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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 
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Resonanzboden der Poesie

Paul Wühr - gelesen und interpretiert

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Franz Josef Czernis Essay über Paul Wühr beginnt unangestrengt leicht und sympathisch: Wir sitzen in der Häschenschule, lernen lesen und versuchen, "das Gedicht so zu lesen, daß es aus Sätzen besteht". Und wer Paul Wührs Gedichte und ihre Syntax kennt, weiß, daß damit schon ein hoher Anspruch formuliert ist. Czernin bietet uns vier Lesarten eines Gedichts, das den Zyklus "Salve Res Publica Poetica" von 1997 eröffnet: es steht nicht nur am Anfang, es thematisiert ihn auch. Freilich, hier wird es komplex: Der Interpret bietet uns Lesarten an, die nur zum Teil als textökonomisch sinnvoll und legitimiert erscheinen können.

Wührs Gedichte sind in vielfacher Hinsicht offen und mehrdeutig. Elliptische Formulierungen sind als Aufforderung zu lesen, die Syntax aus dem "Angebot" des Textes selbst zu ergänzen. Sie intendieren nicht, ihn spekulativ mit ergänzenden Wortangeboten zu paraphrasieren und zu deuten. Hier führt uns Czernin bisweilen auf Abwege, die eingedenk der mehrfachen Strukturierbarkeit der Bauformen des Gedichts vermeidbar wären.

Czernins Häschenschule mausert sich rasch zum anspruchsvollen Seminar, wo es um die theoretisch-philosophischen Bedingungen des Wührschen und des eigenen Dichtens geht. Czernin und Wühr geht es darum, Poesie als Form des Denkens und Sprache und Syntax in ihrer erkenntnisstiftenden Funktion zu beschreiben. So liest Czernin aus Wührs Texten "Philosopheme" heraus, die zu einer "Poesie der Philosophie" führen sollen, die umfassender, dynamischer und "prozeßhafter" ist als der streng geregelte theoretische Diskurs der Philosophie selbst.

So führt hier die Analyse von Poesie ins Denken und vom Denken in die Poesie zurück. Czernin ist anregend, wo er den Widerspruch herausfordert, zumal er die Bedingungen seiner Analysen unter dem Eindruck fortschreitender Erkenntnis laufend revidiert. Paul Wührs Poesie bekommt hier ihren ganz eigenen Resonanzboden. Da ist es gut, sich immer auch seiner "Lesarten" zu vergewissern, ist es ideal, wenn man den Dichter selbst hören kann. Seit Ende letzten Jahres liegt im HörVerlag eine opulente, ziemlich umfassende Einspielung (75 Minuten Laufzeit) mit Wühr selbst als Sprecher vor. Von den frühen Gedichtbänden "Grüß Gott" (1976) und "Rede" (1979) über "Sage" (1988) bis hin zu "Salve" ist beobachtbar, daß Paul Wühr den Einzeltext immer stärker in Zyklen eingebunden hat. Diese zunehmende Verdichtung und Perspektivierung seines poetischen Werkes führt er selbst am eindrucksvollsten vor.

Titelbild

Paul Wühr: Ich unterstehe mich. Gedichte, gesprochen vom Verfasser. Compact-Disc.
Der Hörverlag, München 1998.
75 Min., 16,40 EUR.
ISBN-10: 3895845655
ISBN-13: 9783895845659

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Titelbild

Franz Josef Czernin: Dichtung als Erkenntnis. Zur Poesie und Poetik Paul Wührs.
Literaturverlag Droschl, Graz 1999.
150 Seiten, 14,30 EUR.
ISBN-10: 3854205090

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:34
Erschienen am:01.05.1999
Lesungen: 5853
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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