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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Ein Unikum von Vater

In ihrem Debütroman „Fenster auf, Fenster zu“ beschreibt Manuela Fuelle eine ganz besondere Vater-Tochter-Beziehung

Von Jutta LadwigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jutta Ladwig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Klappentext des Romans „Fenster auf, Fenster zu“ preist den Lesern die „Geschichte einer geteilten, zerstreuten Familie“ an. Das macht neugierig und berührt zugleich, denn jeder hat eine Familie und kann die verschiedensten Geschichten erzählen. Von gemeinsamen Ausflügen, Familienfeiern, Beerdigungen oder schmerzhaften Trennungen und gestörten Beziehungen der Familienmitglieder untereinander. Eine besondere Beziehung schildert auch Manuela Fuellers Ich-Erzählerin, nämlich die zu ihrem Vater.

Seine ganz eigene Logik

Walter ist 84 Jahre alt und ein schräger Typ, der sein eigenes Ding macht. Aber er ist weder krank noch geistig verwirrt, betont Erzählerin Ela, wenn sie so von ihrem Vater spricht. Als er spurlos verschwindet, bitten die beiden Schwestern Ela, die Suche nach Walter zu übernehmen. Sie macht sich auf den Weg aus dem Süden Deutschlands nach Ost-Berlin, wo Walter einen alten Bauernhof gekauft hat. Auf der langen Zugfahrt blickt sie zurück auf ihre Kindheit und Jugendjahre in der ehemaligen DDR. Es sind nicht nur schöne Erlebnisse, die sie rekapituliert, aber unglücklich war die Kindheit nicht. Es gab verwilderte Gärten, Haustiere und die liebenswerte Tante Helga. Der Schule stand der Vater skeptisch gegenüber und wollte seine Kinder sogar selbst unterrichten. Seine verrückten Ideen wirbelten das Leben der Geschwister auf, genauso wie seine Stimmungsschwankungen.

Seine neuesten Eskapaden bieten Grund zur Sorge – zumindest für Elas Schwestern. Der Vater ist sehr sparsam, Brötchen sind ihm zu teuer, weswegen er Mittel und Wege findet, mit dem Bäcker zu handeln und dabei gehörig zu sparen. Auch, wenn er dafür um fünf Uhr früh aufstehen muss. Der Hof, den er kürzlich erworben hat, war auch ein Schnäppchen. Hier hat Walter genug Platz, seine gesammelten Gegenstände unterzubringen, die im Keller keinen Platz mehr haben.

In ruhigen Stunden befasst er sich mit Philosophie, und Theologie. Seine Rückenschmerzen spielt er jedoch herunter, auch als Ela mit ihm ins Möbelgeschäft fährt, um einen speziellen Sessel zu kaufen. Hilfe anzunehmen scheint Walter ein Graus zu sein.

Nein, verrückt ist er nicht, so Ela. Er folgt nur einer anderen Logik. Sorgen macht sie sich dennoch.

Kindheit aus der Retrospektive

Es ist keine chronologische Erzählung, die Manuela Fuelle ihrer Erzählerin in den Mund legt. Vielmehr geht Ela assoziativ vor, wenn sie aus der Retrospektive ihre Kindheit wieder aufleben lässt. Lakonisch und erheiternd schildert sie ihre Erinnerungen und gibt ihnen damit eine nachdenkliche Nuance. Dies fesselt und berührt gleichermaßen, weil jeder sich in Elas Lage hineinversetzen kann. Gibt es nicht in jeder Familie ähnliche Situationen? Humor darf dabei nicht fehlen. Geschickt plaziert die Autorin ihn zwischen den Zeilen und verleiht den Geschehnissen eine ungezwungene Leichtigkeit, die den Lesern Elas Geschichte erst richtig nahe bringt.

Sprachlich jedoch ist „Fenster auf, Fenster zu“ eine Herausforderung, auf die man sich einlassen muss. Der Roman bietet wenig Dialog, meist monologisiert die Erzählfigur und gibt so ihr Inneres preis. Die kurzen, teilweise unvollständigen Sätze, die die Leser mühelos selbst vervollständigen können, spiegeln ebenfalls Elas Gefühle wider. So bekommt man den Eindruck, als befände man sich mitten im Kopf der Erzählerin, die eine Flut von hereinbrechenden Erinnerungen verarbeiten muss. Das verleiht dem Buch Tiefe und Authentizität.

Auch bei der Beschreibung ihrer Mitmenschen verzichtet die Erzählerin auf ausführliche Charakterisierungen und moralische Wertungen, sondern macht sie durch ihre Äußerungen und Handlungen lebendig und greifbar.

Eine besondere Vater-Tochter-Beziehung

Beim Lesen von „Fenster auf, Fenster zu“ stellt sich immer wieder die Frage: Was ist das nun für einer, der Vater? Und wie verhält sich die Tochter dazu? Dabei beschleicht den Leser immer der Verdacht, dass hier der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen ist. Ein seltsamer Vogel ist Walter, mit ungewöhnlichem Verhalten, fast würde man schon sagen schrullig. Doch, und das klingt öfter im Roman an, hat auch Ela ihre Eigenarten. So müssen ihre Schwestern ihr einen Brief schreiben und sie bitten, nach dem Vater zu sehen, weil Ela nicht ans Telefon ging – weil sie einfach keine Lust hatte.

Die letzten sieben Kilometer zum Hof des Vaters muss sie zu Fuß in der Dämmerung zurücklegen, weil sie den Zug verpasst hat. Als ein Jeepfahrer sie am Bahnhof aufsammelt und ins Dorf fährt, packt Ela plötzlich die Angst, einem Massenmörder in die Hände gefallen zu sein. So neurotisch steht sie ihrem Vater in nichts nach.

Am Ende steht Ela vor verschlossener Tür, keine Lichter brennen auf dem Hof und es beginnt zu regnen. Wo ist der Vater? Waren die Sorgen der Geschwister begründet? Und sind Elas Erinnerungen das Vorspiel eines bevorstehenden Abschieds? Schließlich ist Walter nicht mehr der Jüngste. Fragen, die der Leser für sich beantworten muss. Manuela Fuelle lässt ihn mit Ela im Regen stehen.

„Fenster auf, Fenster zu“ ist ein berührender Roman mit einer ganz eigenen Sprache. Hat man sich aber erst einmal eingelesen, stellt sich schnell das Gefühl ein, Teil etwas ganz Einzigartigem zu sein.

Titelbild

Manuela Fuelle: Fenster auf, Fenster zu. Ein Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2011.
250 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783863510169

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Letzte Änderung: 14.11.2011 - 16:26:11
Erschienen am:14.11.2011
Lesungen: 1362
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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