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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2000 (2. Jahrgang) » Sachbücher » Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte
 
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Goethe war unser

Eine veritable Textsammlung zu Goethe, seiner und unserer Zeit

Von Rouven Obst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Goethejahr hatten es Publikation zum Thema Goethe, ob der Menge von Beiträgen, schwer. Gerade die Fülle veranlasst zu fragen und sich kritisch einer sorgfältigen Rezeption und Sondierung zuzuwenden. Unter dieser Maßgabe - der Rezeptionskritik - steht dann einiges in neuem Licht, was bezüglich Goethe gedacht beziehungsweise verbreitet wird und wurde. Diesem Gedanken folgt auch Klaus F. Gille, in Amsterdam lehrend, in seinen historisch rekonstruktiven Beiträgen, die unter der Herausgeberschaft von Hannelore Scholz mit einem Geleitwort von Karl Robert Mandelkow im trafo verlag, Berlin, erschienen sind.

Es sind hier Aufsätze zusammengestellt worden, die für jeden, der getrost das Goethejahr einen einfachen Geburtstag sein lässt, eine fundierte Auseinandersetzung mit Goethe und seiner Wirkung bieten - von den Ursprüngen bis zu den Nachkriegsverwertungen. Der Autor versammelt in den vorgelegten Aufsätzen beachtliches an Rezeptionsgeschichte, um das Konstrukt der Goetheerhebung nachzuzeichnen. Er bearbeitet in kritischer Manier die von Karl Robert Mandelkow in "Goethe in Deutschland und Goethe im Urteil seiner Kritiker" geleistete Vorarbeit, in der dieser große Teile der Goetherezeption zusammengestellt hat. Würdig tritt er eine streitbare Auseinandersetzung mit dem von Mandelkow vorgelegtem Material an. So wird beispielsweise elegant vorgeführt, unter welchen Bedingungen Goethe sich selbst bereits zu Lebzeiten zu inszenieren wusste und inszenieren musste - der Rang des Nationaldichters wurde ihm von Teilen der Öffentlichkeit schon damals zugewiesen. Aus diesem romantischen Bedürfnis einer nationalen Sammlung heraus, wurden später seine Werke instrumentalisiert, wie Gille insbesondere an den Aufsätzen mit Bezugnahme auf Goethes "Faust"-Texte nachweist.

Der Großteil des vorliegenden Buches ist den Aufsätzen vorbehalten, in denen Gille anhand von Werk und Wirkungsgeschichte, die er nachzuzeichnen versucht, die Beschaffenheit und historische Wirksamkeit unter anderem des "Werther", der "Natürlichen Tochter", des "Epimenides Erwachen", des "Torquato Tasso" und des "Faust" untersucht. In der zweiten Abteilung des Buches befasst sich der Autor mit hervorstechenden Momenten der Gesamtrezeption Goethes und der "Klassik" in den letzten beiden Jahrhunderten. Seine Ausführungen kreisen um spezifische schriftliche Bezeugungen und deren moderne Auslegung mit Blick auf das Rezeptions(selbst)verständnis des Lesers und seiner Zeit.

Modern heißt in diesem Falle einer von Gadamer angedachten Hermeneutik folgend, sowie dem sozialhistorischen Rekonstruktionsanspruch eines Habermas in der Tradition der Frankfurter Schule, als auch dessen kommunikationstheoretischen Ansatz.

Gille vermag es auf hervorragende Weise, das Kanonisieren des Dichters Goethe in seinem befremdlichen Lauf nachzuweisen, einige fragwürdige Überlieferungen zu entschleiern und in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen. Nicht nur für die Goetheforschung ein unabdingbares Muss. Sein Bemühen kann dahingehend gedeutet werden, "Goethe als Dichter der Moderne" zu erhalten. So geht es ihm weniger darum, Goethe totzureden, noch ihn jenseits von Gut und Böse kaltzustellen oder ihn gar - uneingestanden und indirekt - zu instrumentalisieren; vielmehr geht es Gille um das Schaffen eines Bewusstseins für die Gefahr, dass "Kanonisierung in Mumifizierung umschlägt". Trotz dieser Probleme weiß er um die Bedeutung eines Kanons als gesellschaftliches Dialogfeld; denn er selbst nutzt diesen kanonisierten Goethe nicht nur als Untersuchungsobjekt, sondern eben auch als Medium.

Kritisch befragen ließe sich das theoretische Fundament der Untersuchungen: die historische Rekonstruktion. Ein derartiges Unterfangen droht an den begrenzten Möglichkeiten des bestimmenden Horizontes, dem des Interpreten, zu scheitern. Und doch scheint es unverzichtbar aufgrund unseres ständigen Fragens; denn so vermögen die rekursiven Betrachtungen in ihrer notwendigen "Beschränktheit"

den vergangenen Diskurs anzureißen. Dadurch erfährt in Gilles Beiträgen, das was Gadamer bezüglich seiner hermeneutischen Überlegungen "Horizontverschmelzung" nannte, eine spürbare und positive Erfüllung.

Aufgrund der Vielfalt des Dargelegten und Ausgelegten kann das Buch selbstredend keine tiefgehende Wirkungsexegese der einzelnen Aspekte bieten. Diese Arbeit bleibt noch zu tun. Die geleistete Arbeit bietet gleichwohl einen neuen Blickwinkel, mit dem Gille das "klassische" Erbe in seinem jeweiligen Zeitkontext verortet. Mit den vorliegenden Artikeln bietet das Buch mehr als nur Versatzstücke einer Goetheforschung.

Die Zusammenstellung der Aufsätze durch Hannelore Scholz vermag es, durch die heterogene Aufsatzsammlung hindurch einen imaginären roten Faden zu spinnen, der über die einzelnen Werkuntersuchungen zu einer gesamten Klassik- und Kulturbewertung führt. Das grundlegende Motiv dieser Befragungen, die historische Kritik, verdichtet sich alsdann zu einer kritischen Theorie, mit der Gille kulturelle Dogmen und Paradigmen nebst Ursachen und Wirkungen sichtbar machen möchte, wie es schon der Titel "Zwischen Kulturnation und Nationalliteratur" nahelegt.

Besonders beachtungswürdig erscheinen die sich ergänzenden Beiträge zur politischen Haltung und entsprechenden (Be-)Achtung Goethes zu Zeiten der napoleonischen Kriege. Hier werden von Gille, ohne Polemik - wie es für das Buch kennzeichnend ist - die bezeugten Haltungen Goethes in ihrer Widersprüchlichkeit überzeugend dargelegt. Es kommt dabei ein problembewusster Goethe zum Vorschein, der sich mit einer für ihn befremdlichen bürgerlichen Modernisierung konfrontiert sieht.

Ebenso bemerkenswert wenn auch problematischer sind die Ausführungen zur "Faust"-Rezeption und -mystifizierung im Deutschen Reich zwischen 1871 und 1918 sowie in der DDR. Denn an dieser Stelle bleibt die ungute Vermutung, daß die von Gille behauptete Parallelität der Funktionalisierung des "Faust"-Stoffes in diesen beiden Perioden einer Vereinfachung durch die historische Brille geschuldet ist. So gewinnt der bereits vorgetragene Einwand gegen die Tragweite einer beabsichtigten historischen "Rekonstruktion eines Gesamtsystems", wie sie in dem von Mandelkow beigetragenen Geleitwort hervorgehoben wird, wieder an Gewicht.

Trotz alledem bleibt diesen rekonstruktivistischen Bemühungen die Errungenschaft aus dem Kanon ausgeschlossene oder unterschätzte literarische Werke wieder Beachtung finden zu lassen, wie in den Beiträgen zu Johann Carl Wezels Roman "Belphegor" und Bettina von Arnims Werk "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" geschehen. Gille verdeutlicht an diesen beiden Fällen, wie ideologische Verbrämung zum Ausschluss von Werken aus dem Diskurs führen kann. Oder haben diese sich durch ihren "unzeitgemäßen" Charakter womöglich selbst ausgeschlossen? Wo fängt kulturelle Hegemonie an? Wie stand es mit einer schreibenden Frau, die sich zu einem "Nationaldichter" Goethe verhielt? Inwieweit war diese Geringschätzung geschlechterspezifisch bedingt? Fragen, die von Gille nicht abschliessend geklärt werden (können). Das Augenmerk aber auf eben diese interessegeleitete Rezeption und Wirkung zu richten, bleibt zweifellos ein unschätzbarer Verdienst dieses Buches.

In den anschließenden Aufsätzen zur Klassikrezeption im zweiten Teil des Buches zeichnet Gille die Wege nach, die die deutsche schöngeistige Elite beschritt, nach dem sie der "deutsche Sonderweg" zur "Revolution im Geiste" drängte. Für ihn bleibt das völkische und nationale Moment der Romantik, als auch die stark idealisierte Antikerezeption der Klassik immer ein "falsches" - besser problematisches - Bewusstsein, das seine Wahrheit im Diskurs zu behaupten wusste - mit den entsprechenden Folgen, nicht nur für die Rezeption.

Denn die Sprache, die Gille bemüht, die schon vor ihm bemüht wurde und die hier bemüht wird, entkommt ihrer Schuldigkeit nicht. Es bleibt trotzdem das Diktum Gadamers: "Sein das Verstanden werden kann, ist Sprache." Sprache ist eine (historische) Rekonstruktion. Mit diesem Buch zur Goetheforschung behauptet sich ein Segel hart am Wind.

Kein Bild

Klaus F. Gille: Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur. Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit.
trafo verlag, Berlin 1998.
308 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3896261142

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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2000 (2. Jahrgang) » Sachbücher » Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:30
Erschienen am:01.09.2000
Lesungen: 4630
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