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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Krimis
 
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„Das Böse braucht kein Motiv…“

Georg Haderer lässt in „Der bessere Mensch“ seinen Wiener Polizeimajor Schäfer bereits den dritten Fall lösen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Krimis aus Österreich haben sich in den letzten beiden Dekaden einen Ruf erworben. Wolf Haas mit seinen Brenner-Romanen ist daran nicht ganz unschuldig. Inzwischen erwartet man fast, dass das Personal in einem austriakischen Spannungsroman skurril ist, die Sprache ein bisschen provinziell-verschroben daherkommt und der Humor als (Stief-)Bruder des Grauens auftritt. Und ob du es glaubst oder nicht (um noch einmal den Simon Brenner ins sprachliche Spiel zu bringen): Ein Gutteil der Autoren, die Jahr für Jahr antreten mit Büchern, welche zwischen Vorarlberg und dem Burgenland, Niederösterreich und Kärnten kriminalistisch angesiedelt sind, setzt genau auf diese Eigenart.

Bei Georg Haderer freilich liegen die Dinge anders. „Der bessere Mensch“ ist bereits der dritte Roman um den Wiener Polizeimajor Johannes Schäfer. Der hatte bereits in den beiden Vorgängerbüchern wenig zu lachen und daran ändert sich auch nichts, wenn nun der Ex-Chef einer rechtsextremen Partei tot in seiner Wohnung aufgefunden wird und Schäfer den unappetitlichen Fall übernehmen muss. Bald hat der 42-Jährige, der gerade mittels eines Pillencocktails aus einer depressiven in eine manische Phase rutscht, noch ein weiteres Tötungsverbrechen am Hals. In der Wohnung seiner Eltern wird ein türkisches Mädchen mit einem Küchenmesser in der Brust aufgefunden. Der Täter scheint ihr Vater zu sein und dessen hartnäckiges Leugnen der offenkundigen Tatsachen bringt den Major dazu, ihn ein wenig gröber als angemessen anzufassen. Kurz darauf sieht er sich strafversetzt nach Salzburg. Doch die Wiener Fälle verfolgen ihn bis in das unfreiwillige Exil.

Haderers Polizeiroman punktet mit einer Hauptfigur, die genug Ecken und Kanten besitzt, um das Interesse des Lesers auf sich zu ziehen. Schäfers hochfahrender Charakter, sein rüder Umgangston auch gegenüber Kollegen und Vorgesetzten, die übereilte Art, mit der er immer wieder andere und zuletzt sich selbst in tödliche Gefahren bringt, werden ausbalanciert durch die Liebesgeschichte mit der am Europäischen Gerichtshof in Den Haag tätigen Freundin Isabel und das auch komische Seiten aufweisende Verhältnis zu seinem neuen Nachbarn Wedekind, der ihm nach Dienstschluss die Spannungen wegmassiert. Der Zorn des engagierten Polizisten ist gerecht, auch wenn er sich gelegentlich in politisch äußerst unkorrekte (Sprach-)Formen kleidet, und an die ewige Rechthaberei haben sich seine Mitarbeiter, an deren Profil Haderer, wie man lesen konnte, in Zukunft noch genauer arbeiten will, schon fast gewöhnt.

Die überraschendste Wendung jedenfalls nimmt Johannes Schäfers aktueller Fall, wenn der Mörder des Extremisten Hermann Born an seinem nächsten Tatort Haare hinterlässt, anhand derer er identifiziert werden kann. Denn Paul Kastor, zu dem die DNA-Spur plötzlich führt, ist lange tot. Der brutale Serienmörder, mit dem es die Wiener Polizei vor 15 Jahren zu tun bekam, hatte sich damals, in die Enge getrieben, nahe Salzburg selbst gerichtet. Wer also versteckt sich heute so gekonnt hinter seiner Identität? Und was hat es damit auf sich, dass der Unbekannte seinen Opfern das Gesicht mit Phosphorsäure zu zerstören trachtet, nachdem sie bereits tot sind?

Die bizarre Auflösung des Falls – flankiert von der ebenso unerwarteten Wahrheit um den Tod des türkischen Mädchens – führt Haderers Kriminalistenteam weit in die Vergangenheit zurück. Fragen nach dem Ursprung des Bösen kommen plötzlich ins Spiel – und nach dessen Therapierbarkeit. Kann man aus einem Psychopathen einen guten Menschen machen? Oder ist der Versuch, das Böse aus einem Körper herauszubrennen, nicht selbst ein Verbrechen? Viktor Frankenstein fällt einem ein, wenn man die letzten Seiten von „Der bessere Mensch“ liest. Ein Vergleich, der Haderers Roman einbindet in eine für den Kriminalroman unserer Tage nicht unbedingt übliche Traditionslinie. Und in das ganz aktuelle Gespräch darüber, ob Gewalttäter mit starken psychischen Defekten resozialisiert werden sollten.

Titelbild

Georg Haderer: Der bessere Mensch. Kriminalroman.
Haymon Verlag, Innsbruck 2011.
328 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783852186313

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Letzte Änderung: 10.11.2011 - 14:33:51
Erschienen am:10.11.2011
Lesungen: 1341
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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