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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Schwerpunkt: Kapitalismus » Rezensionen
 
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Vom Schlachten der heiligen Kuh

Der Ökonom Tim Jackson wendet sich in „Wohlstand ohne Wachstum“ gegen den vermeintlichen Zwang zu grenzenlosem Wirtschaftswachstum

Von Susanne HeimburgerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susanne Heimburger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ökonomen lösen gerne Optimierungsprobleme – sie maximieren Gewinne oder Output oder minimieren Kosten unter gegebenen restriktiven Bedingungen. Schade nur, dass sie dabei gerne die bedeutendste Restriktion, nämlich die Endlichkeit unserer Welt insgesamt, gerne in den Hintergrund drängen. Wirtschaftswachstum heißt die heilige Kuh unserer Tage, und Politiker werden nicht müde zu betonen, dass ohne kontinuierliches Wachstum die ökonomische und soziale Katastrophe drohe. Wenn eine Ökonomie wächst, verbraucht sie aber auch mehr Ressourcen; gleichzeitig nimmt die Weltbevölkerung zu. Man merkt sehr schnell – hier läuft etwas gehörig schief. Und dennoch trauen sich nur wenige, offiziell diese heilige Kuh zu schlachten. „Wachstum in Frage zu stellen, gilt als Akt von Wahnsinnigen, Idealisten und Revolutionären“ – so Tim Jackson selbst. Dennoch tut er genau das in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“.

Nun ist Jackson durchaus geistig zurechnungsfähig, und auch in seinem Lebenslauf deutet nichts darauf hin, dass man es hier mit einem weltfremden Öko-Radikalen zu tun hat. Der Ökonom und ehemalige Umweltberater der britischen Regierung ist derzeit Professor für nachhaltige Entwicklung an der University of Surrey. Man kann also davon ausgehen, dass er weiß, wovon er spricht.

Bei Jackson geht es um ökologische Nachhaltigkeit ebenso wie um soziale Gerechtigkeit und gutes Leben im Allgemeinen. Das klingt zunächst nach schönem Wunschdenken und Träumen von einer besseren Menschheit. Dennoch möchte er seine Vorstellung einer neuen Wirtschaftsordnung nicht als Utopie verstanden wissen, sondern demontiert – im Gegenteil – den aktuell unter Ökonomen weit verbreiteten Irrglauben, effizientere Technologien könnten die negativen ökologischen Auswirkungen einer wachsenden Wirtschaftstätigkeit auffangen. „Absolute Entkopplung“, also ein Rückgang der Umweltbelastung bei gleichzeitig ungebremstem Wirtschaftswachstum, ist laut Jackson schlicht und ergreifend nicht möglich. Um das zu beweisen, packt er das mathematische Werkzeug der Wirtschaftswissenschaftler aus und führt ihnen mit harten Zahlen ihre eigene Betriebsblindheit vor Augen.

Ganz ehemaliger Regierungsberater, präsentiert Jackson am Ende des Buches dann ein 12-Punkte-Programm, das den Wandel herbeiführen soll. Wesentlicher Kern ist dabei auch die Entwicklung eines neuen Wohlstandsbegriffs, der sich nicht ausschließlich aus ökonomischen Größen errechnet. Das Bruttoinlandsprodukt ist in Jacksons Augen zwar dazu geeignet, die wirtschaftliche Aktivität eines Landes zu messen, aber kein Indikator für echten Wohlstand. Diesen definiert Jackson als „die Fähigkeit des Menschen zu gedeihen – und zwar innerhalb der ökologischen Grenzen eines endlichen Planeten“. Dass dies nur auf der Basis eines gewissen materiellen Wohlstands möglich ist, versteht sich von selbst. Und dass viele Länder diese materielle Basis noch nicht erreicht haben und Wachstum hier durchaus vonnöten ist, ebenso. Aber ab einem gewissen Punkt bringt ein Mehr immer weniger – das wissen sogar Ökonomen und haben auch einen eigenen Begriff dafür: den „abnehmenden Grenznutzen“.

Gerichtet ist das Buch aber vorwiegend an ein ökonomisches „Laienpublikum“, gibt Jackson doch nebenbei eine Einführung in die Makroökonomie und weitere volkswirtschaftliche Grundlagentheorien. Ob das dem Verständnis seiner Ausführungen tatsächlich zuträglich ist, sei dahingestellt. (Manch einer wird sich an diesen Stellen vielleicht sogar gedanklich ausklinken oder weiterblättern.) Zumindest aber erweckt es den Eindruck wissenschaftlicher Fundierung und Seriosität. Denn vieles, was Jackson zu sagen hat, ist jedenfalls im Kern nichts, was man sich nicht auch mit gesundem Menschenverstand erschließen könnte – und vielleicht auch schon getan hat.

Dennoch bedarf es vielleicht gerade der Stimme eines angesehenen Ökonomen wie Jackson, um überzeugend den Ernst der Lage vor Augen zu führen. Bezeichnenderweise kam fast zeitgleich mit der deutschen Übersetzung von Jacksons „Wohlstand ohne Wachstum“ der fast gleichnamige Titel des deutschen Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel, einst Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, auf den Buchmarkt. Miegels Ausführungen nehmen eine ähnliche Stoßrichtung wie jene Jacksons – ein Zeichen dafür, dass die Wachstumskritik, lange Zeit abgetan als die Hirngespinste angeblich halbinformierter Spinner, allmählich in seriöses Fahrwasser gerät.

Titelbild

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt.
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Leipprand.
oekom Verlag, München 2011.
239 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783865812452

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Letzte Änderung: 26.10.2011 - 16:52:32
Erschienen am:26.10.2011
Lesungen: 1764
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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