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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Fremdsprachige Literatur
 
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Bitterböse Abrechnung

Michela Murgia erzählt in „Camilla im Callcenterland“ von ihren Erfahrungen als Telefonistin bei einer Staubsaugerfirma

Von Susanne HeimburgerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susanne Heimburger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Guten Tag, Signora. Ich bin Camilla de Camillis von der Kirby aus Entenhausen, Sie kennen mich nicht. Ich erkläre Ihnen sofort, warum ich Sie anrufe […]“ – mit diesem Satz beginnen die Telefonistinnen einer amerikanischen Staubsaugerfirma in „Camilla im Callcenterland“ ihre Telefonattacken auf nichtsahnende Hausfrauen. An die 100 Mal am Tag wiederholen sie diese Einleitungsformel, in der Hoffnung, möglichst viele Vertretertermine vereinbaren zu können. Denn je mehr Termine zustande kommen, desto höher ihre Prämie; wer zu häufig unter der Mindestmarke bleibt, wird dagegen gefeuert. So einfach ist das.

Natürlich gibt es weder ein Entenhausen noch eine Camilla de Camillis. Aber von den Namen abgesehen, ist in Murgias Buch, trotz der Märchen- oder Comicanklänge, nichts erfunden. Allenfalls wird eine Realität satirisch auf die Spitze getrieben, die heute für viele alltäglich ist. Es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse, mit denen sich eine ganze Generation aktuell konfrontiert sieht. Für einen Hungerlohn schuftet sie sich ab, die drohende Kündigung immer vor Augen.

Die italienische Autorin Michela Murgia, studierte Theologin, hat diese Arbeitswelt hautnah miterlebt. Vor ein paar Jahren arbeitete sie selbst für einige Zeit in einem Callcenter, um überrumpelten Hausfrauen eine Gratis-„Kompletthygienisierung“ von was auch immer aufzuschwatzen, die natürlich unweigerlich in einen Kaufvertrag für den Wunderstaubsauger mit „NASA-Patent“ münden sollte. Ihre Erlebnisse in dieser Zeit verarbeitete Murgia in einem Internetblog unter dem Titel „Il mondo deve sapere“ (= die Welt soll es erfahren), der 2006 in Italien dann auch als Buch erschien. 2011 liegt es nun schließlich in deutscher Übersetzung vor. So etwas Ähnliches gab es auf dem deutschen Buchmarkt schon einmal mit Anna Sams „Die Leiden einer jungen Kassiererin“: Auch die Französin Sam schlug sich nach einem Literaturstudium als Supermarktkassiererin durch, bis ihr Buch – ebenfalls aus einem Blog entstanden – ihr schließlich zu ungeahntem Erfolg verhalf.

Viele der heutigen Autoren schleichen sich also nicht mehr wie einst Günter Wallraff inkognito unter die arbeitende Bevölkerung, um ihre Ergebnisse anschließend in einer schockierenden Reportage zusammenzufassen. Sie stecken oft einfach mittendrin. Dementsprechend verfolgen Autorinnen wie Sam oder Murgia im Moment des Schreibens nicht ein groß angelegtes sozialpolitisches Ziel, sondern es geht zunächst einmal um die persönliche Verarbeitung des Erlebten. Murgia versuchte in ihrem Blog dem alltäglichen Wahnsinn Herr zu werden, dem Psychoterror durch hinterhältige Motivationsstrategien, die unter anderem darauf abzielen, einen harten Konkurrenzkampf unter den Telefonistinnen zu schüren. Ihre Mittel sind bitterer Sarkasmus und Ironie. So liest sich ihr Buch durchaus amüsant – von der Schilderung der internen Psychospielchen über die Kategorisierung der einzelnen Hausfrauentypen bis hin zu entsprechend ausgestalteten Telefonstrategien. Dennoch lässt die Bissigkeit des Erzähltons deutlich durchscheinen, dass es im Grunde nichts zu lachen gibt. Darauf weist Murgia im Nachwort zu ihrem Buch hin und spricht sogar von „Exorzismus“.

Das Buch ist – im Stile eines Blogs eben – kurz gehalten, und die sarkastische Abrechnung mit den unsäglichen Arbeitsverhältnissen hätte sicherlich nicht über wesentlich mehr Seiten hinweg getragen. In seiner kurzen, eher handlungsarmen, dabei aber umso effektvolleren Form präsentiert „Camilla im Callcenterland“ jedoch eine sehr unterhaltsame Möglichkeit, auf die Missstände in der Arbeitswelt aufmerksam zu machen, ohne schulmeisterlich oder dröge daherzukommen. Es hat dabei – zumindest nach seinem Erscheinen in Italien – wahrscheinlich mehr Wirkung gehabt, als so manch ein empörter oder vielleicht sogar jammernder Bericht aus der bösen Welt der abhängig Beschäftigten. Nach eigenen Angaben konnte sich Murgia nach Erscheinen des Buchs vor E-Mails kaum noch retten, in denen sie darum gebeten wurde, die mediale Aufmerksamkeit ihrer Neuerscheinung zu nutzen, um das Thema im öffentlichen und politischen Bewusstsein wachzuhalten. Das hat sie dann auch getan.

Unlängst inspirierte Murgias „Camilla im Callcenterland“ den italienischen Regisseur Paolo Virzi zu einer Filmadaptation, in der es ereignisreicher und fast noch verrückter, aber auch dramatischer zugeht als in der literarischen Vorlage. „Das ganze Leben liegt vor dir“ heißt die Komödie, bei der wohl manch einem das Lachen im Halse stecken bleiben dürfte.

Titelbild

Michela Murgia: Camilla im Callcenterland.
Übersetzt aus dem Italienischen von Julika Brandestini.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011.
139 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783803126672

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Letzte Änderung: 17.11.2011 - 10:41:44
Erschienen am:17.11.2011
Lesungen: 1724
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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