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Eine längst fällige Wiederentdeckung

Das lyrische Werk von Oskar Loerke ist in zwei Bänder erschienen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Oskar Loerke (1884-1941), Sohn eines westpreußischen Ziegelei- und Hofbesitzers, gehört zu den wirkungsmächtigsten deutschen Lyrikern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl ihm das große Publikum versagt blieb, haben seine Verse später viele Autoren nachhaltig beeinflusst. Mit seinen formstrengen und von großer Bildlichkeit geprägten Gedichten wirkte er wegbereitend für die deutschsprachige Naturlyrik seit den 1930er-Jahren.

In seinen knapp 57 Jahren hatte der Dichter ein überschaubares Œuvre hinterlassen. Loerke begann seine literarische Laufbahn zunächst mit Erzählungen, ehe er seine Naturverbundenheit in Gedichten ausdrückte. Seine Gedichte stehen an der Schwelle zwischen expressionistischer und surrealistischer Naturbetrachtung und sind stilistisch zwischen Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn angesiedelt. Die Beschränkung auf den Naturlyriker (dieses Etikett wies Loerke immer selbst von sich), wird ihm aber nicht gerecht. Vielmehr ist er ein Dichter, dem kein Thema fremd ist, und so besitzen seine Gedichte eine große Spannweite.

1926 wurde Oskar Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, 1928 Sekretär der Sektion für Dichtkunst. Doch nach fünf Jahren musste er seinen Posten in der Akademie wieder aufgeben. Fortan litt er schwer unter dem Regiment der „Totengräber Deutschlands“. Für Loerke war es eine entsetzliche Zeit der Leiden und Demütigungen, daher zog er sich immer mehr in die innere Emigration zurück. 1941 verstarb er in Berlin an einem Herzleiden.

In den letzten Jahrzehnten ist der Dichter und sein Werk weitgehend in Vergessenheit geraten. Schon Hermann Hesse hatte sich darüber empört, dass das „Volk der Dichter und Denker“ einen Mann dieses Ranges „unerkannt, ungenutzt und ungeehrt hat leben, arbeiten und sterben lassen“. Nun bietet die zweibändige Ausgabe seiner „Sämtlichen Gedichte“ aus dem Göttinger Wallstein Verlag eine äußerst willkommene Gelegenheit, sich mit der Dichtung Loerkes vertraut zu machen.

Die Ausgabe enthält seine sieben Gedichtbände, die meist als Zyklen angelegt sind und deren Veröffentlichung Loerke noch selbst betreut hat. In seinem ersten Gedichtband „Wanderschaft“ (1911) versammelte er Gedichte der zurückliegenden Jahre (bis 1907). Sie spiegeln vor allem das Verhältnis zu seiner westpreußischen Heimat wieder. Bereits hier, wie in „Pansmusik“ (1916), wird der thematische und strukturelle Schlüssel für sein späteres Gesamtwerk sichtbar. Der erste Band der „Sämtlichen Gedichte“ bringt weiter die Gedichtbände, die nach dem Ersten Weltkrieg und in den späten 1920er-Jahren erschienen: „Die heimliche Stadt“ (1921), „Der längste Tag“ (1926) und „Atem der Erde“ (1930). Dabei betrachtete Loerke seinen vierten Gedichtband „Der längste Tag“ als Mittelstück seiner sieben Gedichtbände, die für ihn eine Einheit darstellten.

Der zweite Band beginnt mit den beiden Gedichtbänden „Der Silberdistelwald“ (1934) und „Der Wald der Welt“ (1936), die Loerke trotz des Verbotes seiner Werke durch die Nationalsozialisten veröffentlichte. „Ich hatte mein Erleben heimzuleiten in die Form seiner Existenz durch Sprache“, schrieb Loerke 1934 im Nachwort zu seinem Gedichtband „Der Silberdistelwald“. Die Gedichte aus dieser Zeit sind ein gewisser Gegenpol zu Avantgarde und Neuer Sachlichkeit dieser Jahre. Darüber hinaus sind sie aber auch eine Gegenkraft zur nationalsozialistischen Dichtung.

Bisher wurde angenommen, dass Loerkes lyrische Stimme nach diesen beiden Gedichtbänden erschöpft war, doch die zweibändige Gedicht-Ausgabe macht mit einem umfangreichen Spätwerk bekannt. Den Abschluss bilden verschiedene Essays Loerkes zu seinen Gedichtbüchern. Neben einem Vorwort („Im Wald der Welt. Zu Oskar Loerke“) von Lutz Seiler wird die lobenswerte Edition durch einen umfangreichen Anhang (unter anderem mit einem Nachwort der Herausgeber Uwe Pörksen und Wolfgang Menzel) komplettiert.

Titelbild

Oskar Loerke: Sämtliche Gedichte in zwei Bänden.
Mit einem Essay von Lutz Seiler.
Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
1076 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783835304116

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Letzte Änderung: 06.01.2011 - 11:56:54
Erschienen am:10.01.2011
Lesungen: 2590
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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