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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Deutschsprachige Literatur
 
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Die ganz normale Ausgrenzung

Erich Hackls subtiles Porträt der Familie Salzmann

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schriftsteller und Übersetzer Erich Hackl, 1954 in Steyr in Oberösterreich geboren, legt seit vielen Jahren Erzählungen vor, denen authentische Fälle zugrunde liegen. Er forscht in Archiven, fragt nach, recherchiert. Aus der Materialfülle entstehen literarische Texte, die zu lesen in jedem Fall ein Gewinn ist. Die Geschichten führen uns in die Geschichte, der Einzelfall deckt historische Entwicklungen auf.

So auch in Hackls jüngstem Buch mit dem Titel „Familie Salzmann“. In dieser „Erzählung aus der Mitte“, so der Untertitel, geht der Autor vorerst nur wenige Jahre zurück: die Geschichte setzt ein, als der damals 24-jährige Hanno Salzmann Ende des letzten Jahrhunderts „eine Stelle als Kanzleikraft der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz“ antritt. Seine Eltern freuten sich, dass „ihr jüngerer Sohn an seinem Arbeitsplatz schnell Anschluss gefunden hatte, weil sie seit ihrer Pensionierung wenig Kontakt zur Außenwelt hielten und mit Sorge beobachtet hatten, dass er dazu neigte, ihre zurückgezogene Lebensweise nachzuahmen“.

Dass jedoch gerade dieser Jochen Koraus, der sich mit Hanno anzufreunden wünschte, eine wahre Welle an Beleidigungen und Beschuldigungen auslösen könnte, ahnten sie damals keineswegs, und auch später fiel es ihnen schwer, die Erkenntnis zu akzeptieren. Denn weder Eltern noch Sohn hätten glauben wollen, dass der Satz „Meine Oma ist in einem KZ umgekommen“ Hanno nachhaltig schaden sollte. Doch nicht anders ist es, so zeigen die knapp 180 Seiten der Erzählung, und am Ende ist zu lesen: „Zwei Zeitungsartikel erschienen, in denen, unbestritten von der Direktion der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, Hanno Salzmann als Opfer eines antisemitisch motivierten Mobbings ausgewiesen wurde.“

Zwischen diesem einen Satz zu Beginn und der Feststellung am Ende lesen wir die Geschichte der Familie Salzmann, einsetzend bei der Geburt von Hannos Großmutter Juliana Sternad, 1909 in einem Dorf in der Steiermark geboren, in großer Armut aufgewachsen. Schon früh musste sie für sich selbst aufkommen, wofür sie sich in die Gegend zwischen Frankfurt und Mainz aufmachte. Im Kurort Bad Kreuznach lernte sie den sechs Jahre älteren Metalldreher Hugo Salzmann kennen. Später wurde dieser aktiver Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Es folgten schwierige Jahre: Verfolgung, Auswanderung nach Paris, Kriegsausbruch, Verhaftung von Juliana und Hugo. Der Sohn, der wie sein Vater Hugo heißt, wuchs mehrheitlich bei seiner Tante auf, seine Mutter kam um, die Beziehung zwischen Vater und Sohn blieb für immer zerstört.

Erich Hackls Bücher sind Dokumente, sind literarische Recherchen, sind Literatur. Er schreibt von Leuten, die sich selber nicht zu Wort melden oder sich nicht mehr zu Wort melden können, und er schreibt in einer Sprache, die einfach und oft auch leicht zu verstehen ist. Doch diese Sprache hat eine Tiefendimension: Alles, was er erzählt, wird greifbar nahe, Bilder entstehen beim Lesen und lassen sich nicht so schnell zurückschieben. Es ist in jedem Wort eine Liebe zu den Menschen zu spüren, die sehr tief geht. Erich Hackl weckt das Interesse für den Menschen und seine Geschichte. Solche Texte wirken nachhaltig, und lassen die Leserinnen und Leser nicht so schnell wieder los.

Titelbild

Erich Hackl: Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte.
Diogenes Verlag, Zürich 2010.
192 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783257067583

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Letzte Änderung: 10.01.2011 - 10:28:09
Erschienen am:10.01.2011
Lesungen: 2678
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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