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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Ödipus und die Trottellummen

Antje Rávic Strubels jüngster Roman „Sturz der Tage in die Nacht“ wirkt hoffnungslos überladen

Von Dorothée LeidigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dorothée Leidig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Es dunkelte bereits an den Rändern. Aber das täuschte nicht über die bevorstehende, rapide Veränderung der nächsten Wochen hinweg, über diesen Sturz der Nachmittage in die Nacht“, heißt es in Antje Rávic Strubels 2007 erschienenen Roman „Kältere Schichten der Luft“. Um eine Windung angezogen und isoliert als Titel vorangestellt, legt der Sturz in die Nacht noch eine Gewichtsklasse zu. Und in der Tat kreist Antje Rávic Strubels jüngster Roman „Sturz der Tage in die Nachtin seiner Adaption des antiken Ödipus-Stoffes gleich um mehrere überaus ernste Themen mit katastrophischen Zügen: eine inzestuöse Mutter-Sohn-Liebesbeziehung, eine mehr oder weniger ernötigte Freigabe eines Neugeborenen zur Adoption, Stasi-Machenschaften und der ökologische Zustand der Ostsee, auf Nebenschauplätzen Sodomie und arrogant-machtgeile Wahlkampfstrategien. Damit ist der Roman hoffnungslos überladen, er ächzt unter dem Gewicht, das die Autorin ihm thematisch aufbürdet. Um alles zusammenzuhalten, greift Antje Rávic Strubel beherzt in den erzähltechnischen Werkzeugkoffer: Wechsel der Erzählposition mit alternierendem Figurenfokus, Vorausdeutungen und mehrstufige Rückblenden in großer Zahl.

Der Roman beginnt damit, dass der Ich-Erzähler Erik an der Reling eines Fährschiffes steht und auf eine schwedische Vogelschutzinsel bei Gotland zurückblickt. Aus dem, was als Tagesausflug geplant war, sind drei Monate geworden, während derer er in der Ornithologin Inez eine Geliebte fand – und seine leibliche Mutter. Auf der Rückfahrt von der Insel sucht Erik nach einer Antwort auf die Frage, wie alles begann. Warum ist er so selbstverständlich auf der Insel geblieben, auf der Touristen eigentlich nicht einmal eine Nacht bleiben dürfen?

Warum Erik eine ganze Woche auf der Insel verweilen darf, bevor Inez ihn als Praktikanten einstellt und ihm damit eine Legitimation verschafft, wird man ebenso wenig erfahren, wie Erik eine Antwort auf seine Anfangsfrage findet. Dafür macht man bereits in der ersten Szene Bekanntschaft mit den Vorausdeutungen, die den gesamten Roman begleiten, selten zu seinem Vorteil. Die sinnschweren Aufladungen verleihen ihm künstlich ein zusätzliches Gewicht und die vagen Ahnungen machen nicht neugierig, sondern erzeugen in ihrer schieren Masse nur Ermüdung und den Eindruck, die Autorin halte die Leserschaft allzu kalkuliert hin.

Auch Inez versucht im Verlauf des Romans vergebens zu fassen, warum sie Erik bei der Ankunft am Arm nahm, eine winzige Berührung zwischen zwei Fremden, die ihrer beider Leben eine andere Richtung gab. Warum nimmt die 41-Jährige ausgerechnet „den Jungen“, immerhin ein junger Mann von Mitte zwanzig, am Abend seiner Ankunft mit zu ihrem ganz persönlichen Beobachtungsposten in den Felsen, von wo aus sie brütende Trottellummen studiert? Dort zeigt sie ihm, wie die Altvögel nachts ihre Nestlinge über die Klippen ins Meer stoßen, damit sie das Schwimmen lernen. Später, als Erik wissen will, wie Alt- und Jungvögel wieder zueinanderfinden, erklärt sie ihm, dass sie sich inmitten hunderter anderer Vögel in den tosenden Wellen an ihren Stimmen erkennen. Ein geradezu aufdringlich symbolträchtiges Bild für Inez und Erik, deren Wege sich kurz nach Eriks Geburt trennten.

Überstrapazierte Bilder gibt es leider zu viele in diesem Buch. Dazu gehören auch die beiden Antagonisten Ton und Feldberg, zwei ehemalige Stasi-Männer, skrupellos und eindimensional wie aus dem Malen-nach-Zahlen-Kasten. Ton, Eriks Vater und inzwischen CDU-Landtagskandidat, möchte die Suche nach seinem verlorenen Sohn publikumswirksam im Wahlkampf einsetzen, was aber nur möglich ist, wenn er eine alte Abmachung mit Inez bricht. Deshalb schickt er Feldberg auf die Insel, der Inez so unter Druck setzen soll, dass sie zu Tons Wahlkampfmanöver schweigt. Ob dies gelingt, soll hier nicht verraten werden.

Um Inez’ Geschichte vor Eriks Ankunft auf der Insel zu erzählen, muss Antje Rávic Strubel zwangsläufig immer wieder zu Rückblenden greifen. Einige dieser Rückblenden sind ihr ausgesprochen gut gelungen, etwa wenn sie lebendig, authentisch und stilsicher eine Gartenparty in der DDR der 1980er-Jahre schildert. Andere, wie etwa der lange Fiebertraum, der Inez in ihre Geschichte mit Felix Ton zurückführt, sind dagegen arg holprig geraten, hinein in die Rückblende und wieder hinaus und wieder hinein. Gewiss, so mag ein Fiebertraum verlaufen, aber wenn Ein- und Ausstiege sich so hölzern lesen oder Leserinformationen so ungeschickt platziert sind wie hier, kommt ein unstimmiges Gemisch aus szenisch erzählten Passagen, erlebter Rede und Informationstransport heraus.

Doch man täte dem Roman Unrecht, wenn man ihn nur an seinen Schwächen mäße. Inmitten der Überfrachtung stößt man immer wieder auf – zuweilen ausgedehnte – Inseln reinster Lesefreude. Wenn Antje Rávic Strubel ihre reichhaltige, klingende Sprache ausspielt, wenn sie das Meer beschreibt, den Lummensprung, Farben, Stimmungen oder Jahreszeiten, dann finden Buch und Leserin wieder zusammen.

Titelbild

Antje Rávic Strubel: Sturz der Tage in die Nacht. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011.
438 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783100751362

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Letzte Änderung: 17.11.2011 - 10:40:48
Erschienen am:17.11.2011
Lesungen: 1454
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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