„Ihre Version des Spiels“

Über Yasmina Rezas neues Theaterstück

Von Andreas HudelistRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Hudelist

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit ihren Theaterstücken „Kunst“, „Drei mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ avanciert Yasmina Reza zu einer der meistgespieltesten Theaterautorinnen. Letztgenanntes Stück wird Ende des Jahres in den USA sogar in einer Verfilmung von Roman Polanski in die Kinos kommen. Die Hauptrollen übernahmen dafür Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly.

Nun liegt ihr neues Theaterstück „Ihre Version des Spiels“ vor, welches im September 2012 im Deutschen Theater Berlin seine Uraufführung erleben soll. Darin liest die Protagonistin, die Autorin Nathalie Oppenheim, bei einer Lesung in einem Provinzstädtchen aus ihrem neuen preisgekrönten Roman „Das Land des Überdrusses“. Interviewt wird sie dabei von der Journalistin Rosanna und dem Bibliothekar Roland, welcher auch selbst schreibt. Beide bedrängen die Autorin immer wieder, biografische Elemente des Romans zuzugeben. Doch sie schweigt über ihre persönliche Vergangenheit und versucht so wenig wie möglich aus ihrem Privatleben zu verraten. In ihrem Roman beschäftigt sie sich auch mit dem Problem der von der Autorin sich loslösenden Figuren und deren Verselbstständigung. Der beim Schreiben einst nah und vertraute Text wird ihr nach dem Druck plötzlich fremd. So liest Nathalie über die Schriftstellerin in ihrem Roman, welche gerade das Buch „Ihre Version des Spiels“ veröffentlicht hat, vor: „Als meine allerersten Bücher bei mir ankamen, fand ich sie blendend schön. Es war schon traurig genug, dass ich bei diesem Buch weder aufgeregt war noch Vorfreude empfand, aber ich hatte nicht damit gerechnet, mich so vollkommen entmutigt zu fühlen. Kaum war es aus der Noppenfolie heraus, kam mir Ihre Version des Spiels vor wie ein Buch aus zweiter Hand. Es fasste sich nicht gut an, es möchte keinerlei spürbare Freude, es löste vielmehr völlige Gleichgültigkeit aus, als wäre es das Buch eines anderen, das ich nicht mal besonders gern lesen würde.“

Rezas Schauspiel möchte nicht mit den voran gegangen Stücken hinsichtlich komödiantischen und sprachspielerischen Elementen konkurrieren, sondern thematisiert in den Dialogen zwischen der Schriftstellerin, der Journalistin und dem Bibliothekar das Wechselspiel zwischen Privatem, Kunst und Öffentlichkeit.

In diesem Zusammenhang verweist Reza vielleicht auch auf den französischen Literaturwissenschaftler Roland Barthes, welcher vom Tod des Autors sprach und diesem damit die alleinige Macht nahm, über seine Geschichten zu verfügen. Denn was schlussendlich verstanden und verarbeitet wird, hängt allein vom Lesenden ab. Barthes hat daraufhin den Begriff des Skriptors geprägt und wollte damit verdeutlichen, dass man keinen Text neu erfindet, sondern nur innerhalb der Sprache zusammentragen kann. Es könnte sein, dass die Schriftstellerin im Theaterstück dieses Problem vor Augen hat, als sie am Ende des Stückes sagt: „Ich fürchte mich davor, nichts schreiben zu können, ganz gleich was, das mich beim Wiederlesen nicht erschreckt.“ Ob „Ihre Version des Spiels“ in der Lage sein wird seine Rezipienten zu erschrecken, wird letztlich von den jeweiligen Inszenierungen des Schauspiels abhängen.

Titelbild

Yasmina Reza: Ihre Version des Spiels. Schauspiel.
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Sschmidt-Henkel.
Libelle Verlag, Lengwil-Oberhofen 2011.
85 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783905707465

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