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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Literaturwissenschaft
 
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Ach, wie gut, dass niemand weiß…

Stephan Pabst gibt einen Tagungsband zu „Anonymität und Autorschaft“ heraus

Von Clarissa HöschelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Clarissa Höschel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der zunehmenden Bedeutung des Internets als globales Forum zur Äußerung jeglicher Art von Ansichten, Meinungen oder Sichtweisen hat auch der anonyme Autor eine Renaissance erfahren, wenngleich diese Art von Autorschaft in den allermeisten Fällen nichts mit dem zu tun hat, was sich unter dem Oberbegriff Literatur subsumieren ließe. Dennoch bedeutet diese moderne Ausprägung das vorerst letzte Kapitel in der langen Geschichte der anonymen Autorschaft, die Thema einer Tagung war, zu der im Frühjahr 2009 Vertreter unterschiedlicher Fakultäten und verschiedener Universitäten in Weimar zusammengekommen sind.

Die Quintessenz dieser Zusammenkunft liegt in Form dieses Tagungsbandes vor, der auf insgesamt 375 Seiten 17 Beiträge versammelt, die allein dadurch, dass sie weder kapitel- noch themenweise zusammengefasst sind, für die gleichberechtigte Vielfalt der Inhalte stehen, was sich anhand der Themen auch bestätigt: Jeder Beitrag befasst sich mit einer anderen Facette anonymer Autorschaft, sei es epochen- oder zeitabhängig oder sei es ein Phänomen dieses oder jenes Autors in diesem oder jenem Werk.

Allein anhand der Beitragstitel wird auf den ersten Blick deutlich, dass sich anonyme Autorschaft nicht beschränken lässt auf die Zeit der Aufklärung oder neuerdings die des Internets. Der Einleitungsbeitrag des Herausgebers formuliert und beleuchtet denn auch die Problematik der Fragestellung als solcher, die in einem ersten Schritt versucht, Anonymität im literarhistorischen Kontext zu situieren, dabei aber bereits an gewisse Verständnis- und Definitionsgrenzen stößt. Es zeigt sich auch hier, dass es die anonyme Autorschaft im Sinne einer einheitlichen Motivation in einem normierten Kontext mit rekurrenten Konsequenzen nicht gibt – das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile und die Gründe, weshalb in welchem Moment ein Autor welchen Text unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen anonym veröffentlicht, sind vielfältig, vielschichtig und im Grunde nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen.

Allein die Funktionen der Anonymität sind äußerst komplex und heterogen und reichen historisch vom Schutz des Autors vor persönlichen oder staatlichen Übergriffen über die Wahrung von Diskretion bis hin zum Missbrauch von Anonymität mit dem Ziel, jemandem bewusst zu schaden, wie es mittlerweile im Internet tagtäglich millionenfach geschieht.

Anhand der Vielfalt dieser Funktionen zeigt sich, dass Anonymität nicht automatisch und nicht ausschließlich das Zeichen fehlender Autorschaft ist, sondern durchaus auch gerade die Bedingung für bestimmte Formen von Autorschaft darstellt. Einzig eine geschlechtsspezifische Anonymität konnte nicht nachgewiesen werden; selbst in den Zeiten, in denen schreibende Frauen einen ähnlich schlechten Ruf hatten wie Malweiber oder Blaustrümpfe, ist der Anteil der Frauen an anonymen Autoren nicht höher als heute. Nicht das Geschlecht begründet demnach die Anonymität, sondern andere Gründe wie Gattungskonventionen oder rechtshistorische (Straf- und Eigentumsrecht), mediale (Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Druck) und diskursive (Literatur, Wissenschaft) Aspekte.

Als Hauptproblem bei der Beschäftigung mit diesem Phänomen haben sich die fehlenden statistischen Erhebungen herausgestellt; es gibt solche Untersuchungen weder über die Gründe der anonymisierten Publikation noch über das Verhältnis von onymen und anonymen Publikationen zu bestimmten Zeitpunkten.

Entsprechend versucht der vorliegende Band, sich dem Phänomen anhand der unterschiedlichen Beiträge aus verschiedenen Perspektiven wissenschaftlich anzunähern; die so versammelten Vorgehensweisen und Theorien müssen sich in zukünftigen Diskursen allerdings erst noch bewähren und im Idealfall bestätigen.

Letztendlich ist Anonymität ebenso vielfältig wie viele andere Phänomene und kann aus ebenso vielen Perspektiven betrachtet werden wie es Betrachter gibt. Damit ist der vorliegende Band eine fundierte Zusammenstellung verschiedener Perspektiven (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und ein Abtasten ganz unterschiedlicher Spielfelder von Anonymität seit dem Mittelalter. Den Bogen zur Jetzt-Zeit schlägt der eingangs erwähnte letzte Beitrag, der sich mit Anonymität in den modernen Publikationsmedien, allen voran das Internet, befasst und dabei auch den Missbrauch des Werkzeuges Anonymität thematisiert – wo Anonymität schützt, schadet sie auch, und wo Missstände aufgedeckt werden, bleibt auch Raum genug für Rufschädigung, oder neudeutsch Cybermobbing.

Ob die Missbraucher der Schutzmechanismen heute oder in früheren Zeiten eine Mehrheit darstell(t)en, lässt sich, wiederum in Ermangelung seriöser Statistiken, nicht sagen. Wie überhaupt Vieles zu Sinn und Zweck der Anonymität nicht allgemeingültig formuliert werden kann, weil gerade keine quantifizierenden Untersuchungen vorliegen. Damit steht dieser Forschungsbereich noch ganz am Anfang, was die wissenschaftliche Etikettierung und Klassifizierung betrifft; zur Erfüllung des Anspruchs, aus der hier angedeuteten Heterogenität der Phänomene eine stringente ‚Geschichte der anonymen Autorschaft‘ zu kondensieren, dürfte noch Einiges an Forschungsarbeit zu leisten sein.

Titelbild

Stephan Pabst (Hg.): Anonymität und Autorschaft. Zur Literatur- und Rechtsgeschichte der Namenlosigkeit.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2011.
375 Seiten, 119,95 EUR.
ISBN-13: 9783110237719

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Letzte Änderung: 10.11.2011 - 15:55:27
Erschienen am:14.11.2011
Lesungen: 1464
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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