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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Idylle und Dramen als Nachbarn

Siegfried Lenz’ Erzählungen „Die Maske“

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Aus dem Quartett der Großmeister der deutschen Nachkriegsliteratur war Siegfried Lenz immer der unspektakulärste, leiseste und zurückhaltendste Vertreter. Anders als Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser sorgte Lenz außerhalb des literarischen Lebens fast nie für Schlagzeilen. Alles, was uns der große Humanist zu sagen hatte, stand in seinen unzähligen Romanen

(u.a. „Deutschstunde“, „Heimatmuseum“) und Erzählungen (etwa „So zärtlich war Suleyken“, „Das serbische Mädchen“). Zuletzt war Lenz mit der Novelle „Schweigeminute“ (2008) noch einmal ein ganz großer literarischer Wurf gelungen, vielleicht sogar das gefühlsintensivste Buch seines gesamten Werkes.

Um es gleich vorwegzunehmen: Den großen Glanz früherer Erzählwerke kann das neue, schmale Bändchen mit seinen fünf knapp gehaltenen Texten nicht versprühen. Wieder sind es auf den ersten Blick harmlose Situationen, die die Lenz-typischen „kleinen Tragödien“ auslösen und die Figuren durch ein Wechselbad der Gefühle jagen.

Da ist der Museumswärter Krell, der ein beinahe erotisches Verhältnis zur Kunst pflegt und zum „Trittbrettfahrer“ eines Kunstraubs wird. Nach einem Einbruch ins Museum erliegt er der großen Versuchung, lässt sein wertvolles Lieblingsbild „Antonia mit dem blauen Schal“ kurzerhand verschwinden und schmuggelt es in sein Haus. Glücklich wird Lenz’ Hauptfigur damit allerdings nicht. Er wird von inneren Zwiespälten geplagt, und zudem entwickelt seine Frau Sandra eine geradezu neurotische Eifersucht auf das Kunstwerk. Das Ende hat tragische Züge. Die Frau verstümmelt das Kunstwerk, und der Museumswärter schmuggelt es dann wieder an seinen angestammten Platz zurück. Das wirkt heute – in Zeiten hochtechnischer Sicherungsmechanismen – ein wenig realitätsfremd, doch Lenz geht es nicht um einen plausiblen Fallbericht über einen Diebstahl, sondern um die umschlagenden, oft nicht zu erklärenden Gefühle der Figuren.

Reichlich Emotionen sind auch in der Titelgeschichte „Die Maske“ im Spiel. Darin geht es zunächst um die behutsame Annäherung von Jan und Lene auf einer norddeutschen Insel. Der Pädagogikstudent weilt als Feriengast seines Großvaters im hohen Norden, als das Techtelmechtel am Rande eines zufälligen „Maskenballs“ beginnt. Ein Schiff aus China hatte einen mit Masken beladenen Container vor der Insel verloren. Bewohner und Feriengäste verschaffen sich maskiert „neue Identitäten“ und entfachen so ein buntes, unkontrolliertes Treiben – eine Gratwanderung zwischen Ausgelassenheit und Aggressivität. Und zwischen Jan und Lene rückt unvermittelt eine Kunststudentin. „Ob du es glaubst oder nicht, Jan, aber mit der Maske warst du ein anderer“, befindet die ambitionierte Porträtzeichnerin. Wieder regiert am Ende ein diffuses Gemisch aus Eifersucht und Misstrauen, denn Lene verlässt ganz plötzlich die heimische Insel.

Abrupte Wendungen kennzeichnen auch die drei übrigen Geschichten des Bandes. Kapitän Klockner steht im Mittelpunkt einer groß angelegten Feier, auf der er als Retter geehrt werden soll, obwohl er selbst durch seine Starrköpfigkeit erst die Notlage seines Schiffes verursacht hat. Er lehnt die Auszeichnung ab und gibt sie weiter an einen Journalisten. Mit dieser Form der inneren Zerrissenheit, einer leidvollen Auseinandersetzung mit der „subjektiven Wahrheit“ bekommt es auch der in einer Klinik weilende Schriftsteller Fred Haller in der Erzählung „Ein Entwurf“ zu tun. Ein Bettnachbar hört ihm und seiner psychisch angeschlagenen Ehefrau zu. Haller liest ihr den erfundenen Lebenslauf des gemeinsamen Sohnes Sven vor, detailliert und mit etlichen Stationen versehen. Hallers Bericht endet dramatisch, doch seinem Bettnachbar gesteht er den für seine Frau erfundenen Schwindel: „Unser Sven ist bei der Geburt gestorben.“

Im abschließenden Text steht ein international bekannter Filmregisseur im Mittelpunkt, der bei einem Interview über sein neues Projekt Auskunft gibt. „Idylle und Dramen sind manchmal Nachbarn“, bekennt jener Elmar Voss mit Blick auf seinen neuen Film. Es soll eine Aufsteiger-Geschichte mit tragischem Ende werden. Eine Figur, die als Vorkoster auf einem Luxusschiff arbeitet, trägt bei einem Unfall eine irreversible Schädigung des Geschmackssinns davon. Dies ist allerdings kein neuer Handlungsplot, denn ein ähnliches Schicksal erlitt auch schon der Tee-Experte Willy Wittmann im 1994 erschienenen Lenz-Roman „Die Auflehnung“.

Die fünf Erzählungen dieses Bandes sind außerordentlich hübsch arrangiert, unaufgeregt und präzise erzählt, aber dennoch wirkt alles etwas patiniert und angestaubt, wie Schwarz-Weiß-Fotos aus einer ganz fernen Epoche.

„Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen,“ lässt Lenz den Filmregisseur Voss in der den Band abschließenden Erzählung „Das Interview“ sagen und charakterisiert damit auch ein wenig seine eigenen Texte. Der große Welterklärer wollte er nie sein. Auch das hat den inzwischen 85-jährigen Siegfried Lenz und seine Bücher so sympathisch und authentisch gemacht. Der Glanz seiner fünf neuen Erzählungen ist – gemessen an früheren Werken – deutlich matter ausgefallen. Geblieben sind der Charme und die zeitlose Schönheit seiner Sprache.

Titelbild

Siegfried Lenz: Die Maske. Roman.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011.
128 , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783455400984

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Letzte Änderung: 10.11.2011 - 15:18:49
Erschienen am:10.11.2011
Lesungen: 1786
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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