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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Literaturwissenschaft
 
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Vom Literaturstreit bis zum Stirnschnitt

Ein Sammelband von Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser sortiert Schriftsteller-Inszenierungen

Von Marc Reichwein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Splatterfilm-Ästhetik erobert die Buchdeckel der Literaturwissenschaft: Auf dem Cover des Bandes „Schriftstellerische Inszenierungen – Typologie und Geschichte“ prangt eine blutige Rasierklinge. Wer hier Rainald Goetz assoziiert, der sich 1983 in Klagenfurt in die Stirn geritzt und damit Literaturbetriebsgeschichte geschrieben hat, liegt instinktiv richtig: Die Bluttat schmückt auch bereits andere Publikationen zur Inszenierung von Literatur.

Als Werkzeug ist die Rasierklinge längst ikonisch geworden. Sie steht für eine prototypische Inszenierung – die Selbstverletzung vor laufenden Kameras – und stimmt symbolisch auf das Anliegen des vorliegendes Buches ein: Um die „Klassifikation und Interpretation schriftstellerischer Inszenierungspraktiken“ soll es gehen – genauer gesagt um „textuelle, paratextuelle und habituelle Techniken und Aktivitäten“, mit denen Schriftsteller „öffentlichkeitswirksam für ihre eigene Person, für ihre Tätigkeit und/oder für ihre Produkte Aufmerksamkeit erzeugen“.

Dass diese (werkexterne) Dimension des Schriftstellertums gern verleugnet wird und auch literaturwissenschaftlich lange ignoriert wurde, gehört zur so genannten „illusio“ des literarischen Feldes. Also jener von Pierre Bourdieu beschriebenen Logik, mit der die literarische Öffentlichkeit alles Ökonomische vordergründig verleugnet, um hinterrücks nicht weniger perfide als Ökonomie der Aufmerksamkeit zu funktionieren. Teil dieser Logik ist es auch, dass Schriftsteller seit der Herausbildung des autonomen Kunstsystems Markierungen brauchen. Jede Inszenierung von eigener oder fremder Seite (beide Varianten lässt der Sammelband heuristisch zu) ist in diesem Zusammenhang als Teil einer mehr oder minder bewussten Markenbildung zu sehen.

In einer klugen, konzisen Einleitung machen sich die Herausgeber des vorliegenden Bandes zunächst Gedanken über den Phänomenbereich schriftstellerischer Inszenierungen und reflektieren sodann Methoden und Konzepte ihrer Analyse. Ein solcher systematisierender Ansatz war mal fällig in einer Literaturwissenschaft, in der die Einzelbefunde über Autorinszenierungen seit Jahren stetig zunehmen: Das Spektrum reicht von Sammelbänden bis hin zu Spezialstudien, etwa zur Inszenierung literarischer Debüts in der Mediengesellschaft. Auch praktisch inspirierte Ratgeber liegen vor. Danach kann sich heute kein Schriftsteller mehr aufs Kerngeschäft, sprich das bloße Schreiben von Texten, verlassen. Er muss auch als Öffentlichkeitsarbeiter, Netzwerker und Unternehmer seiner selbst fungieren.

Deutlich wird: Der Referenzraum schriftstellerischer Inszenierungen lässt sich mit philologischen Mitteln allein nicht fassen. Inszenierungen beschränken sich selten auf den literarischen Text oder seine (paratextuelle) Umgebung; sie gelten häufig auch der Person des Schriftstellers und umfassen alles, was man mit Bourdieu zum Habitus rechnen kann: Autorenfotos, Internetauftritte, Gruppenzugehörigkeiten. Inszenierungsphänomene realisieren sich vielfach jenseits der Literatur und über das Medium der Sprache hinaus. Das Arsenal reicht von Lifestyle-Signalen über politische Präferenzen bis hin zur Sexualität des Autors. Schon Gérard Genette wollte Marcel Prousts Homosexualität als Paratext verstanden wissen.

Wichtig für die wissenschaftliche Methodik ist der Hinweis, dass sich schriftstellerische Inszenierungspraktiken nur insoweit analysieren und rekonstruieren lassen, als sie in irgendeiner Form medial dokumentiert oder archiviert sind. Zur Medialität gehört auch der Aspekt, dass schriftstellerische Öffentlichkeitsstrategien oft auf Inszenierungslogiken der Medien beziehungsweise Rollenbilder früherer Autoren reagieren. Insofern lässt sich Literaturgeschichte einmal ganz anders erzählen: als stetige Abnutzung oder auch Erneuerung etablierter Aufmerksamkeitsstrategien im Literaturbetrieb.

Der exemplarische Teil des Buches versammelt diverse Beispiele – allesamt Beiträge einer 2009 zum Thema abgehaltenen Tagung – und sortiert in drei diachron gegliederte Abschnitte. Ein Fallbeispiel für Inszenierungspraktiken vor der Entstehung des literarischen Marktes beleuchtet Christoph Deupmann (Karlsruhe) mit seinem Beitrag über den „Leipzig-Zürcher Literaturstreit“. Hier zeigt ein Blick auf die publizistischen Voraussetzungen der berüchtigten Kontroverse zwischen Gottsched und seinen Kontrahenten Bodmer und Breitinger: Erst der im Zeitalter der Aufklärung entstandene Zeitschriftenmarkt hat eine Polemik in dieser Form möglich gemacht. Entscheidend war das neue Medium der Zeitschrift: Ihre Periodizität verlieh den Positionen und Gegenpositionen dynamisch neue Nahrung und sorgte so für jene Bewirtschaftung des Streits, wie sie Feuilletondebatten bis heute kennzeichnet. Gottsched versuchte, seine publizistische Defensivposition durch symbolisches Kapital zu kompensieren. Doch seine Idee einer Dichterkrönung von Christoph Otto von Schönaich war bereits 1752 antiquiert. Denn die Definitionsmacht für das, was als vorbildliche Literatur anerkannt wurde, hatte der rituelle Lorbeerkranz längst an die öffentliche beziehungsweise veröffentlichte Meinung verloren. Insofern ist der Fall ein schönes Beispiel für die Ablöse überholter Inszenierungspraktiken durch neue.

Das Gebot des literarischen Marktes, sich einen Namen zu machen, setzt sich mit der Idee individueller Autorschaft um 1800 immer mehr durch. Es gibt aber, wie der Beitrag von Stefan Pabst (Jena) zeigt, auch den umgekehrten Weg einer gezielten Namenlosigkeit zugunsten von Genre- oder Werkzusammenhängen. Exemplarisch dafür steht die verlegerische Inszenierung von E.T.A. Hoffmann, der sich zeit seines Lebens nur indirekt einen Namen macht: Bis zu seinem Todesjahr 1822 kennen seine Werke anstelle (s)eines Autornamens nämlich nur eine Formel: „Vom Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier“. Die Art und Weise, mit der Hoffmann auf den reinen Werkzusammenhang reduziert wird, antizipiert eine bis heute populäre Mnemotechnik der Kulturindustrie. Das Genrekino („Von den Machern von…“) hat sie perfektioniert.

Ab der literarischen Moderne geraten die Inszenierungsstrategien zusehends in den Sog anderer, schnellerer Medien. Im Drang der Schriftsteller, sich auch dort entsprechend in Szene zu setzen oder aber demonstrativ zu verweigern, spiegelt sich die wachsende Bedeutung der Mediengesellschaft. Gegenwärtig gehört vor allem die Nutzung der neuen digitalen Medien und / oder sozialen Netzwerke zu den distinktionsträchtigsten Schriftstellerinszenierungen. Man denke an die Pionieraktion, mit der beispielsweise Rainald Goetz seinen „Abfall für alle“ zelebriert hat. Christoph Jürgensen (Göttingen) stellt einen interessanten Vergleich von Goetz mit Alban Nikolai Herbst an: Während ANH im Weblog sein literarisches Präsenzmedium schlechthin gefunden hat und sich in einer Art und Weise auf seine Leserschaft einlässt, die die Grenzen zwischen Text und Paratext radikal unterläuft, ging es Goetz mit dem Internet weniger um Interaktion als die Idee einer puren „Gegenwartsmöglichkeit“.

Für Germanisten, die sich mit literaturbetrieblichen Fragestellungen beschäftigen, bietet der Sammelband reichhaltiges Ausgangsmaterial. Nicht nur wegen seiner Palette an Beispielen, sondern vor allem auch wegen seiner Überlegungen zur Methodik und Systematisierung von schriftstellerischen Inszenierungspraktiken ist ihm eine breite Resonanz zu wünschen.

Titelbild

Christoph Jürgensen / Gerhard Kaiser (Hg.): Schriftstellerische Inszenierungspraktiken. Typologie und Geschichte.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2011.
436 Seiten, 66,00 EUR.
ISBN-13: 9783825358693

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Letzte Änderung: 17.11.2011 - 10:45:23
Erschienen am:14.11.2011
Lesungen: 1905
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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