewachsen), wurden nun die Grenzübergänge immer schärfer kontrolliert. Girrmann und Thieme zeigen im Gespräch mit Johnson sehr anschaulich die praktischen Schwierigkeiten beim Aufbau einer Fluchthilfe auf: Dokumentenfälschung, Rundfahrten bei Angehörigen und Anwerbung von „Läufern“, die Ausweise und Passierscheine zu den Fluchtwilligen brachten; Finanzierung aus eigener Tasche (die Fluchthilfe wurde von der Studentenverwaltung weder offiziell anerkannt noch gefördert); zuletzt natürlich auch Stasi-Spitzel, die die gesamte Unternehmung nach nicht ganz zwei Jahren ins Wanken brachten.

Damit haben die „Gespräche mit Fluchthelfern“ einen kaum zu unterschätzenden Wert als historische Artefakte: Die Tonbänder der Gespräche galten lange als verschollen (Johnson war der Annahme, er habe sie gelöscht). Bei Recherchen für eine Fernsehdokumentation tauchte durch einen glücklichen Zufall eine Kopie wieder auf, die Girrmann verwahrt hatte. Burkhart Veigel, ebenfalls ein ehemaliger Fluchthelfer, hat die Bänder transkribiert und eine sorgfältige historisch-kritische Edition mit Anmerkungsapparat, Vor- und Nachwort hergestellt. Damit ist eine wertvolle Primärquelle über die Anfänge DDR-Fluchthilfe nun erstmals für die Forschung zugänglich. Die Originalbänder sind übrigens hier in Ausschnitten anzuhören: http://www.suhrkamp.de/uwe_johnson-fluchthelfer-interviews_456.html.

Als literarisches Artefakt dagegen wirft dieser Band ein erhellendes Licht auf die Arbeitsweise des „Dichters beider Deutschland“ (Günter Blöcker). Sein stetes Nachbohren zeugt von einer Detailversessenheit, der nichts zu entgehen vermag: „Was ist das Wort richtig: ‚unterminieren‘ oder ‚beeinflussen‘?“ Das gibt den penibel übertragenen Gesprächsprotokollen aber auch einen durchaus unterhaltsamen Anstrich. Bei nicht wenigen Fragen nämlich merkt man Johnson den Roman im Kopf überdeutlich an, der mitunter zu einem Krimi zu geraten scheint: „Und dieses Geheimdienstmäßige und das Ungesetzliche und das Risiko (…) – das war nicht besonders attraktiv? Spannend?“ – Girrmann, dem jegliche Stilisierung seiner Handlungen fremd ist, verneint entschieden.

Hier prallen der eifrige Wortdrechsler Johnson und seine eher nüchtern eingestellten Gesprächspartner, die ihr Handeln sehr viel prosaischer als selbstverständliche Solidaritätsleistung verstehen, auch schon einmal aufeinander. Das Scheitern des Romanprojekts ist freilich zu bedauern: Uwe Johnson hat in seinen Gesprächen Material zusammengetragen, das ein Fenster in die Zeit der frühen DDR öffnet und anhand der Auskünfte aus erster Hand ein individuelles Verständnis über den realen Wettstreit der deutschen Gesellschaftssysteme um 1961 möglich macht. Als Romanfiguren blieben Detlef Girrmann und Dieter Thieme indes im Planungsstadium – vielleicht hatte Johnson ja doch eher an einen Krimi gedacht.

Titelbild

Uwe Johnson: Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern.
Herausgegeben von Burkhart Veigel.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2010.
245 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421512

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Letzte Änderung: 06.01.2011 - 13:42:51
Erschienen am:05.01.2011
Lesungen: 1884
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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