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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Biografisches
 
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Eine Oper über Auschwitz

Manfred Sapper und Volker Weichsel haben einen Band über den lange vergessenen Komponisten Mieczyslaw Weinberg herausgegeben

Von Kornelia Konczal

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die moderne Kunst hat uns daran gewöhnt, uns nicht allzu sehr an lindernde und eingefahrene Denkschemata zu gewöhnen. Immer mal wieder fordert ein Künstler unsere Wahrnehmung heraus, indem er unsere Vergangenheitsvorstellungen umstürzt und uns dazu zwingt, uns einer subversiven Therapie zu unterziehen“, schrieb der polnische Anthropologe Dariusz Czaja im Oktober 2010 über die Warschauer Aufführung der Oper „Die Passagierin“. Es handelt sich um ein Ende der 1960er-Jahre entstandenes und erst vor kurzem wiederentdecktes Werk des polnisch-jüdisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) – eine Oper über Auschwitz. „Wiederholen wir es noch ein Mal laut: eine Oper. Über Auschwitz. Ein unfassbares Phänomen. Jenseits des Menschenverstandes und des routinemäßigen Erwartungshorizonts. Ein Objekt, das man zwischen dem Unmöglichen und dem Unangemessenen situieren kann. Übrigens: eine offensichtliche Veruntreuung der berühmten, ultimativen Formel von Adorno.“

„Die Passagierin“ ist eine Oper über Schuld und Sühne, Verdrängung und Vergebung. Sie handelt von einer Auschwitz-Überlebenden, die Jahre nach dem Krieg auf einem Ozeandampfer einer KZ-Aufseherin wiederbegegnet. Die Inspiration für Weinberg war ein Text der polnischen Journalistin und Autorin Zofia Posmysz (geboren 1923), die 1942 in Krakau wegen des Verteilens von Flugblättern von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde. In einem Interview erinnert sie sich:

„Das war 1959. Ich sollte eine Reportage über die neue Fluglinie Warschau-Paris schreiben. In Paris hatte ich einige Stunden Aufenthalt und ging in die Stadt. Die Place de la Concorde war bei den Touristen beliebt. Plötzlich hörte ich, wie eine Stimme rief: „Erika, komm her, wir fahren schon!“ Hoch und scharf war die Stimme, so wie die der SS-Aufseherin Anneliese Franz in Auschwitz. Natürlich war sie es nicht. Aber der Gedanke ließ mich nicht mehr los: „Was würde ich tun, wenn ich Anneliese Franz tatsächlich eines Tages gegenüberstehen würde?“ Kurze Zeit später schrieb ich das Hörspiel.“

Aus dem Hörspiel wurde bald ein Buch (1962), das wiederum den Regisseur Andrzej Munk (1921-1961) dazu inspirierte, einen Film zu drehen (1963). Wenige Jahre später stieß auch Mieczyslaw Weinberg auf den Text von Posmysz. Nach ihrer Novelle schrieb Alexander Medwedew das Libretto. Weinbergs Oper durfte allerdings weder in der Sowjetunion noch in einem anderen Land des Ostblocks aufgeführt werden. Die Uraufführung dieser einzigartigen Oper fand erst 2010, 42 Jahre nach der Entstehung des Werkes, im Rahmen der Bregenzer Festspiele statt. Die Bregenzer Uraufführung unter der Regie von David Pountney wurde als das „Opern-Ereignis dieses Sommers“ gefeiert.

Dem Leben und dem Werk von Mieczyslaw Weinberg ist das im Juli 2010 erschienene Heft der Zeitschrift „Osteuropa“ gewidmet. Wie Manfred Sapper und Volker Weichsel, Herausgeber des bereits seit 60 Jahren existierenden Periodikums, betonen, ist das Leben des 1919 in Warschau geborenen und 1996 in Moskau gestorbenen Komponisten „von der Signatur des 20. Jahrhunderts gezeichnet: von Krieg und Massenmord“. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste der Musiker nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 über Minsk und Taschkent nach Moskau fliehen, um dort sein Studium fortzusetzen. Seine Familie wurde von den Nazis ermordet. Sein Schwiegervater – der berühmte Filmregisseur Michoels – wurde 1948 von den Kommunisten ums Leben gebracht. Weinberg selbst wurde kurz nach Stalins Tod im Jahre 1953 inhaftiert. Frei gelassen wurde er dank der Fürsprache seines Mentors und Freundes Dmitri Schostakowitsch.

In der Juli-Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“ sind insgesamt 13 Beiträge Weinbergs Leben, seinem Werk und seiner (Nicht-)Rezeption gewidmet. David Fanning, Autor einer vor kurzem erschienenen Biografie des Komponisten, gibt auf 20 Seiten einen sehr kenntnisreichen und leserfreundlichen Überblick über Weinbergs Biografie und seine Musik. Unter den Stichworten „Markant, jüdisch, verkannt“ erklärt Jascha Nemtsov, selbst Weinberg-Interpret und Musikwissenschaftler, einige „Gründe für M. Weinbergs ‚Nicht-Rezeption‘“. Der Autor bezieht sich darüber hinaus auf den breiteren Kontext der „vergessenen“, das heißt von den beiden Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts zur damnatio memoriae verurteilten, vor allem jüdischen Musiker. Sowie den seit den 1980er-Jahren unternommenen Versuchen, die Musik ermordeter oder vertriebener Komponisten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Stefan Weiss fragt wiederum danach, was der Westen über die Repressionen gegen Komponisten in der UdSSR wusste.

Etwas kurz kommt hingegen in der rezensierten Ausgabe von „Osteuropa“ die Werkanalyse. In lediglich zwei Beiträgen werden die Spezifika der einzelnen Genres beziehungsweise der verschiedenen Schaffensperioden des Komponisten analysiert: Friedrich Geigers Beitrag ist Weinbergs Streichquartetten gewidmet und Verena Mogl schreibt über Weinbergs Kompositionen für den Film. Der werkanalytische Schwerpunkt des Hefts liegt deutlich auf einen Werk, nämlich der Oper „Die Passagierin“. Ihr sind zwei Beiträge, eine Dokumentation – und zwar das Vorwort von Schostakowitsch zum Klavierauszug aus der Oper – und ein Interview mit Zofia Posmysz gewidmet. Vor allem dieses ergreifende Gespräch mit der polnischen Autorin wird dem Leser in Erinnerung bleiben. Sehr aufschlussreich ist der Beitrag des polnischen Musikwissenschaftlers Michal Bristiger über die Oper: Die äußerst klare und verständliche Sprache gibt auch Nicht-Spezialisten die Möglichkeit, komplexe musikalische Sachverhalte nachzuvollziehen. Das Heft rundet ein perfekt auf das Schwerpunktthema abgestimmter Rezensionsteil ab, der sehr gute Hinweise auf weiterführende Literatur gibt.

Ohne das Rätsel um den Komponisten ganz zu lösen, gibt die Juli-Ausgabe von „Osteuropa“ schlüssige und anregende Erklärungen für die grundlegende Paradoxie: Obwohl Weinberg neben der Oper „Die Passagierin“ 22 Symphonien, zahlreiche andere Orchesterwerke, Konzerte und Lieder sowie Kammer-, Klavier- und Filmmusik schrieb, ist – oder genauer gesagt: war – er vor der Bregenzer Uraufführung kaum bekannt:

„Mieczyslaw Weinberg? Wer sich in Deutschland, Polen oder Russland umhört, erhält überall dieselbe Antwort. Weinberg? Nie gehört! Selbst Fachleute runzeln fragend die Stirn. Es ist paradox: Herausragende Interpreten wie Mstislav Rostropovic, David Ojstrach oder Emil Gilel’s spielten Uraufführungen von Weinberg und schätzten seine Musik. Das Jahrhundertgenie Dmitrij Sostakovic äußerte sich enthusiastisch über etliche Werke aus der Feder von Weinberg, mit dem ihn über drei Jahrzehnte eine enge Freundschaft verband. Mieczyslaw Weinberg schuf die Musik zu Klassikern des sowjetischen Kinos, die Millionen Menschen sahen. Doch hinter dem bewegten Bild trat der Komponist nie hervor. Es ist ein Rätsel, wie die Musik eines der kreativsten Komponisten des 20. Jahrhunderts derart lange ignoriert werden konnte.“

Dies schreiben die Herausgeber im Editorial der hier besprochenen Zeitschrift. Ähnlich wie der bereits erwähnten Biografie von Weinberg aus der Feder von David Fanning kommt auch dem Weinberg-Heft von „Osteuropa“ das Verdienst zu, das Werk des Komponisten dem Vergessen zu entreißen. Dies gelingt umso besser dank einer dem Heft beigefügten CD mit zwei Werken von Mieczyslaw Weinberg: dem „Streichquartett Nr. 6, op. 33“ und der „Sonate für Klarinette und Klavier, op. 28“.

Titelbild

Manfred Sapper / Volker Weichsel (Hg.): Die Macht der Musik. Mieczys?aw Weinberg: Eine Chronik in Tönen.
Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2010.
208 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783830517108

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2011 » Biografisches
 

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Letzte Änderung: 29.03.2011 - 00:50:14
Erschienen am:20.01.2011
Lesungen: 2131
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
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