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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2011 » Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaft
 
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Jana Kiesendahl seziert das akademische Sprachverhalten

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unter allen gesellschaftlichen Einrichtungen zeichnet Wissenschaft sich durch ein hohes Maß an Selbstreflexion aus. Jana Kiesendahls Greifswalder linguistische Dissertation – „Status und Kommunikation“ – führt dies beispielhaft vor: Eine wissenschaftliche Qualifikationsschrift, Voraussetzung für den Aufstieg innerhalb der akademischen Hierarchie, die eben deren sprachlichen Ausdruck unbefangen, mit nüchternem Blick unter die Lupe nimmt.

‚Wissenschaftliche Qualifikationsschrift‘ meint allerdings auch, dass dieses Buch nicht in deutscher Umgangssprache, sondern (linguistischer) Fachsprache verfasst worden ist (und nur in solcher angemessen zu würdigen wäre). Der unbeleckte Leser muss einige Mühe darauf verwenden, Zugang zu finden, wird gleichwohl reich belohnt – so Interesse an der sprachlichen Verfertigung sozialer Rollen und Statusunterschiede besteht.

Akademische Institutionen sind in besonders hohem Maße von Statusunterschieden, unter anderem zwischen Lehrenden und Lernenden, bestimmt, deren sprachliche Verfertigung, wie Kiesendahl konstatiert, bislang nur in Teilen beschrieben worden sind: Besonders die „mündlichen Formen des akademischen Diskurses“ und der E-Mail-Diskurs sind empirisch unzureichend erforscht. So liegt es nahe, zwei Desiderate der Forschung zu bündeln, und universitäre Verhältnisse von Status, Nähe und Distanz im Vergleich von E-Mail-Kommunikation und Sprechstundengesprächen zu erkunden: „Im Fokus der Arbeit steht die Frage, wie der Status und die institutionelle Rolle sprachlich signalisiert werden.“

Der Aufbau dieser Dissertation ist von zweckmäßiger Einfachheit: Auf Vorklärungen über „hochschulische Kommunikation“, die linguistische und soziologische Wissensbestände zusammenführen, den Forschungsstand referieren und wichtige Begriffsbestimmungen leisten – etwa zu „Institution“, „Hierarchie“, „Status“ und „Rolle“ –, folgen methodische Erläuterungen zum „Forschungsdesign“. Am meisten Raum nehmen die beiden Hauptteile zu „Status- und Rollensignalisierung in E-Mail-Konsultationen“ bzw. im „hochschulischen Sprechstundengespräch“ ein. Anrede- wie Grußformen und diverse Handlungsmuster – darunter „Terminfestlegung“, „Prüfungsabsage“, „Versand eines Attachments“ – werden genau unterschieden, empirisch verankert und in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt. Weitergehende Überlegungen zu „Angemessenheit“ und „Normenkonflikten“ im universitären E-Mail-Verkehr, zu „Redeanteilen“, „Themensteuerung“ und „Interventionen“, zu „Zeit als Statusfaktor und Rollenindikator“ und zur „Thematisierung von Rollenerwartungen“ greifen weit übers Sammeln und Sortieren von Daten hinaus – ohne der empirischen Fundierung zu entraten: Der Arbeit ist ein Anhang von sechzig Seiten beigegeben. Hier werden Beispielsätze aufgeführt und säuberlich nach „Sprechhandlungstypen“ geordnet.

Jana Kiesendahls „Schlussbetrachtung“ samt „Fazit“ fällt differenziert aus. Das bemerkenswerteste Ergebnis – vierzig Jahre nach Studentenbewegung und Hochschulreform: Statusunterschiede bleiben bestehen und werden zuverlässig bestätigt. „Im hochschulischen Sprechstundengespräch ist auf der sprachlich-stilistischen Ebene […] die Niedrigpositionierung der Studierenden durch die Verwendung des Konjunktivs und andere Abschwächungssignale (‚vielleicht‘, ‚eigentlich’ usw.) ermittelbar. Zudem wird auf prosodischer Ebene vielfach Unsicherheit signalisiert (etwa durch Dehnungen, leises Sprechen, Anakoluthe) […].“

Für den E-Mail-Verkehr gilt Entsprechendes. Auch in diesem Medium „markieren die Studierenden ihren Status deutlicher als Lehrende“, wiederum durch Verwendung von Konjunktiv und Höflichkeitsmarkern. „Lehrenden-E-Mails weisen […] einen informelleren Schreibstil auf, der sich durch Kürze und elliptische Satzkonstruktionen auszeichnet“, denn „ die höhere Position der Lehrenden“ erlaubt „eher eine Abweichung von schriftlichen Konventionen“. „Die Lehrenden müssen ihren Status in der E-Mail-Kommunikation […] gar nicht so stark signalisieren, da dieser durch die Kontaktaufnahme der Studierenden und deren formellen Sprachstil bereits aktualisiert wurde“. Dies hat freilich zur Folge, dass der Status der Lehrenden durch einen informellen Schreibstil seitens Studierender in Frage gestellt werden kann: „Wird die informelle Stilschicht […] von ‚unten‘ nach ‚oben‘ initiiert, kann das für den Hierarchiehöheren durchaus statusbedrohend wirken.“

In einem breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang bestätigt Kiesendahls Arbeit, dass der technische Fortschritt – trotz neuen Medien und Internet, Open Source, Wikipedia und Wikileaks – durchaus kein Zeitalter der Demokratisierung einläutet, das Autoritäten politischer und gesellschaftlicher Art untergräbt. Die Dinge liegen komplizierter: Mag es zutreffen, dass beispielsweise das Medium E-Mail allgemein Formen des Umgangs begünstigt, die gemessen an Sitten vergangener Zeiten hemdsärmelig, unkompliziert, egalitär scheinen – auf akademischen E-Mail-Verkehr trifft dies nicht zu. Die Rang- und Rollenunterschiede bleiben, mit geringfügig veränderter Drapierung, bestehen: „Welches Medium auch gewählt wird, jede mediale Realisierung erlaubt es, mit sprachlichen Mitteln den organisatorischen Status und die institutionelle Rolle abzubilden. Eine Statusegalisierung konnte nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil: Die Analyse hat bestätigt, was Lehner/Ötsch (2006, 35) postulieren, nämlich: ‚Man kann sich nicht nicht positionieren.‘“

Titelbild

Jana Kiesendahl: Status und Kommunikation. Ein Vergleich von Sprechhandlungen in universitären E-Mails und Sprechstundengesprächen.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2011.
392 Seiten, 59,80 EUR.
ISBN-13: 9783503122431

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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2011 » Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaft
 

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Letzte Änderung: 16.03.2011 - 15:53:29
Erschienen am:23.03.2011
Lesungen: 2062
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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